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Volker Kitz

Konzentration im Job So halten Sie sich Ablenkungen vom Hals

Volker Kitz
Ein Gastbeitrag von Volker Kitz

Zwischen Homeoffice und Büroalltag: Wie widerstehen wir Ablenkungen? Unser Autor gibt Ratschläge aus der aktuellen Forschung – und weiß, welches alte Hotelritual jeden produktiver macht.

Foto: sorbetto / Getty Images

Drei bis vier Minuten – länger bleibt uns heute nicht mehr, um uns bei der Arbeit auf eine Sache zu konzentrieren. Das haben Wissenschaftler nachgemessen. Dann kommt schon die nächste Ablenkung: Eine Nachricht, ein Anruf, jemand schreit etwas über den Schreibtisch. In Deutschland klagt fast die Hälfte der Beschäftigten über häufige Störungen und Unterbrechungen bei der Arbeit. Fehler, Stress, Frust sind die Folgen.

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Joachim Gern

Volker Kitz  ist promovierter Jurist. Er forschte am heutigen Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und ist Autor mehrerer Bestseller. Aktuell erschienen ist »Konzentration – Warum sie so wertvoll ist und wie wir sie bewahren«.

Sogar ein eigenes Forschungsgebiet ist um das Thema entstanden: das »Human Interruption Management«. Die meisten Unterbrechungen im Büroalltag verur­sacht demnach die Kommunikation. Hierarchien wer­den flacher, Teams arbeiten projektbezogen, dynamisch, agil. Ständig entstehen neue Netzwerke. Kamen früher spon­tane Kontakte nur über das Telefon und durch die Bü­rotür, sprudeln heute Fragen, Antworten, Kommentare über immer mehr Bildschirme, Chatgruppen, Verteiler. Sie werden in Echtzeit geboten und erwartet. Wir stehen mit immer mehr Menschen in Verbindung. Weitere Ablenkung provozieren örtliche Umstände: Lärm, Unruhe, Hitze, Kälte, Unordnung, Platzmangel bis hin zur Politik des »Hot Desking«, bei dem jeder je­den Tag einen freien Schreibtisch suchen, ergattern, be­ziehen muss.

Podcast Cover

Was ist dringend – und was kann warten?

Die Gegen­mittel, die die Forschung ausgemacht hat, sind verblüffend einfach – doch sie haben es in sich. Zum Beispiel das Schild in Hotels: »Bitte nicht stören«. Schon wer so ein Schild ein oder zwei Stunden täglich an Tür oder Schreibtisch hängt, arbeitet deutlich konzentrierter, wie die Untersuchungen zeigen. Viele Messengerdienste ermög­lichen, einen entsprechenden Status gegen die digitalen Störungen einzustellen. Auch geht die digitale Welt nicht unter, wenn man den auto­matischen Eingangston für E-Mails und andere Nachrichten deaktiviert und Post nur zu bestimmten Zeiten abruft. Knappe Antworten, gar Ein-Wort-Antworten (»Ja.«), klingen brüsk. Aber sie kön­nen Unterbrechungen kurz halten. Entscheidend ist, dass man sich über den Ton einigt – und darauf, ihn nicht per­sönlich zu nehmen.

Besonders schwer scheint es heute, dringende Nach­richten von nicht dringenden zu unterscheiden. Das hat damit zu tun, dass der ursprüngliche Zweck eines Mobil­telefons bei vielen aus der Mode gekommen ist: das Tele­fonieren. Weil sich so viele lieber schreiben, müssen wir ständig prüfen, ob blinkend, vibrierend oder stumm etwas eingegangen ist, das sofor­tige Reaktion erfordert. Mehr Raum für Konzentration auf andere Dinge könnten wir schaffen, indem wir eine al­te Regel wiederbeleben: Wenn es wirklich eilt, nicht schreiben, sondern anrufen.

Auch die Geräuschkulisse spielt eine Rolle, aber nicht immer so, wie man denken könnte. Manch einer, der glaubte, sich am besten in Ruhe konzentrieren zu können, wurde im einsamen Homeoffice eines Besseren belehrt. So erlebte das Onlineprogramm »Calm Office« einen Boom. Es simuliert Bürogeräusche nach individueller Vorliebe: Klimaanlage, Tastaturgeklapper, Kollegengemurmel. Denn dass vor allem Mozart der Konzentration hilft, glaubte man nur früher. Der »Mozart-Effekt« hat sich als großer Wissenschaftsirrtum herausgestellt. Heute weiß man: Es kann genauso ein Podcast sein, Hauptsache, wir mögen, was wir hören.

Geräusche kosten Kraft

Anders als die Augen können wir die Ohren allerdings nicht schließen oder abwenden. Sie empfangen auch unerwünschte Geräusche. Zwar gelang es Probanden in Experimenten überraschend gut, Geräusche im Gehirn auszublenden. Das aber verbraucht geistige Ressourcen, die der Konzentration fehlen. Wie sehr ein Geräusch stört, hängt davon ab, wie viel Sprache darin steckt – sowohl in dem Geräusch als auch in der Tä­tigkeit. Je stärker ein sprachliches Geräusch auf eine sprachliche Aufgabe trifft, desto stärker stört es die Konzentration. Zu sprachlichen Geräuschen gehören Unter­haltung und Gesang – aber auch unregelmäßiger Baustel­lenlärm wirkt sprachähnlich. Sprachliche Aufgaben umfassen Lesen und Schreiben, aber auch Rechnen, denn Zahlen merken wir uns als Wörter.

Die Kollegen sind zum Glück nicht nur Störfaktoren. Sie können die Konzentration auch beflügeln. Experimente belegen: Routineaufgaben lassen sich besser in Gesellschaft erledigen. Die Anwesenheit anderer schafft im Gehirn ein Erregungsniveau, das unsere Aufmerksamkeit aufrechterhält. Außergewöhnliche, komplizierte Aufgaben bewältigen wir hingegen am besten allein. Mit diesem Wissen lässt sich im Einzelfall klug zwischen Großraumbüro und Homeoffice oder anderem Rückzugsort entscheiden.

Perspektive Fliege

Und wenn die Ablenkung gar nicht von außen kommt? Wenn die Versuchung überhandnimmt, im Internet zu surfen oder sich gerade jetzt einen Kaffee zu holen? Der Psychologe Walter Mischel empfiehlt, sich selbst aus der Perspektive einer Fliege an der Wand zu betrachten. Das hilft, sich von den eigenen Impulsen zu distanzieren und ihnen nicht ausgeliefert zu sein. Aus »Ich muss jetzt in die Rauchpause« wird »Da sitzt ein Mensch, der gern in eine Rauchpause gehen würde«. Es ist viel leichter, der zweiten als der ersten Version anzufügen: »Das kann dieser Mensch genauso gut in einer halben Stunde tun, dann sogar länger und mit dem schönen Gefühl, eine Aufgabe abgeschlossen zu haben.«

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch »Konzentration – Warum sie so wertvoll ist und wie wir sie bewahren«.

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