Der Fundusverwalter Sisyphos mit Bügeleisen

Im Fundus des Theaters lagern die Kostüme der vielen Produktionen aus den vergangenen Jahrzehnten. Er ist der Arbeitsplatz von Guido Hußmann, schon seit 22 Jahren. Er kennt jedes Kostüm und die Geschichten - ein Job mit Folgeschäden.

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Eigentlich müsste es nach Mottenkugeln riechen, nach lampenfiebrigem Schweiß, nach jahrzehntealtem Muff oder dem Staub des Bühnenbodens. Aber nichts da: Guido Hußmann, der Verwalter des Kostümfundus, hat seinen Laden im Griff. Nur ein wenig abgestandene Luft steigt in die Nase, während Hußmann sich zwischen prall gefüllten Kleiderständern durchgequetscht und zielstrebig auf das Brathähnchen-Kostüm zusteuert.

Das hängt in einer dunklen Ecke des Fundus und ist selbst für Theaterverhältnisse ein ziemlich skurriles Stück. Der Fundusverwalter zeigt es gern.

Im Vergleich dazu sind die restlichen Kostüme, die im Fundus des Hauses lagern, fast schon unspektakulär - jedenfalls, solange sie nicht in die Hände von Guido Hußmann kommen. Der studierte Modegestalter kennt die Geschichte von fast allen Teilen: Wer hat sie in welchem Stück getragen, in welcher Rolle und unter welchem Regisseur? Dann beginnt er zu erzählen, von Regisseuren und Schauspielerinnen, von Schnitten und Stoffen. Und was er selbst nicht weiß, liest er auf kleinen gelben Schnipseln nach. Dort hat er alle wichtigen Informationen festgehalten.

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Fundusverwalter: Tannenbaum von der Stange
Sie sind Teil des Systems, das für Ordnung im Fundus sorgen soll. Allein, es ist zum Scheitern verurteilt. Hußmann: "Ich fühle mich wie Sisyphos. Manchmal habe ich gerade alle Kleiderständer einsortiert - dann kommt wieder jemand und bringt alles durcheinander", sagt er und lächelt dabei. "Ich bin nie fertig. Ich kann niemals fertig werden."

Immer Ärger mit Nikolaus

Auch wenn für die meisten Produktionen neue Kostüme geschneidert und genäht werden, ist Hußmann schon bei den Proben mit dabei. Dort sollen die Akteure Kleidung tragen, die dem späteren Kostüm möglichst ähnlich ist. Ein blauer Anzug, ein roter Mantel, Sportkleidung der Siebziger? Leichte Aufgaben für Hußmann, der genau weiß, wo er suchen muss.

Schwieriger sei es mit anderen besonderen Stücken. Immer um den Nikolaus- und Weihnachtstag herum kommen die Mitarbeiter ins Haus, die gerade Kinder im Weihnachtsmann-Alter zu Hause haben. "Seitdem ich hier bin, gibt es diesen Nikolaus-Mantel. Und seitdem auch Terminprobleme", erzählt er. Er könnte den Lauf der Jahreszeiten im Andrang auf den Nikolaus ablesen.

Seit 22 Jahren ist er nun schon am Haus. Eine lange Zeit, die auch bei ihm Spuren hinterlassen hat: Zu Hause hängen die Hemden nach Farbe sortiert im Schrank, und im Kaufhaus kommt es schon mal vor, dass er T-Shirts umsortiert und wieder ordentlich zusammenlegt. "Wenn ich mich dabei erwische, haue ich aber ganz schnell ab."

Steckbrief

  • Name: Guido Hußmann
  • Alter: 47
  • Beruf: Verwalter des Kostümfundus
  • Aufgabe: die Übersicht über jahrzehntelange Theatergeschichte behalten
  • Wichtigstes Utensil: ein Registersystem, das nur er versteht

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.



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