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Rat vom Jobcoach Soll ich kündigen oder bleiben?

Mehr Druck, Ärger mit den Kollegen, weniger Motivation: Christiane, 37, fragt sich, ob sie das Unternehmen wechseln soll. Der Jobcoach hilft bei der Entscheidung - mit sechs entscheidenden Fragen.

Christiane, 37, fragt:

Ich arbeite als Mathematikerin seit sechs Jahren in einer großen Versicherung. Anfangs war ich hochmotiviert, aber in den letzten Jahren ist der Arbeitsdruck ständig gewachsen, weil einige Stellen in der Abteilung nicht nachbesetzt wurden. Dadurch sind auch Konflikte mit den Kollegen entstanden. Daher spiele ich mit dem Gedanken, zu kündigen und mir etwas Neues zu suchen. Andererseits steht meine Branche unter Druck, Stellen werden abgebaut. Sollte ich trotzdem versuchen, das Unternehmen zu wechseln?

Hallo Christiane,

generell sollte ein Wechsel gut überlegt sein. Zunächst ist es dabei wichtig, den tatsächlichen Grund zu klären, warum Sie kündigen möchten. Um das herausfinden, kann es Ihnen helfen, die folgenden sechs Fragen für sich zu beantworten:

  • Was sind Ihre Motive? Aus Ihrer Nachricht geht nicht hervor, ob Sie ein klares berufliches Ziel haben, das Sie magisch anzieht und antreibt. Überlegen Sie doch mal, warum Sie sich ursprünglich für diesen Job entschieden haben. Sofern Sie dort zufällig oder durch irgendwelche äußeren Zwänge hineingeraten sind, melden sich jetzt Zweifel, weil die Motivation für diese Aufgabe nicht von innen kommt. Und macht Ihnen die Art Ihrer Aufgaben noch Spaß? Wenn Sie manchmal so vertieft darin sind, dass Sie gar nicht merken, wie die Zeit vergeht, ist das ein gutes Zeichen.
  • Sehen Sie in Ihrer Arbeit einen Sinn? Haben Sie das Gefühl, einen echten Mehrwert zu schaffen und etwas Sinnvolles zu tun? Damit meine ich nicht Bedeutung, Status oder Bezahlung, sondern einen tieferen Sinn, den Sie in Ihrer Tätigkeit sehen. Brötchen verkaufen oder Zeitungen austragen kann mehr Befriedigung verschaffen als Controlling in einem Finanzkonzern. Wer sich nutzlos und überflüssig im Job fühlt, wird auf Dauer unglücklich.
  • Nutzen Sie Ihre Stärken? Tun Sie das, was Sie am besten können? Wenn Sie gute Ergebnisse erzielen und Ihre eigene Kompetenz spüren, weil Sie zum Beispiel schwierige Aufgaben mit Leichtigkeit lösen, sind Sie vermutlich am richtigen Ort und können auch mit gelegentlicher Kritik souverän umgehen. Wenn Sie sich jedoch mehr anstrengen müssen als Ihre Kollegen und trotzdem Kritik erfahren, könnte ein Wechsel sinnvoll sein. Eine Aufgabe, die besser zu Ihren Talenten passt, ist ein guter Schritt zur Selbstentwicklung. Vielleicht ist auch eine Versetzung in eine andere Abteilung innerhalb des Unternehmens für Sie möglich und sinnvoll.
  • Kommen Sie weiter? Wollen Sie in der jetzigen Position noch etwas lernen und sich entwickeln? Dann überlegen Sie doch einmal, ob es Ihnen Freude bereiten würde, Zeit und Geld in eine Fortbildung zu investieren. Vielleicht unterstützt Ihr Arbeitgeber sogar Ihre Initiative, wenn Ihr Chef einen Nutzen für sich darin erkennt. Wenn Ihnen dort jedoch jegliche Perspektiven fehlen, sollten Sie überlegen, wie Sie Ihre Kenntnisse woanders besser einbringen könnten.
  • Wie läuft es im Team? Sind Sie von Ihrem Chef und Ihren Kollegen genervt? Bei hartnäckigen Schwierigkeiten könnte vielleicht eine Aussprache das Arbeitsklima wieder verbessern. Wer sich grundsätzlich wertgeschätzt und respektiert fühlt, ist auch eher bereit, bei anderen Dingen einen Kompromiss zu akzeptieren. Denken Sie immer daran: Kaum ein Chef ist perfekt - auch der nächste Chef nicht. Und schauen Sie auch auf Ihren eigenen Anteil an den Konflikten. Denn ungelöste Probleme lässt man nicht beim alten Arbeitgeber zurück, sie holen einen irgendwann wieder ein.
  • Mögen Sie Ihren Arbeitgeber? Es spielt nicht nur eine Rolle, was wir tun, sondern auch für wen. Identifizieren Sie sich noch mit Ihrem Arbeitgeber? Nur dann engagieren Sie sich für die Unternehmensziele. Oder fehlt Ihnen manchmal der innere Antrieb, um die Extrameile zu gehen? Dann machen Sie womöglich schon jetzt nur noch so viel wie nötig. In dem Fall wird es Zeit für Sie, sich nach einem neuen Arbeitgeber umzusehen, bevor Ihr Job Sie nur noch langweilt oder gar krank macht.

Grundsätzlich sollten Sie bei einem Jobwechsel sehr planvoll vorgehen und nicht überstürzt kündigen. Sprechen Sie mit Ihrem Partner, nutzen Sie Ihr Netzwerk und informieren Sie sich über Aufgabenfelder, die Sie interessieren. Führen Sie möglichst viele Gespräche mit potenziellen Arbeitgebern - und erst, wenn Sie einen neuen attraktiven Vertrag unterschrieben haben, legen Sie Ihrem Chef die Kündigung auf den Tisch.

Zum Autor

Matthias Martens, Jahrgang 1964, war zehn Jahre Personalleiter im Otto-Konzern, bevor er sich 2006 für die Selbstständigkeit entschied. Heute begleitet der Inhaber einer Outplacementberatung  als Berater und Coach vor allem Menschen in der Lebensmitte, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen. Alle Kolumnen von Matthias Martens  Mail an den Coach