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Geheimcode Abacus: Die dunkle Vergangenheit des Patrice Tourre

Foto: AP/dpa

Skandalbanker Fabrice Tourre "Intellektuelle Masturbation" an der Uni

Fabrice Tourre ist eins der Gesichter der Finanzkrise: Dank seiner Spekulationen musste Goldman Sachs 550 Millionen Dollar Strafe zahlen, die Düsseldorfer IKB vom deutschen Steuerzahler gerettet werden. Nun sucht er eine neue Beschäftigung: "Fabulous Fab" will in die Wissenschaft.

Wer in Hollywood nicht spätestens jetzt zum Hörer greift, ist wohl im falschen Job: An der Universität von Chicago schickt sich ein junger Mann an, seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften zu machen , mit dem Ziel, später möglicherweise einmal Studenten in die Geheimnisse des Investmentbankings einzuführen. Sein Name: Fabrice Tourre.

Tourre? Da war doch was. Richtig: Das ist der "Fabulous Fab", der erste und bislang einzige Top-Mann von der Wall Street, der vor Gericht für Verfehlungen während der Finanzkrise schuldig gesprochen wurde. Für Goldman Sachs war er 2007 maßgeblich an der Kreation eines Finanzprodukts namens Abacus beteiligt. Gemeinsam mit dem Hedgefonds-Lenker John Paulson steckte er Hypothekenpapiere in dieses Konstrukt und verkaufte es an Investoren, darunter zum Beispiel die IKB Deutsche Industriebank.

Was die Geldgeber nicht wussten: Paulson hatte für Abacus bewusst Papiere ausgesucht, denen er keine große Zukunft einräumte - und wettete hinterrücks auf deren Kursverfall. Unterm Strich gewann der Spekulant auf diese Weise mehr als eine Milliarde Dollar. Und die Abacus-Zeichner verloren Geld in ähnlicher Höhe.

Schon 2010 gestand Goldman Sachs seine Schuld im Fall Abacus ein und zahlte eine Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar. Das Verfahren gegen Ex-Goldman-Banker Tourre dagegen ist noch nicht abgeschlossen. Nach dem Schuldspruch im Sommer vergangenen Jahres forderte die US-Börsenaufsicht SEC zuletzt eine Strafe von mehr als einer Million Dollar für den gebürtigen Franzosen. Ein Berufsverbot ist wahrscheinlich, dann darf er nie wieder als Trader arbeiten.

Tourre wehrt sich vehement. Über seinen Anwalt ließ der inzwischen 35-Jährige dem Gericht in diesen Tagen ausrichten, seine Vorstellung für die Strafzahlung bewege sich eher im Bereich von maximal 65.000 Dollar.

"Intellektuelle Masturbation"

Nun stellt sich die Frage, ob ein Mann mit dieser Vergangenheit jungen Investmentbankern das Handwerk beibringen sollte. Um das zu beurteilen, sind vielleicht noch einige Details hilfreich. Zum Beispiel, was es mit dem Spitznamen des adretten Jungbankers auf sich hat.

Im Laufe des Abacus-Prozesses wurden verschiedene E-Mail-Nachrichten bekannt, die Tourre während der Finanzkrise geschrieben hatte. In denen äußerte er sich überaus unverblümt über sein Geschäft und seine Kunden - und über sich selbst. Zitat: "Das ganze Gebäude stürzt jetzt in sich zusammen. Der einzige mögliche Überlebende, der fabelhafte Fab ... steht mitten in all diesen komplexen, hoch gehebelten, exotischen Geschäften, die er kreiert hat, ohne immer alle Auswirkungen dieser Monstren zu verstehen."

An anderer Stelle bezeichnete Tourre seine Produkte auch einmal als "Ergebnis purer intellektueller Masturbation" oder als "kleinen Frankenstein, der sich gegen seinen Besitzer wendet".

Intime Kenntnis des Investmentbankings

Solche Dokumente lassen keinen Zweifel daran, dass Tourre eine Menge einschlägiger Erfahrung und intimer Kenntnis des Investmentbankings hat. Aber die Frage scheint doch angebracht, ob das wirklich die Dinge sind, die jungen Investmentbankern mit auf den Weg gegeben werden sollten.

Immerhin: Die Professoren in Chicago, wo er vor seiner Zeit bei Goldman studiert hat, sind voll des Lobes. "Tourre war einer meiner besten Studenten", wird eine von ihnen in einem älteren "New York Times"-Artikel zitiert .

In US-Medien wird nun darüber eifrig diskutiert. Viele Unis dürften ihn wegen seiner Vorgeschichte kaum einstellen. Auf der anderen Seite sei der Franzose möglicherweise ohnehin weniger an einer Lehrtätigkeit interessiert, mutmaßt ein Blogger des "New Yorker" , selbst Professor an einer US-Business School. Vielleicht komme die Forschung eher in Frage.

Das fehlte dann noch, als Krönung der fabelhaften Karriere des Fabrice Tourre: Nach dem Anruf aus Hollywood vielleicht irgendwann ein Anruf aus Stockholm.

cr