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15. Dezember 2014, 14:42 Uhr

Job als Selbstverwirklichung

Arbeit, einfach supergeil

Ein Gastbeitrag von Miriam Collée und Katrin Wilkens

Früher wurde gearbeitet, um Geld zu verdienen. Heute denken viele, dass der Job gefälligst auch noch Spaß machen soll: Arbeitszeit als Dauer-Happy-Hour. Geht's noch?

Es ist noch gar nicht so lange her, da sah die Arbeitswelt noch so aus: Morgens quälten sich die Männer mit dem Henkelmann in der Hand aus dem Haus, zur Schicht, die Frauen hatten zu Hause so viel zu tun, dass sie nicht mal Zeit hatten zu überlegen, was sie stattdessen alles tun könnten. Und der Feierabend hieß so, weil es was zu feiern gab, nämlich, dass die Arbeit vorbei war. Am Sonntag aber dankte man dem Herrn, dass man Arbeit hatte und am Wochenende keine. Heute muss ein Job andere Ansprüche erfüllen: Er soll spaßig, sexy, supergeil sein - natürlich viel Knete bringen, am liebsten in Teilzeit.

Alles muss dieser Job können: Er soll uns zum Brennen bringen und Leidenschaft entfachen, für Frauen aber bitte nur halbtags, denn nachmittags wollen sie Loom-Bänder mit den Kindern häkeln. Er soll partygesprächstauglich sein, denn ohne berufliches Selbstmarketing gehört man irgendwie nicht dazu. Und er soll nicht nur sexy klingen, sondern sich auch sexy anfühlen. Arbeit soll uns bitte nicht als Arbeit vorkommen, schließlich dient sie der Selbstverwirklichung.

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" und "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" - die Sprüche, die unsere Eltern gern und oft zitierten, sind im Google-Zeitalter verpönt. Und greifen doch auch gar nicht mehr: Schließlich gehören doch jetzt Kicker, Tischtennisplatten und Hängematten zum Büroinventar. Die Folge: Viele von uns suchen einen Job, der so ähnlich ist wie das, was wir gern als Hobby machen. Meine Kinder sehen so süß auf den Fotos im Flur aus - sollte ich nicht Fotograf werden? Ich backe gern, schmeiße die besten Geburtstagspartys, kann das Leben mit drei Kindern gut organisieren und ich mag Rosa - wäre Wedding Planner vielleicht eine Option?

Eine andere Welt. Eine verkehrte Welt - wie konnte es so weit kommen? "Die längste Zeit in der Geschichte konnten sich Menschen ihren Beruf im Grunde kaum aussuchen. Arbeit war Schicksal", schreibt Roman Krznaric in seinem Buch "Wie man die richtige Arbeit für sich findet". Die Berufsbezeichnungen, die so viele von uns als Namen haben - Schmidt, Müller oder Fischer - sind Überbleibsel dieser Tradition. Erst nach der Industrialisierung im 19. Jahrhundert schuf eine flächendeckendere Volksbildung die Möglichkeit, einen Beruf zu wählen. Karriere macht heute, wer Talent hat, und nicht mehr der, der in der Erbfolge an der richtigen Stelle steht.

Trennung von Arbeit und Muße

Im 20. Jahrhundert wurden Frauen erwerbstätig, das heißt, sie verrichteten erstmals in der Geschichte der Menschheit größtenteils einen Job außerhalb der eigenen vier Wände. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Sie reichen von zwei Weltkriegen, in denen die Männer an der Front waren und Frauen notgedrungen den Rest erledigten, über die Erfindung der Pille bis hin zu einem gesteigerten Konsumbedürfnis. Und nun, wo es bald gesetzlich vorgeschrieben ist, dass 30 Prozent aller Aufsichtsratsposten weiblich besetzt werden müssen, sind wir Frauen dermaßen emanzipiert, dass wir nicht mal mehr emanzipiert sein wollen.

Wenn man junge hochqualifizierte Mütter bei einem Karrierecoaching nach ihren besten Eigenschaften fragt, kann es passieren, dass sie "trösten, Schlaflieder singen und Rücken freihalten" antworten. Heimveredelnde Mama-Bloggerinnen und Eulen-Wärmflaschen-filzende Dawanda-Mütter sind längst gesellschaftlich so akzeptiert, dass wir über Buchtitel aus den Neunzigern wie "Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin" schmunzeln - und nicht erkennen, dass wir schon mal weiter waren.

Es bleibt ein Drahtseilakt, Kinder und Karriere zu vereinbaren - für Mütter und für Väter. Doch den Job, der Herausforderung, Nervenkitzel und Beamtensicherheit zugleich bietet, der Führungsverantwortung mit garantierten Nine-to-three-Arbeitszeiten verbindet und mit mindestens 4000 Euro brutto vergütet, gibt es nun mal nicht. Wer Harmlos-Jobs mit Geldgarantie und Sicherheitsberufe mit Dauererektion sucht, sollte einmal bei den alten Römern stöbern: Cicero unterschied nicht grundlos zwischen Arbeit und Muße. Wobei Muße nicht etwa Faulenzen bedeutete, sondern modern übersetzt: Arbeit und sinnvolles Hobby. Wer diese Unterscheidung macht, nimmt viel Druck aus seinen Anforderungen. Schließlich haben wir auch Freunde, mit denen wir nur ins Fitnessstudio gehen oder nur am Mittwochabend zum Literaturzirkel.

Der Typ Mann, der wild und ungezähmt ist, ein bisschen rockig, aber bitte auch verlässlich, mülltrennend, finanziell unabhängig und, wenn's geht, voll-vegan, ist in der Regel sehr selten. Weil sich viele Wünsche diametral widersprechen. Im Job ist das nicht anders:. Leidenschaft geht nicht in Teilzeit, Kreativität und Sicherheit schließen sich aus und leider auch immer noch oft: "Irgendwas mit Menschen" und Geld.

Es reicht, wenn der Job einen fordert, wenn er den eigenen Talenten entspricht. Punkt. Wenn man gerne mit seinen Kollegen Mittagessen geht. Und man gern von seiner Tätigkeit erzählt. Wem das nicht reicht, der sucht vielleicht etwas anderes: ein Hobby.

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