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Sommer auf der Alm: Lieber Kühe melken als Kanülen legen

Foto: Dorothea Steinbacher

Alm statt Ambulanz Eine Krankenschwester steigt auf

Martina Fischer ist Krankenschwester, doch jeden Sommer nimmt sie sich vier Monate frei, um auf der Alm zu arbeiten. Was treibt sie an?

Würde die Bundeskanzlerin zurücktreten, sich Melania Trump von ihrem Ehemann trennen oder Alexander Gerst ein Ufo entdecken, Martina Fischer würde es nicht mitbekommen. Will sie auch nicht. Die 46-Jährige hat sich von der schnelllebigen Welt verabschiedet. Wieder einmal.

Seit sieben Jahren nimmt sich die Krankenschwester jeden Sommer vier Monate frei, um diese auf der Alm zu verbringen. Von Juni bis September wohnt sie in einer kleinen Hütte aus Holz auf mehr als 1400 Metern Höhe in der Nähe des Spitzingsees im Süden von Bayern. Dort versorgt sie Kühe, Kälber, Schweine, Ziegen und Hühner.

Dort hat sie keinen Strom, kein fließend Wasser, kein Internet. Nur einen Holzofen, einen Brunnen, ein Plumpsklo und eine kleine Solarplatte, mit der sie ihr Handy aufladen kann. Im Herbst kehrt sie zurück ins Tal und kümmert sich ambulant um Patienten, wäscht sie, wechselt Verbände spritzt Insulin.

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Sommer auf der Alm: Lieber Kühe melken als Kanülen legen

Foto: Dorothea Steinbacher

"Mich haben Almleute schon immer fasziniert", sagt Fischer. "Sie strahlen eine Zufriedenheit und Ruhe aus, die man bei Menschen im Tal nur selten erlebt." Vor acht Jahren besuchte Fischer eine Bekannte, die den Sommer über auf einer Alm arbeitete, und merkte dabei, wie sehr sie dieses Leben begeisterte. Ein Leben ohne feste Arbeits- und Pausenzeiten. Ein Leben in der Natur, eines, in dem die Tiere den Takt vorgeben.

Fischer sehnte sich nach einem solchen Leben. Zehn Jahre lang hatte sie in einem Krankenhaus gearbeitet. Sie fühlte sich durch das ständige Klingeln der Patienten und die Hektik gestresst, hielt den Geruch nicht aus, fühlte sich unwohl in all den sterilen Räumen und wollte sich nicht länger an einen strengen Zeitplan halten müssen. Also kündigte sie.

Erst fand sie eine Stelle als Verkäuferin in einem Bioladen, dann in einem Sportgeschäft. Zwar ging es dort weniger hektisch zu, doch Fischer wollte nicht mehr in geschlossenen Räumen arbeiten, sie wollte raus in die Natur, ein Leben ohne feste Tages- und Wochenpläne führen. Und erst als sie sich dazu entschieden hatte, den nächsten Sommer auf der Alm zu verbringen, ging es ihr besser.

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Fischer, Martina, Steinbacher, Dorothea

Die Alm - Ein Ort für die Seele: Lebensweisheiten, Geschichten und Rezepte einer Sennerin

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01.02.2023 17.04 Uhr

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Auf dem Berg bestimmen die Tiere ihren Tagesablauf. Fischer steht meist gegen halb fünf Uhr morgens auf, heizt den Holzofen ein, wäscht die 13 Kälber mit Wasser und einer Bürste, macht den Stall sauber und holt die Milchkuh von der Wiese, wenn gerade die Sonne aufgeht. Dann melkt sie die Kuh, versorgt die Ziegen und zählt die Tiere. Fischer stellt auch Butter und Käse her und backt ihr eigenes Brot.

Nachmittags holt sie ihre Kälber in den Stall, melkt die Kuh noch mal. Etwa 20 Liter Milch gibt sie am Tag, zwölf am Morgen, acht am Abend. Fischer braucht eine halbe bis Dreiviertelstunde fürs Melken. Ist sie damit fertig, macht sie sauber und gibt den Schweinen und Hühnern Futter. Gegen acht Uhr abends hat sie meist alles geschafft. "Dann setze ich mich mit einem Glas Wein vor die Hütte und schaue auf die Berge", sagt sie.

In Oberbayern gibt es mehr als 700 Almen, auf denen im Sommer das Vieh weidet. Die Hälfte von ihnen wird von Almern oder Sennern bewirtschaftet, die dabei einige Hundert Euro im Monat verdienen - oder auch etwas mehr - je nach Größe der Alm, Anzahl der Tiere und Arbeiten, die anfallen, wie zum Beispiel Gäste bewirten, Butter und Käse herstellen, Kühe melken. Die Miete für eine Dreizimmerwohnung in einer Großstadt könnten sie von ihrem Gehalt nicht zahlen.

Je weniger Luxus, desto wohler fühlt sie sich

Angestellt sind die Almer von Bauern, denen auch die Tiere gehören, um die sie sich kümmern müssen. "Die Bauern könnten den Almleuten schon ein bisschen mehr Geld geben" sagt Martina Fischer. "Sie arbeiten ja nicht nur acht, sondern zwölf Stunden am Tag." Doch viele würden die Arbeit ohnehin nicht wegen des Geldes machen, sondern aus idealistischen Gründen.

So ist es auch bei Fischer. Es stört sie kaum, dass ihre Kleidung klamm ist, wenn es einige Tage regnet. Es stört sie nicht, dass sie sich morgens im Schein der Taschenlampe anziehen muss oder keine warme Dusche hat. "Ich weiß ja, dass es nur für eine begrenzte Zeit ist", sagt sie. Und je weniger Dinge sie habe, je weniger Luxus, umso wohler fühle sie sich in der Natur.

Nur mit zu vielen Besuchern hat sie ein Problem. "Das stresst mich, weil ich dann nicht mehr zu meiner Arbeit komme. Und ich hab das Gefühl, sie saugen mich aus", sagt Fischer. Die Almerin kann aber nicht einfach wie zu Hause die Tür abschließen. Wenn Wanderer kommen, muss sie diese empfangen, alles andere wäre unhöflich. Allmählich lerne sie aber, ihnen zu sagen, wann sie wieder gehen sollen. "Ich erkläre ihnen dann einfach, dass ich mich um die Kühe kümmern muss, auch wenn das nicht immer stimmt."

Am schönsten sei es ganz früh am Morgen oder ganz spät am Abend auf der Alm, sagt Martina Fischer. Die Sonnenaufgänge, die Sonnenuntergänge. Abends trifft sie sich manchmal mit den Leuten, die auf den Nachbaralmen arbeiten. Eine Stunde braucht sie zu Fuß zur nächsten Alm. Sie sitzen dann zusammen, trinken Bier oder Schnaps und unterhalten sich über das Leben. "Da kommt keiner dazu, da stört keiner, da läutet kein Handy", sagt Fischer.

Im Sommer sind die anderen Almleute Fischers Netzwerk, ihre Familie. Jeder versucht, dem anderen beizustehen, zu helfen, wenn er nicht weiter weiß. "Vor Kurzem hat meine Milchkuh zwei Totgeburten zur Welt gebracht", erzählt Fischer. "Ich kann nichts dafür, hätte nichts verhindern können, aber in dem Moment brauchte ich jemanden, der mich in den Arm nimmt."

Sie fährt nie runter ins Tal

Ein- bis zweimal die Woche kommt ihr Mann sie besuchen. Eine Stunde braucht er mit dem Auto vom Chiemgau zu ihr. Er bringt ihr etwas zu essen mit, meist ein bisschen Gemüse und Wild. "Leider kann er nicht mit mir da oben wohnen. Das schmerzt schon, und ist auch immer wieder Thema bei uns", sagt Fischer. Er ist selbstständig, hat eine kleine Baufirma und kann sich nicht so lange freinehmen. Außerdem muss er sich ums Haus, die vielen Obstbäume und seinen Blasmusikverein kümmern. "Aber er ist sehr verständnisvoll, er weiß, wie viel es mir bedeutet, den Sommer hier zu verbringen."

Fischer fährt die vier Monate, die sie auf der Alm lebt, nicht ins Tal. Sie geht nicht auf Feste, besucht keine Freunde, sagt sogar Einladungen zu Hochzeiten ab. Nur einmal musste sie im vergangenen Jahr nach unten, weil sie starke Rückenschmerzen hatte. "Im Tal werden mir die Leute schnell zu viel, ich habe oft das Gefühl, ich komme mit ihnen nicht mehr klar." In einer Großstadt könnte sie nicht leben. "Das ist eine andere Welt", sagt sie.

Einsam fühlt sie sich in ihrer Holzhütte nicht, es gibt eine zweite Sennerin auf der gleichen Alm, die sie einmal am Tag sieht. "Und ich habe ja die Tiere um mich herum und höre ständig ihre Glocken." Ohne sie würde sie es da oben nicht aushalten.

Am meisten fehlt ihr auf der Alm ein Badezimmer. Wenn sie sich duschen will, kippt sie sich einen Kübel mit kaltem Wasser über den Körper. Nur wenn sie sich die Haare wäscht, erwärmt sie das Wasser auf dem Ofen. Aber nun hat sie einen Wasserfall entdeckt, unter den sie sich manchmal stellt. "Der macht vieles wieder gut. Er belebt mich, lädt mich wieder auf", sagt sie.

Wenn es Mitte September kälter wird, das Weidevieh die Alm verlässt und sich der Herbst ankündigt, zieht auch Martina Fischer ins Tal zurück. Zu ihrem Mann, zu ihrem Bauernhaus, zu ihrer Arbeit als Krankenschwester. Der Sommer wird ihr Kraft genommen, aber auch gegeben haben. Was bleibt, ist die Vorfreude auf den nächsten Sommer. Auf der Alm.

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