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Digitale Jugendsünden Was tun, wenn peinliche Posts plötzlich publik werden?

Als Teenager hat die Chefin der Grünen Jugend Tweets verfasst, für die sie sich heute schämt. Wie geht man mit seiner Social-Media-Geschichte um? Experte Felix Beilharz sagt, was man löschen sollte – und was nicht.
Ein Interview von Maren Hoffmann
Social Media können zur Last werden, wenn alte Posts das gegenwärtige Leben einholen

Social Media können zur Last werden, wenn alte Posts das gegenwärtige Leben einholen

Foto: FilippoBacci / Getty Images

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Als Jugendliche hat Sarah-Lee Heinrich, neue Bundessprecherin der Grünen Jugend, Posts verfasst, die sie heute als problematisch empfindetund hat sich nach Morddrohungen vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wie relevant sind solche Äußerungen Jahre später noch? Und wie kann man digitale Jugendsünden aus der Welt schaffen? Der Social-Media-Experte Felix Beilharz rät zu schnellem Handeln.

Zur Person
Foto: Felix Beilharz

Der studierte Jurist Felix Beilharz arbeitet seit 2011 als Vortragsredner und Trainer zum Thema Social Media. An der Technischen Hochschule Köln unterrichtet er im Weiterbildungsangebot Social Media Manager und ist auch an der Universität St. Gallen und der Hochschule Würzburg-Schweinfurt tätig.

SPIEGEL: Wie kann man verhindern, dass digitale Jugendsünden einen einholen?

Felix Beilharz: Streng genommen gar nicht. Die meisten werden sich kaum erinnern können, was sie vor acht oder neun Jahren oder noch früher gepostet haben. Und es geht ja nicht nur um die eigenen Posts und Tweets – sondern auch um Posts anderer Nutzer, die man gelikt oder kommentiert hat. Wenn Sie schon jahrelang auf sozialen Medien unterwegs sind, ist das kaum noch zu überblicken. Und wenn Sie problematische Einträge nicht aktiv löschen, sind sie immer noch da.

SPIEGEL: Angenommen, ich habe das Gefühl, da könnte was sein – was sollte ich als Erstes tun?

Beilharz: Als allererste Maßnahme stellen Sie Ihre Accounts von »öffentlich« auf »privat« – bei Facebook und Instagram geht das problemlos. Das verschafft Ihnen Zeit, selbst alles durchzugehen und mögliche Altlasten auszusortieren. Nur bei Twitter ist alles öffentlich. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie das alles von Hand durchgehen wollen oder, auch das ist möglich, einen klaren Cut machen und vielleicht alles löschen wollen, was vor einem bestimmten Datum gepostet wurde. Das geht mit Tools wie Tweet Deleter ganz schnell. Oder Sie suchen gezielt in Ihrem eigenen Account mit bestimmten Schlagwörtern nach problematischen Posts.

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SPIEGEL: Gibt es Firmen, die einem so etwas abnehmen?

Beilharz: PR-Agenturen oder Reputation-Management-Anbieter machen so etwas – wenn es um mehrere Jahre geht, in denen Sie viel gepostet haben, kann das aber schnell etliche Tausend Euro kosten. Das lohnt sich eher für Menschen in sehr exponierten Positionen.

SPIEGEL: Ist die digitale Vergangenheit für normale Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überhaupt relevant – oder nur wichtig, wenn man politisch oder anderweitig eine größere Karriere anstrebt?

Beilharz: Das ist schon für jeden und jede wichtig. Es mehren sich arbeitsgerichtliche Urteile, in denen es bis hin zu Kündigungen ging, wenn Arbeitnehmer sich auf sozialen Plattformen danebenbenommen haben. Arbeitgeber dürfen zwar aus Datenschutzgründen nicht die Accounts ihrer Angestellten durchforsten, auch nicht die öffentlich einsehbaren, aber was einmal da ist, ist schwer aus der Welt zu schaffen. Die digitale Vergangenheit kann bei der nächsten Beförderung oder einem Jobwechsel eine Rolle spielen, auch wenn das nicht so kommuniziert werden würde. Die Grundregel ist immer: Posten Sie nichts, was Sie nicht auch auf einem Podest in der Mitte der Innenstadt öffentlich verkünden würden.

SPIEGEL: Nur dass man als Jugendlicher auf einer Bühne in der Innenstadt unter Umständen andere Dinge anstellen würde als in gesetzterem Alter. Also doch lieber alles löschen? Oder gleich neue Accounts anlegen?

Beilharz: Das halte ich nicht für die beste Option. Es sieht ja merkwürdig aus, wenn Sie als Person, die digital kompetent wirken möchte, erst ab Ende 2021 Social-Media-Accounts besitzen. Oder wenn Sie zwar seit 2010 Accounts haben, sich aber für die ersten fünf Jahre überhaupt keine Einträge finden. Das wirkt wenig vertrauenerweckend. Wenn man es irgendwie schaffen kann, sollte man seine Historie von Hand durchgehen oder durchgehen lassen – und vielleicht nur alles löschen, was vor dem 16. Geburtstag war.

SPIEGEL: Was aber, wenn andere vor mir fündig werden und peinliche Posts finden?

Beilharz: Das kann auch passieren, wenn Sie schon alles gelöscht haben – schließlich kann es immer sein, dass jemand einen Screenshot gemacht hat. Das muss nicht immer ein Problem sein. Oft ist die beste Möglichkeit, dazu zu stehen, dass man früher eine andere Meinung hatte und sich entwickelt hat. Das pauschale Löschen ist eher das letzte Mittel, zu dem man greifen sollte, schon gar nicht aus Angst vor ein paar vielleicht peinlichen Tweets. In den Reaktionen auf Sarah-Lee Heinrich zeigen ja viele Nutzer Verständnis dafür, dass man nicht an dem gemessen werden sollte, was man als Jugendliche gesagt hat.

SPIEGEL: Hat sie aus Ihrer Sicht richtig reagiert?

Beilharz: Es macht schon den Eindruck. Es ist wichtig, erst einmal nicht lange zu schweigen, sondern schnell und offen zu reagieren, wenn peinliche Posts plötzlich öffentlich werden. Aussitzen ist die schlechteste Idee – wenn Sie mehrere Tage lang schweigen, gibt das erst recht Raum für Spekulationen. Beziehen Sie Stellung, erklären Sie, was hinter dem peinlichen Post steckte – vielleicht war es ja nur ein Insidergag? Oder Sie stehen dazu: Hey, ich war 14, heute würde ich so etwas auf keinen Fall mehr posten, und hier ist meine aktuelle Meinung. Einen Fehler eingestehen ist immer besser, als ihn zu vertuschen, denn das führt zielsicher ins nächste Fettnäpfchen. Rausreden macht alles nur schlimmer. Sagen Sie dann ehrlich: Es tut mir leid, und zeigen Sie eine klare Haltung. Eine klare, öffentlich einsehbare Aussage reicht aus. Sie müssen nicht auf jeden Kommentar einzeln eingehen.

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