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Bewerbungen Machen Sie sich jetzt mal kein Bild

Eine Bewerbung ohne Bild und Namen - geht das? Gerade kleine Firmen fürchten, das könnte zu aufwendig sein. Mittelständler Stefan Bürkle hat es dennoch versucht. Und war überrascht.
Von Eva-Maria Hommel
Hier geht es nur um die Arbeit

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Foto: Corbis
Zur Person
Foto: privat

Stefan Bürkle, Jahrgang 1968, ist einer der Geschäftsführer von Bürkle + Schöck in Stuttgart. Das Familienunternehmen hat 130 Mitarbeiter und stellt unter anderem Transformatoren und Gebäudesystemtechnik her. 2013 beteiligte es sich am Modellprojekt "Anonym bewerben in Baden-Württemberg" des dortigen Integrationsministeriums.

KarriereSPIEGEL: Herr Bürkle, wer sich bei Ihnen bewirbt, soll auf keinen Fall ein Foto oder Zeugnis beilegen. Warum nicht?

Bürkle: Wir wollen dadurch mehr und andere Bewerber ansprechen. Wir suchen vor allem Elektroniker für Maschinen und Antriebstechnik und für Energie- und Gebäudetechnik. Jedes Jahr brauchen wir zwei bis vier gewerbliche Auszubildende. Wenn wir mal nur einen finden, stehen wir ein bisschen betröppelt da. Ich habe mir gedacht, dass wir vielleicht auch ein Scheuklappendenken haben. Man schaut ein Bild an und sagt Nein - da verschenkt man Potenziale. Deshalb haben wir gesagt: Wir versuchen es mit der anonymisierten Bewerbung.

KarriereSPIEGEL: Wie läuft die ab?

Bürkle: Die Kandidaten füllen ein Onlineformular aus, mit Angaben zu Motivation, Schulabschluss, Praktika, Ehrenamt und weiteren Kenntnissen. Seit zwei Jahren besetzen wir alle unsere Ausbildungsplätze so, aber auch weitere Stellen im kaufmännischen Bereich. Und von den Bewerbern bekommen wir immer positive Rückmeldungen.

KarriereSPIEGEL: Wie können Sie entscheiden, wenn Sie sich kein Bild machen können?

Bürkle: Ich habe auch schon klassische Bewerbungen gehabt mit Fotos, auf denen die Leute ganz anders aussahen als in der Realität. Im Onlineformular gibt es ja das Motivationsschreiben. Wer sich da gut präsentiert, hat eine Einladung fast sicher. Dann lassen wir uns vor dem Gespräch die vollständigen Unterlagen geben.

KarriereSPIEGEL: Viele Arbeitgeber fürchten den Verwaltungsaufwand…

Bürkle: Ich dachte auch immer, das wäre nur für Großunternehmen machbar. Aber das neue Verfahren entlastet uns sogar: Wir haben deutlich weniger Blindbewerbungen, die gar nicht auf unsere Stellen passen. Denn es ist ein gewisser Aufwand, das Formular im Internet auszufüllen, anstatt einfach 50 E-Mails zu verschicken. Außerdem brauche ich mir als Arbeitgeber keine Gedanken um das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zu machen, weil ich nicht diskriminiere. Und es macht nach außen einen positiven Eindruck. Wir haben sogar 2014 einen Preis gewonnen für gute Ausbildung von jungen Migranten.

KarriereSPIEGEL: Was raten Sie anderen Mittelständlern, die anonymisierte Bewerbungen einführen möchten?

Bürkle: Das muss eine Teamentscheidung sein, aber es muss auch von der Geschäftsführung maßgeblich geleitet werden. Meinen Mitarbeitern würde ich immer sagen: Es ist nicht wichtig, woher der Mensch kommt, sondern wohin er will.

KarriereSPIEGEL: Stellen Sie jetzt andere Kandidaten ein als früher?

Bürkle: Wir haben durchaus Leute eingeladen, die im klassischen Verfahren nicht zum Zuge gekommen wären. Zum Beispiel hatten wir eine Bewerberin mit einer Vier im Hauptschulabschlusszeugnis. In der Berufsschule hat sie dann teilweise Einsen geschrieben. Auch Frauen im mittleren Alter mit Kindern bewerben sich, das gab es früher selten. Kandidaten ausländischer Herkunft hatten wir schon vorher - mehr als 60 Prozent unserer Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund.

KarriereSPIEGEL: Stellen Sie auch Flüchtlinge ein?

Bürkle: Leider haben wir bis jetzt keine Bewerbungen von Flüchtlingen bekommen. Wir würden uns aber darüber freuen. Wahrscheinlich würden wir zuerst ein Praktikum oder eine Testphase anbieten, um zu schauen, wie qualifiziert sie sind.

KarriereSPIEGEL: Einem geeigneten Bewerber würden Sie eine Chance geben?

Bürkle: Selbstverständlich. Wir sind ja darauf angewiesen. Leider passiert fast nichts auf politischer Ebene, damit wir Flüchtlinge leichter einstellen können.

KarriereSPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Bürkle: Die aktuelle Gesetzgebung ist undurchschaubar: Dürfen wir den Flüchtling ausbilden oder ihm nur einen Hilfsarbeiterjob anbieten? Und dann der Aufenthaltsstatus. Es ist schwierig, wenn jemand mit einem Dokument kommt, aus dem nicht ersichtlich ist, wie lange er bleiben darf. Das Elektrohandwerk fordert ja "3+2": Wenn jemand eine Ausbildung macht, soll er noch zwei Jahre bleiben dürfen, sodass wir auch einen Ertrag haben. Und es muss auch möglich sein, dass man jemanden aus einer anderen Region nach Stuttgart holt.

KarriereSPIEGEL: Was schlagen Sie vor, damit Flüchtlinge leichter beschäftigt werden können?

Bürkle: Da hätte ich eine Idee für die Bundesagentur für Arbeit. Ich stelle mir eine Onlineplattform für registrierte Arbeitgeber und Flüchtlinge vor. Sodass man auf einen Blick sieht: Was kann die Person, welchen Abschluss hat sie, wie gut kann sie Deutsch, wie ist ihr Aufenthaltsstatus? So könnte man Leute, die erst ein paar Monate hier sind, schon auf dem Arbeitsmarkt vermitteln.

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