Prima, Ballerina Die Verwandlung

Ihr Traumberuf als Kind: Ballerina. Für das neue Magazin SPIEGEL JOB wollte unsere Autorin erfahren, wie es in einer Tanzkompanie wirklich zugeht. Sie traf die Spitzensolistin Hélène Bouchet - eine Begegnung inklusive Schmerz und Applaus.

Marie Hochhaus/ SPIEGEL JOB

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Als ich klein war, sechs oder sieben Jahre alt, habe ich mich verknallt: in diese neue Ballettschule. Durch die Eisenstangen unseres Balkons wurde ich Zeugin hinreißender Verwandlungen. Im Haus gegenüber verschwanden Mädchen in dicken Winterjacken. Und tauchten hinter den Fenstern wieder auf, in rosafarbenen Gymnastikanzügen, mit weißen Tutus, elegant und hübsch, wie Prinzessinnen. Das wollte ich auch. Nur bis zum Sommer hielt ich das Training durch. Ich war zu unbeweglich, zu undiszipliniert. Sollten wir ein Rad schlagen, kam ich als Letzte dran: die mit dem "Froschrad", der die Lehrerin helfen musste. Das Ballett und ich - es blieb eine kurze Liebelei, damals, vor 20 Jahren. Wenn ich aber Fotos von Primaballerinen sehe oder eine Aufführung besuche, ertappe ich mich heute dabei, im Konjunktiv zu denken: Was wäre, wenn ...?

+++ 8.45 Uhr Frühstück: Marmeladenbrot, Kaffee, Zigarette +++

Hélène Bouchet öffnet in Jogginghose und Wollmantel ihre Wohnungstür. Hamburg-Uhlenhorst, hohe Decken, Holzdielen. Vor einer halben Stunde ist sie aufgestanden, hat gefühlt, ob Arme, Beine, Rücken verräterisch ziehen oder zwicken. Tut etwas weh, das gestern noch in Ordnung war?

Die 33-jährige Französin ist Erste Solistin in der Tanzkompanie von John Neumeier. Besser geht es in ihrer Welt kaum. Besser geht es für mich kaum: Einen Tag lang darf ich sie begleiten. Sie, die meinen Konjunktiv lebt. Hélène Bouchet ist 1,68 Meter groß, wiegt 50 Kilogramm, die braunen Haare fallen bis zur Mitte ihres schmalen Rückens. Sie wirkt aufgeschlossen, duzt mich sofort. Und sie sieht aus, sie bewegt sich ganz wie eine Ballerina. Die Zigarette am Bistrotisch raucht sie in bester Haltung; beugt sie sich hinunter zu ihren Katzen Yoda und Pepsi, dann mit durchgestrecktem Rücken. Ihr gegenüber: Carsten Jung, Erster Solist. Die beiden stehen gemeinsam auf der Bühne. "Wir verstehen uns", sagt Hélène, "alles Gute und alles Schlechte am Job müssen wir nicht erklären." Die Kompanie scheint eine sehr kleine Welt zu sein.

+++ 10 Uhr Morgentraining vor der riesigen Spiegelwand: 20 Tänzerinnen, ein Pianist, der Ballettmeister gibt die Bewegungen vor +++

Hélène biegt ihren Rücken nach hinten, als wäre er Gummi. Meiner knackt schon auf halbem Weg bedrohlich. Im Stehen hebt sie das rechte Bein senkrecht in die Höhe, ihr Kopf schmiegt sich an die Wade. So nah kamen sich mein Kopf und meine Wade nie, sie führen eine Fernbeziehung.

Nach 20 Minuten beginnt Hélène leicht zu schwitzen. Da habe ich längst aufgegeben. Sechs Tage pro Woche trainiert Hélène morgens im Ballettzentrum. Wickelt erst ihren großen Zeh in Luftpolsterfolie, dann umwickelt sie alle Zehen zusammen, bevor sie ihre Füße in die Spitzenschuhe presst. Ungefähr 360 Paar verschleißt sie jedes Jahr. So leicht ihre Bewegungen wirken, so fließend, so anmutig - ihre Füße verraten die Strapazen der Jahrzehnte. Sie sind schief, wund, mit Hornhaut und roten Flecken. Einmal fielen ihr nach einer Aufführung die Nägel der großen Zehen ab. Einfach so.

+++ 11.30 Uhr Probe für die "Tatjana"-Premiere im Juni: in der Hauptrolle Hélène Bouchet +++

Das Hamburg Ballett lässt Außenstehende nicht so gern hinter die Kulissenblicken, auch bei mir hatte man Sorge, dass ich nur über Ballettklischees berichte, über Entbehrung, Bulimie oder Tortur. Nach einigen Gesprächen kann ich Hélène Bouchet dann doch treffen und begleiten, aber es gibt Grenzen: Bei der "Tatjana"-Probe darf ich nicht dabei sein. John Neumeier hat die Kompanie zu einer der besten der Welt gemacht; eine neue Choreografie soll niemand vorher sehen. Die Türen bleiben zu.

Wuchert dahinter Neid unter Kollegen? Gibt es Kämpfe um die Hauptrolle? "Wir freuen uns gemeinsam, wenn eine Vorführung gut lief, und unterstützen uns gegenseitig, während wir hart trainieren", sagte Hélène mir beim Morgentraining. "Wir sind wie eine Familie." Man wünscht ihr, dass es stimmt. Ihre Eltern leben in Cannes, die Tänzerin sieht sie nur im Urlaub. Zwei Wochen sind der längste Zeitraum ohne Training für Hélène.

+++ 14 Uhr Mittagessen in der Ballett-Kantine: Reis, Fleisch, Gemüse, Wasser - und ein bisschen Ruhe +++

Sie sieht erschöpft aus. Proben für eine neue Kreation seien besonders anstrengend, sagt sie, weil alles neu sei, von der Musik über die Bewegungen bis zu den Emotionen. "Mein Körper ist wie eine Speicherkarte." Selbst wenn sie sich an eine Choreografie nicht mehr bewusst erinnert - ihre Muskeln wüssten sofort, was sie zu tun hätten. Aber bei neuen Bewegungen bekomme selbst sie ab und zu Muskelkater. Erschöpfung während der Aufführung bemerke sie oft gar nicht. Erst wenn sie unter der Dusche stehe, fühle sie die Muskelverspannungen und Anstrengungen der Vorstellung.

"Ich will den Schmerz spüren", sagt sie. Sie will wissen, wo genau er sitzt, wie stark er ist. Wie weit sie gehen kann, ohne ihre Karriere zu gefährden. "Schwachstellen", so nennt sie ihre Knie, ihre Füße, ihre Waden. "Wir haben unseren Körper jahrzehntelang geformt, gestählt und auf ihn geachtet, um den Traum von einer Karriere als Tänzer so lange wie möglich leben zu können." Sie sagt das, als redete sie übers Wetter.

Schon sehr früh hatte Hélène sich für das Ballett entschieden. "Ich war ein extrem lebhaftes, aufgedrehtes Kind, ich muss meine Mutter wahnsinnig genervt haben." Die Tante schlug Tanzen als Energieventil vor, da war Hélène acht. Nur fühlte sie sich nach dem Training nicht erschöpft - sie wollte mehr. Mit zwölf musste sie wählen: Musik oder Tanz? Und zum Ende ihrer Schulzeit: Abitur oder Aufführung in London? Sie entschied sich für das Ballett. Immer.

Aus SPIEGEL JOB 1/2014
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"Ich habe mein Familienleben früh geopfert", sagt Hélène. Das will sie mit eigenen Kindern nachholen, ein Junge und ein Mädchen sollen es einmal werden. Bis jetzt sei der richtige Moment noch nicht gekommen. Bis jetzt nennt sie ihre Katzen ihre Babys. Bis jetzt verstaut sie die selbstgenähte Babykleidung in einer Box. Sie weiß: Sie wird das Ballett für diesen Traum nicht aufgeben. Auch als Mutter will sie weitertanzen.

Am Abend wird Hélène in der Hamburgischen Staatsoper auftreten. Für den Nachmittag bedeutet das: Füße hochlegen, warten, dass sich die Muskeln entspannen. Erholung auf Kommando.

+++ 17 Uhr Vorbereitung auf die Vorstellung: schminken, dehnen, konzentrieren +++

In der Umkleide verändert sich nur das Äußere. Puder, Smokey Eyes, strenger Seitenscheitel, im Waschbecken noch schnell die Beine rasiert. Die wahre Verwandlung geschieht, sobald Hélène die Hände an eine Trainingsstange legt, sich auf Zehenspitzen stellt oder Schrittfolgen übt - egal ob im Trainings- oder schon im Bühnen-Outfit. Ihr Gesicht wirkt dann streng, älter, mit Falten quer über der Stirn. Das ist nicht die rosafarbene, niedliche Prinzessinnenwelt, in die ich mich als Kind geträumt habe.

+++ 19 Uhr Vorhang auf: Hélène Bouchet wartet auf ihren Einsatz +++

Auch nach den vielen Jahren ist Hélène vor einer Aufführung nervös. Spürt ein Kribbeln im Bauch, "eine Passion". Erst wenn die irgendwann nicht mehr da sei, werde sie mit dem Ballett aufhören. "Das ist kein Job für mich, das ist meine Leidenschaft. Das bin ich." Auf der Bühne gebe sie einen Teil von sich her. Sich in all die verschiedenen Rollen ihres Repertoires hineinzuversetzen und sie nachzufühlen, das sei wahnsinnig anstrengend. Und wahnsinnig aufregend.

Heute wird "Renku" aufgeführt, kein klassisches Handlungsballett, sondern eine Choreografie nach einer japanischen Gedichtform. Hélène tanzt zwei Rollen. Im weißen Kleid ist sie eine Mutter, schwebt leicht über die Bühne, "ein bisschen geisterhaft". Im schwarzen Kleid sind ihre Bewegungen bestimmter, wie die einer starken Frau. Zwischen den Einsätzen dehnt sich Hélène hinter der Bühne, trinkt Wasser, wechselt die Kleider, bespricht mit ihren Tanzpartnern die kommenden Szenen. Keine Sekunde steht sie still.

+++ 22 Uhr Vorhang zu: Feierabend +++

Applaus, zehn Minuten lang. Immer wieder müssen die Tänzer nach vorn an den Bühnenrand. Als der Vorhang die zwei Welten endgültig voneinander trennt, dauert es nur fünf Minuten, schon bauen Handwerker das Bühnenbild ab und fegen den Boden. In der Umkleide schminkt sich Hélène Bouchet ab, duscht, wird wieder sie selbst. "Ich bin kaputt", sagt sie. Und: "Ich liebe es."

Würde ich tauschen wollen, nach einem Tag wie diesem? So elegant, hübsch und prinzessinnenhaft es wirkt - das Leben einer Ballerina erscheint mir unglaublich zehrend. Wer das über Jahrzehnte durchhält, muss Erfüllung und Kraft daraus ziehen. Ich könnte kein Teil dieser Welt sein. Aber ich mag es, sie von außen zu betrachten. Jetzt sogar noch mehr: weil ich nun ahne, was dahintersteckt.

  • Anna-Lena Roth (Jahrgang 1985) ist SPIEGEL-ONLINE-Volontärin - und schon lange frei von allen tänzerischen oder sportlichen Ambitionen. Ein Rad schlagen kann sie bis heute nicht.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Rassek 19.05.2014
1. Danke
Ein guter Beitrag. Auch von einem Mann gern gelesen !
hamari2013 19.05.2014
2. sehr schöner
und stellenweise überraschend lustiger Artikel! :)
feenkind 19.05.2014
3. Keine Klischees?
Sie wollen die Klischees weglassen? Wozu dann die Angaben zum Gewicht und das "Essprotokoll". Hoffen wir mal, dass der Artikel nicht von allzuvielen Ballettschülerinnen gelesen wird, die dann auch das Abendessen ausfallen lassen...
rainersson 19.05.2014
4.
Zitat von feenkindSie wollen die Klischees weglassen? Wozu dann die Angaben zum Gewicht und das "Essprotokoll". Hoffen wir mal, dass der Artikel nicht von allzuvielen Ballettschülerinnen gelesen wird, die dann auch das Abendessen ausfallen lassen...
Tänzer brauchen soviel Energie dass sie es sich gar nicht leisten können das Abendessen ausfallen zu lassen. Alle TänzerInnen die ich kenne/ kannte "verschlangen" größere Portionen als ein körperlich normal aktiver 90kg Mann, auch Frau Bouchet!
mayazi 20.05.2014
5. 360 Paar?
Ich bezweifele, dass die Ballerina wirklich mehr als ein Paar Schuhe pro Tag verschleißt. Kann die Null ein Tippfehler sein?
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