Sollte ich ... ... mich mehr um die Familie oder den Job kümmern?

Vorgesetzte, Kollegen, Familie - alle wollen was. Wer jedem gerecht werden will, braucht starke Nerven. Wie schafft man es, sie nicht zu verlieren? Ein Experte hilft.

Familie, dann Arbeit - oder umgekehrt? (Symbolbild)
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Familie, dann Arbeit - oder umgekehrt? (Symbolbild)

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Stress mit der Chefin, Hänseleien im Team, das anstehende Gehaltsgespräch: In jedem Arbeitsleben gibt es Situationen, die für schlaflose Nächte sorgen können. In der Serie "Sollte ich...?" erklären Experten, wie sich mit konkreten Konflikten im Beruf umgehen lässt. Die Fälle sind konstruiert; sie stehen symbolisch für Schwierigkeiten, die am Arbeitsplatz auftauchen können.

Der Fall:

Ich leite eine Abteilung und bin Mutter zweier Kinder. Die Familie ist oft genervt, wenn ich mal wieder zu spät nach Hause komme. Die Kollegen in der Firma brauchen mich allerdings auch - und ich mache den Job gern. Ich kann aber nicht überall gleichzeitig sein und habe das Gefühl, ich zerreiße mich.

Es antwortet Rainer Müller, Diplom-Psychologe:

Zur Person
  • Privat
    Als freiberuflicher Trainer und Berater beschäftigt sich der Hamburger Diplompsychologe Rainer Müller vorrangig mit Konflikt- und Stressmanagement. Zudem moderiert er ein Fachforum für Psychologie und schreibt für den Blog "Psyche und Arbeit".

Es kann zermürbend sein: Sie wollen in zwei Bereichen ihres Lebens gleichermaßen funktionieren, bekommen es aber nicht hin, obwohl Sie für beide Bereiche dieselbe Energie aufwenden.

Ist es so? Oder könnte es auch sein, dass die Familie Recht hat, und Sie sich mehr im Beruf als in der Familie engagieren? Und sind die Erwartungen, die Sie an sich selbst haben, realistisch?

Es gibt eine Technik, mit der Sie sich einen Überblick über Ihre beruflichen und privaten Belastungen verschaffen können: das Auftragskarussell.

Die Klienten, mit denen ich das Karussell durchgehe, schreiben alle "Aufträge", die sie von anderen oder sich selbst bekommen, auf Kärtchen. Die legen sie im Kreis um sich herum auf den Boden. Mit Blick auf die Karten stellen sie sich dann die folgenden Fragen:

  • Was erwarten Sie selbst von sich? Was für eine Chefin, Mutter wollen Sie sein?
  • Was erwarten Ihre Vorgesetzten und Kollegen? Dass Sie Ihr Team gut führen, alle Aufträge annehmen, auf jede E-Mail innerhalb von zwei Stunden antworten?
  • Was erwartet Ihre Partnerin beziehungsweise Ihr Partner? Dass Sie jederzeit gut gelaunt sind, an Sonntagen Ihr Handy ausschalten, und möglichst wenig über die Arbeit sprechen?
  • Was erwarten Ihre Kinder? Dass Sie jeden Abend noch eine Geschichte vorlesen, beim Abendessen anwesend sind?
  • Und Ihre Eltern? Dass Sie mindestens einmal pro Woche anrufen, oder am besten gleich dreimal?

Anschließend werden die Aufträge auf den Kärtchen hinterfragt:

  • Welche Aufträge können Sie annehmen? Wie kann Ihnen das gut gelingen?
  • Falls es Aufträge gibt, die Sie nicht annehmen können: Was muss passieren, damit es doch geht?
  • Welche Aufträge können Sie hingegen auf gar keinen Fall annehmen? Wovon müssen Sie sich verabschieden?

Die Umformulierungen können direkt auf den Kärtchen vorgenommen werden. Jene Aufträge, die Sie für sich abgelehnt haben, können Sie durchstreichen. Aufträge, die Sie ändern wollen, können Sie neu formulieren und notieren.

Am Ende liegt ein neues Bild vor Ihnen. Es hat viele Fragen in Ihrem Kopf geordnet und zeigt, was Sie leisten können und wollen. Wer möchte, kann das Auftragskarussell mit den Menschen spielen, die ihr oder ihm wichtig sind. Dann kann diese Person vielleicht auch mitreden: Welche Zeiträume gehören den Kollegen? Welche sind nur für die Familie bestimmt? Schaffen Sie es, sich daran zu halten?

Doch selbst, wenn Ihre Baustellen nun visualisiert sind: Auch an Sonntagen, die fest für die Familie eingeplant waren, kann es passieren, dass plötzlich ein Kunde anruft oder ein Kollege etwas will. Führungskräfte sind auch deswegen in ihrer Position, weil sie in solchen Momenten nicht immer sagen können: "Nee, geht jetzt nicht, stehe mit meiner Tochter auf dem Fußballplatz."

Wenn Sie einen Termin spontan, aber dringend wahrnehmen müssen: Erklären Sie es den Menschen, die Sie in diesem Augenblick versetzen müssen. Was genau ist es, das man jetzt erledigen muss? Kinder oder Partner sind dankbar für Transparenz und Entschuldigungen - die viel wertvoller sind als ein liebloses: "Sorry, ich muss los!"



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
mtx 29.03.2019
1. Völliger Quatsch...
Es tut mir leid, aber Sätze wie "Führungskräfte sind auch deswegen in ihrer Position, weil sie in solchen Momenten nicht immer sagen können: "Nee, geht jetzt nicht, stehe mit meiner Tochter auf dem Fußballplatz."" sind m.E. völliger Blödsinn. Auch Führungskräfte können sollen und dürfen ein Privatleben haben.
_gimli_ 29.03.2019
2.
Zitat: "Auch an Sonntagen, die fest für die Familie eingeplant waren, kann es passieren, dass plötzlich ein Kunde anruft oder ein Kollege etwas will. Führungskräfte sind auch deswegen in ihrer Position, weil sie in solchen Momenten nicht immer sagen können: "Nee, geht jetzt nicht, stehe mit meiner Tochter auf dem Fußballplatz." Der Autor kennt offensichtlich das deutsche Arbeitszeitgesetz nicht. Wer nicht im Oberen Führungskreis arbeitet (und damit rechtlich der Geschäftsführung angehört), und das betrifft die absolute Mehrheit der Führungskräfte, darf an Sonn- und Feiertagen offiziell gar nicht arbeiten. Das geht für den Chef sonst ganz schnell rechtlich nach hinten los, wenn jemand das Gewerbeaufsichtsamt informiert (passiert öfter, als man denkt). Grüße von einer Führungskraft (die auch am Sonntag arbeitet, aber sicher nicht auf Zuruf)
Plunty 30.03.2019
3.
Muss MTX da zustimmen... eine Führungskraft ist auch Vorbild für die Mitarbeiter... Genau dann, wenn eine Führungskraft auch vorlebt, dass es ok ist mal früher zu gehen, nicht erreichbar zu sein, Elternzeit zu nehmen,usw ... nimmt sie viel Druck für die Mitarbeiter raus...
dasfred 30.03.2019
4. Ich schließe mich der ersten Meinung an
Eine Führungskraft führt zuallererst selbständig denkende Menschen. Manch ein Chef wundert sich, wie gut sein Laden läuft, wenn er überraschend aufgrund eine Krankheit aus dem Verkehr gezogen wird. Eine Führungskraft muss sich auf ihre originären Aufgaben konzentrieren und den Mitarbeitern auch zutrauen, selbständig zu entscheiden. Überall, wo in Schichten gearbeitet wird, erwartet niemand, das der Chef rund um die Uhr erreichbar ist. Er hat seine Geschäftszeiten und fertig. Das hier konstruierte Problem zeigt doch nur, dass sich jemand am Arbeitsplatz für unentbehrlich hält. Eine gute Führung muss Arbeiten delegieren können, dann klappt es auch mit der Familie.
murksdoc 30.03.2019
5. Schlechter Rat ist teuer
Aus eigener Erfahrung (alleinerziehender Vater, vollzeitbeschäftigt): Was erwarten Eltern? Das man IMMER Zeit für sie hat (weil es Rentnern oft langweilig ist) und zwar immer, wenn sie miteinander Streit haben, mit den Nachbarn Streit haben, mit der Polizei Streit haben, wenn der Hund den Nachbarshund gebissen hat, wenn der Hund sie selbst gebissen hat, wenn sie über Ärzte ablästern wollen (weil sie den ärztlichen Rat, den man ihnen selbst gegeben hat, nicht berücksichtigt haben und zu einem anderen Arzt gegangen sind, der sie angeblich jetzt kurz vor das Grab gebracht hat). Was erwarten Kinder? Das man 25 Stunden am Tag für sie Zeit hat, weil sie nicht wissen, was "24 Stunden" bedeutet und "Arbeit" und "Geld" für sie noch Fremdworte sind. Was erwartet der Arbeitgeber? 24 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr 100% Einsatz, ohne Krankmeldung und "Urlaub" ist "überflüssiger Luxus", weil wir in einem kapitalistischen Ausbeutungssystem leben und das ist einer der Nachteile davon. Bevor man drei Kreise mit Kärtchen um sich liegen hat, überlegt man lieber: was kann ich delegieren? Man schließt als erstes Eltern/Kinder kurz. Rentner-Langeweile: behoben. Der Hund hat plötzlich jemandem zum Spielen, jemanden, vor dem er auch Angst hat. Die Kinder haben jemandem, der alles, was mit elterlicher Erziehung zu tun hat, in Frage stellt und plötzlich garnicht mehr so arm ist, wie er immer behauptet. Win-Win-Win-Situation. Dann sucht man sich einen Sport, bei dem man mindestens 1x pro Tag eine Stunde alleine ist (Rudern, Radfahren) und macht ein paar Kurzurlaube (auch gerne alleine) um sich und den anderen zu zeigen: es geht auch ohne mich (aber mit mir ist es schöner). Das erhöht die Leistungsbereitschaft und Fähigkeit und macht den Arbeitgeber glücklich. Und einen selbst übrigens auch.
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