Sozialarbeiterin "Auf Partys überlege ich mir gut, ob ich sage, dass ich beim Jugendamt arbeite"

Sie müssen Kinder schützen und sind oft machtlos, sie werden verantwortlich gemacht, wenn etwas schiefläuft und schuld ist immer das Jugendamt. Eine Mitarbeiterin über den schwierigen Spagat in ihrem Job.

Julian Stratenschulte/dpa

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Manchmal komme ich in Familien, da spüre ich sofort: Hier stimmt was nicht. Da sagt mir mein Bauchgefühl, dass die Eltern ihre Kinder schlagen. Auch wenn die Mutter, der Vater oder auch das Kind selbst mauern und alles abstreiten.

Doch vor Gericht zählt das nicht - da ist es besser, wenn man einen Arztbericht mitbringt, in dem etwas von "stumpfer Gewalteinwirkung" steht.

Am schwersten ist, dass ich nicht alle Kinder schützen kann. Es gibt Fälle, da bin ich mir sicher, dass das Kind woanders besser aufgehoben wäre. Je länger ein Kind in einer Familie aufwächst, in der es geschlagen wird oder mitansehen muss, wie der Vater die Mutter schlägt, desto mehr Zeit braucht es auch, um zu heilen. Aber die rechtlichen Hürden sind oft so hoch, dass ich es nicht schaffe, es aus der Familie zu holen. Das ist sehr frustrierend.

Ich arbeite seit acht Jahren beim Jugendamt in einer deutschen Großstadt und betreue im Schnitt zwischen 50 und 70 Familien. Da bleibt wenig Zeit, sich intensiv mit den einzelnen Familien zu beschäftigen. Das macht es nicht einfacher.

Deshalb habe ich meine Risikoliste, sie existiert nur in meinem Kopf. Auf dieser Liste habe ich die Fälle vermerkt, die mir hochgehen könnten. Ein Beispiel: Ich habe mal eine junge Frau betreut, deren Angehörige ihr den Ehrenmord angedroht haben. Sie wollte aber nicht weg von ihrer Familie. Der Fall stand lange Zeit ganz oben auf meiner Liste.

Oder der junge Flüchtling, bei dem ich plötzlich unsicher war, ob er sich gerade radikalisiert. Heute betreue ich ihn nicht mehr. Aber wenn irgendwo ein Anschlag verübt wird, schaue ich immer direkt: Kenne ich den?

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

"Normal" gibt es auch sonst bei meiner Arbeit nicht. Einmal habe ich mit einer Kollegin einen Hausbesuch gemacht, da lag die Kacke buchstäblich im Kinderzimmer. Auch der Rest der Wohnung war völlig verdreckt. In so einer akuten Gefährdungslage entscheiden wir direkt, die Kinder in Obhut zu nehmen.

Das bedeutet, dass die Kinder erst einmal kurzfristig betreut werden, zum Beispiel in einer Wohngruppe. In dieser Zeit wird entschieden: Kann das Kind zu seinen Eltern zurück? Und was muss passieren, damit das klappen kann?

In diesem konkreten Fall haben wir der Mutter ein Putztraining vermittelt, damit wieder Struktur in den Haushalt und den Alltag der Familie kommt. Wenn die grundsätzliche Einstellung der Eltern stimmt und sie einsehen, dass sich etwas verändern muss, dann kommen die Kinder im Normalfall auch wieder zurück.

In meinem privaten Umfeld erlebe ich immer wieder, dass viele Menschen sehr hohe Ansprüche an die Arbeit des Jugendamts haben. Einerseits sollen wir die Kinder schützen, andererseits dürfen wir sie nicht zu schnell aus den Familien nehmen. Auf Partys überlege ich mir deshalb sehr gut, ob ich sage, dass ich beim Jugendamt arbeite. Meist erzähle ich lieber, dass ich Sozialarbeiterin bin.

Die meisten Leute haben keine Ahnung, was ich in meinem Beruf so mache. Wenn ich mal bei Bekannten zu Hause bin und das Kind ausnahmsweise vormittags Fernsehen guckt, heißt es dann: "Das ist jetzt aber nicht immer so!" Die haben total Angst, weil ja das Jugendamt zuschaut. Und ich denke mir nur: Hier ist doch alles völlig in Ordnung. In meinem Arbeitsalltag habe ich mit ganz anderen Problemen zu tun.

Zum Glück gibt es aber auch gute Momente in meinem Job, sonst würde ich ihn längst nicht mehr machen. Einmal habe ich es geschafft, ein Mädchen aus seiner Familie zu holen. Es hatte schweren sexuellen Missbrauch erlebt - alle Familienmitglieder waren entweder selbst Täter oder hatten weggeschaut.

Dieses Mädchen fragte ich am Tag seiner Inobhutnahme, wie es ihm gehe. Der Moment, in dem ein Kind seine Familie verlässt, ist sehr sensibel und häufig schwierig. Sie sagte: "Heute ist ein guter Tag." Davon habe ich lange gezehrt.

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