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Sozialunternehmer: Fairer Handel, blinde Führungen und junge Mütter

Foto: Arne Weychardt

Sozialunternehmer Erfolg macht verdächtig

Wie sozial kann man als Unternehmer sein? Sogenannte "Social Entrepreneurs" wollen Sozialprojekte und Betriebswirtschaft miteinander versöhnen. Doch das kann sie ihre Glaubwürdigkeit kosten - oder sogar in den Ruin führen.

"Blöder Köter!" Fluchen liegt Gesa eigentlich fern, aber für einen kurzen Moment ist die Panik größer als die Selbstbeherrschung. Der Hund hatte sich ihr von der Seite genähert und fing an zu kläffen. Dabei galt sein Gebell gar nicht ihr. Genauso schnell wie er auftauchte, ist er wieder weg. Doch der Schreck sitzt tief. Gesa hatte den Hund nicht kommen sehen. So wie sie nichts von dem sehen kann, was um sie herum passiert.

Gesa ist vorübergehend blind. Die Szene spielt sich nicht auf der Straße ab, sondern in einem dunklen Raum. Hund, Autos, schnatternde Passanten - all das existiert nur in ihrer Vorstellung. Das Gebell kommt wie alle Geräusche aus dem Lautsprecher. Hilflos an Blindenstöcke geklammert tastet sich das Grüppchen, zu dem Gesa gehört, durch die Ausstellung "Dialog im Dunkeln". Blinde Guides führen hier die Sehenden. Deren bekannte Welt ist plötzlich fremd: Vorbeifahrende Autos werden zur potenziellen Lebensgefahr und harmlose Kläffer zu beängstigenden Tölen.

Vor elf Jahren öffnete Andreas Heinecke die Ausstellung in der Hamburger Speicherstadt. Damals noch mit öffentlichen Mitteln gefördert und als zeitlich begrenztes Projekt geplant, ist "Dialog im Dunkeln" heute ein Unternehmen mit 110 Mitarbeitern und Ablegern in 30 Ländern.

Heute ist Heinecke mit der Idee, Sozialprojekt und Betriebswirtschaft zu versöhnen, kein Exot mehr. In Zeiten von Klimawandel, Korruptionsskandalen und den finanziellen Exzessen der Wirtschaftskrise steigt das Bewusstsein für die Schattenseiten profitorientierter Firmen. "Social Entrepreneurship erlebt im Moment einen Aufmerksamkeitsboom" sagt Markus Beckmann von der Leuphana Universität in Lüneburg. "Zeitschriften zum Thema werden herausgegeben, die Regierung erstellt Aktionspläne und es werden Stellen an Universitäten ausgeschrieben."

Gewinne werden ins Projekt investiert

Beckmann selbst ist Teil dieses Booms: Er arbeitet als Juniorprofessor für Social Entrepreneurship am Lüneburger Centre for Sustainability Management (CSM). Das Kompetenzzentrum, das sich Nachhaltigkeitsmanagement und unternehmerischer Sozialverantwortung widmet, bietet als bislang einziges deutsches Institut einen Nachhaltigkeits-MBA an. Um seinen Studenten zu erläutern, wie Social Entrepreneurship in der Praxis aussieht, zieht er gern das "Dialog im Dunkeln"-Beispiel heran. "Heinecke hat ein gesellschaftliches Anliegen, das er langfristig unternehmerisch lösen möchte. Er will die mentale Barriere zwischen Blinden und Sehenden überwinden. Dafür entwickelt er ein wirtschaftlich erfolgreiches Geschäftsmodell - aber nicht, um sich selbst zu bereichern, sondern um mit dem Geld wiederum etwas für das soziale Ziel zu tun."

Gewinne in das Projekt zu investieren statt sie auszuschütten ist ein Kriterium sozialer Unternehmen, das sich auch Thomas Speck auf die Fahne geschrieben hat. Speck ist Geschäftsführer der Gepa, des größten europäischen Importeurs fair gehandelter Produkte wie Kaffee oder Tee. Der Gewinn von gut 300.000 Euro, den die Gepa im vergangenen Jahr erwirtschaftet hat, sei lediglich Mittel zum Zweck: "Wir entnehmen unseren Überschuss nicht, sondern reinvestieren ihn in den Aufbau des Marktes und die Förderung von Handelspartnern", so Speck. Da die Eigentümer der Gepa kirchliche und und entwicklungspolitisch aktive Organisationen sind, habe das Unternehmen einen anderen Ansatz als klassische Firmen. "Wir handeln auch mit schwachen Geschäftspartnern, um benachteiligten Gruppen zu einer vernünftigen Entwicklung zu verhelfen." Würden die Gepa profitorientiert arbeiten, wäre das nicht möglich.

Auf staatliche Unterstützung sind weder die Gepa noch der Dialog im Dunkeln angewiesen. Darauf legen beide Unternehmer wert: Sie wollen nicht als Bittsteller, sondern als Unternehmer wahrgenommen werden. Damals, zur Eröffnung der Ausstellung, gab es noch Geld von der Stadt Hamburg, so Heinecke. "Ohne die Förderung wäre es nicht gegangen." Doch sobald Eintrittsgelder und später Restaurants und Seminare im Dunkeln genügend Geld in die Kassen spülten, wollte er die öffentlichen Mittel nicht mehr.

"Wir haben uns vom Gutmenschentum befreit"

Soll der Staat nachhaltige Organisationen unterstützen? Und wie sozial kann ein Unternehmen überhaupt sein? "In Deutschland gab es für Social Entrepreneurship traditionell keine große Resonanz", sagt Beckmann von der Uni Lüneburg. "Für das Soziale ist der Staat da und für die Risiken die Unternehmer. Beide Komponenten zusammen vertragen sich anscheinend nicht."

Obwohl Dialog-im-Dunkeln-Chef Heinecke oft als Gegenbeweis angeführt wird, sieht er einen deutlichen Widerspruch zwischen sozialen Zielen und Unternehmertum. "Natürlich ist das eine Gratwanderung, jeden Tag aufs Neue." Auf der einen Seite sei er hoch motiviert, sein Ideal zu verfolgen. "Wir haben uns vom Gutmenschentum befreit und nutzen normale betriebswirtschaftliche Prozesse. Auf der anderen Seite sind wir ein stromlinienförmiges Unternehmen. Wir müssen genau kalkulieren und unsere Finanzen planen, um am Markt zu bestehen." Business as unusual nennt er das.

Die Frage, wie groß und erfolgreich ein soziales Unternehmen werden kann, treibe ihn momentan um. "Angenommen, es würde uns gelingen, hundert neue Ausstellungen auf die Beine zu stellen und damit richtig viel Geld zu verdienen. Dann würden wir schnell in den Ruf kommen, dass wir Blinde für uns arbeiten lassen, um uns auf ihre Kosten zu bereichern." Gewinn, Wachstum, Dividende - alles, was bei normalen Unternehmen als Erfolgsgarant dient, gereiche den Social Entrepreneurs zum Nachteil. Auch Gepa-Chef Speck findet es schwierig, Ideal und Wachstum unter einen Hut zu bekommen. "Unangenehme Entscheidungen bleiben auch uns nicht erspart. Mitte der 90er mussten wir Filialen schließen und Mitarbeitern kündigen. Das war ein schwerer Schritt."

Der Absturz von Muhammad Yunus verunsichert die Branche

Diese "Schizophrenie", wie Heinecke es nennt, stimmt ihn nachdenklich. Grund für die Sinnfrage, die sich der Unternehmer stellt, ist unter anderem der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesh. Der Gründer der Grameen Bank, die Mikrokredite an arme Menschen vergibt, gilt als Erfinder des sozialen Unternehmertums. 2006 wurde er für seine Idee sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Ende vergangenen Jahres folgte der jähe Absturz. Ein dänischer Journalist veröffentlichte eine Dokumentation, wonach die Grameen Bank Entwicklungsgelder in Millionenhöhe veruntreut habe. Zwar haben die Geldgeber der Entwicklungshilfe ihn längst entlastet, aber Yunus kämpft weiter um seinen Ruf. Langjährige Kritiker seiner Mikrokredite gehen gegen ihn in die Offensive.

"Yunus war in unserer Branche immer der Säulenheilige", sagt Heinecke. "Jetzt hagelt es plötzlich von allen Seiten Kritik. Die Presse schreibt, er sei scheinheilig und bereichere sich auf Kosten der Armen." Der Fall Yunus zeigt, wie schmal der Grat zwischen Hype und Absturz ist. Für Heinecke Grund genug, das gesamte System infrage zu stellen: "Social Entrepreneurship verträgt sich nicht mit finanziellem Erfolg. Wir müssen uns fragen, ob das Modell des Unternehmertums im sozialen Bereich wirklich das richtige ist."

"Wir sind Avantgarde bei Lösungen und bei Problemen"

Auch Thomas Friemel sieht in dem Rummel Gefahren, der um Social Entrepreneurship gemacht wird. "Im Moment ist der Markt noch sehr klein und transparent", sagt der Chefredakteur des Magazins "Enorm", das sich mit dem ökosozialen Kurswechsel in der Wirtschaft befasst. "Aber bleibt das so, wenn die Unternehmen mehr und größer werden? Wenn sie in Konkurrenz zueinander treten und der Markt sich bereinigt?" Es sei nicht ausgeschlossen, dass bei dem einen oder anderen dann die Gier Oberhand gewinnt. Bislang habe er jedoch von keinem solchen Fall gehört.

Offizielle Statistiken zu Social Entrepreneurs in Deutschland gibt es bislang nicht. Im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien hinkt die Bundesrepublik aber mächtig hinterher. Dort gibt es den mächtigen Lobbyverband Social Enterprise Coalition, in dem sich 10.000 ethisch wirtschaftende Firmen versammelt haben. Hierzulande sind die größten Organisationen Ashoka Deutschland mit 35 sogenannten Fellows, die finanziell und beratend unterstützt werden, sowie die Schwab Foundation, in der acht deutsche Sozialunternehmer vertreten sind. Daneben gibt es kleinere Stammtische und Netzwerke in größeren Städten, in denen sich Social Entrepreneurs austauschen können.

Für "Enorm"-Chefredakteur Friemel ist das ein Anfang, wenn auch ein kleiner. "Wenn der Weg zum nachhaltigen Wirtschaften eine 100-Meter-Strecke ist,", sagt er, "haben wir in Deutschland gerade mal die ersten fünf Zentimeter hinter uns."

Für Dialog-im-Dunkeln-Chef Heinecke ist diese Sicht erst recht ein Grund, Neues zu probieren und sich nicht davor zu scheuen, unkonventionelle Wege zu gehen. "Als wir angefangen haben, waren wir ein sozialer Innovator, eine Art Lösungsavantgarde. Gleichzeitig sind wir nun aber auch Problemavantgarde. Den Problemen müssen wir uns stellen - um dann hoffentlich wieder Lösungen zu finden."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, Mohammad Yunus sei Inder, tatsächlich stammt er aus Bangladesh. Außerdem konnte der Eindruck entstehen, Yunus sei der Untreue überführt worden. Das ist nicht der Fall. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen.