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28. März 2011, 16:53 Uhr

Spezialanwälte

Die Welt der Winkel-Advokaten

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Lieber kurios als prekär: Vier gewitzte Junganwälte zeigen, wie man auch abseits der Festanstellung ein gutes Auskommen findet. Ob Recht auf Rädern, Beratung für Panzerfahrer, eine Abmahndatenbank oder Standardverfahren gegen Hartz-Bescheide - das berufliche Glück findet sich oft in der Nische.

Sich selbständig zu machen, das war für Diana Hampe, 37, nicht die erste Wahl. Dennoch begann sie schon in der Bewerbungsphase, gleich nach dem Examen 2005, nebenbei als Anwältin zu arbeiten. Bald merkte die Bochumerin, dass es ohne Prädikatsexamen mit der gewünschten Festanstellung als Unternehmensjuristin wohl doch nichts werden würde.

Ein Jahr lang schleppte sie sich durch. Für ein richtiges Büro fehlte das Geld. Sie wollte ihre künftigen Mandanten aber auch nicht durch die Privatwohnung, an Wohnzimmer, Küche und Bad vorbei, ins Arbeitszimmer führen müssen. "Das war mir dann doch ein bisschen zu unprofessionell."

Während des Studiums hatte die Deutsch-Koreanerin schon als Übersetzerin für Unternehmen gearbeitet, seither war ihr klar, dass sie sich am liebsten um Geschäftskunden kümmern wollte. Und sie hatte bei ihren ersten Mandaten gemerkt, dass es gerade bei vielbeschäftigten Unternehmern sehr gut ankommen müsste, wenn nicht diese zur Anwältin kommen, sondern die Anwältin zu ihnen.

Also leaste sie einen Renault Kombi und lieferte fortan Recht auf Rädern. "Das war deutlich billiger als ein Büro", erinnert sich Hampe, "und bot mir trotzdem die Möglichkeit, professionell aufzutreten und professionell wahrgenommen zu werden." Mit pfiffigen Serienbriefen kam sie an ihre Mandate. "Ich habe jeden Monat rund 200 Unternehmen angeschrieben, mit Visitenkarte, farblich passender Büroklammer, und eigenhändig mit Füller unterzeichnet."

Dabei ging sie ganz systematisch vor: Welche Unternehmen, fragte sie sich, brauchen ständigen Rechtsrat und haben noch keinen? Und wie kommt man an die ran? Ganz einfach: Über die Neueintragungen im Handelsregister. "Das war eine Mordsanstrengung", sagt sie, doch "mehr als ein Drittel meines Umsatzes habe ich allein dadurch aquiriert."

Angebot von der Gegenseite

Dass es bald noch mehr wurde, war wieder Glück: Einer ihrer ersten Mandanten, ein Kosmetikproduzent, hatte Ärger mit einem Konkurrenten, der ihn mit einer Flut wettbewerbsrechtlicher Verfahren überzog. Hampe arbeitete sich immer tiefer in die Materie ein und schoss dagegen - so erfolgreich, dass ihr Mandant nicht nur viele Prozesse gewann, sondern am Ende dem Konkurrenten sogar Kunden abnehmen konnte. Schon nach einem Jahr erzielte sie fast 100.000 Euro Umsatz. Ein sensationeller Wert.

Im November 2008 bekam sie schließlich das Angebot, als Syndikus-Anwältin in einem anderen, ebenfalls mittelständischen Kosmetikunternehmen einzusteigen - und nahm an. Dann wurde sie schwanger, im Dezember 2009 kam ihr Sohn zur Welt. Bald merkte sie, dass es in dem Unternehmen schwierig wurde als Mutter mit Kind. Doch wieder war das Glück auf ihrer Seite.

In einigen Verfahren, wieder gegen einen Mitbewerber, hatte die Gegenseite sie offenbar als "kompetent und trotz aller Gegnerschaft fair und höflich wahrgenommen" - und machte ihr schließlich ein Angebot. Seit Januar 2011 ist sie jetzt dort Leiterin der Rechtsabteilung und "ungeheuer glücklich damit". Um so mehr, als dies, wie sie zugibt, "keine Position ist, die man normalerweise ohne Prädikatsexamen erreichen kann".

Statt, wie andere mit besseren Noten, über eine Festanstellung irgendwann einmal den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen, ist sie den umgekehrten Weg gegangen. Doch ihr Weg zeige, sagt Hampe, dass man "auch mit nichts anfangen kann, und dass es letztlich nur darauf ankommt, wie sehr man sich für eine Sache einsetzt und wie man sich selbst präsentiert".

Corinna Unger: "Komisch, gegen die ehemaligen Kollegen zu arbeiten"

Nur drei Monate war Corinna Unger, 35, auf Jobsuche, dann bekam sie ausgerechnet beim Jobcenter Gera Arbeit, in der Widerspruchsabteilung für Hartz-IV-Bescheide. Doch die Stelle war auf zwei Jahre befristet - und nach Ablauf dieser Zeit wollte das Jobcenter sie nicht übernehmen. Sie suchte nach etwas anderem, vergeblich. "Ich stand vor der Wahl, entweder meine eigene Akte von den ehemaligen Kollegen bearbeiten zu lassen oder selbst etwas auf die Beine zu stellen."

Also stellte sie selbst was auf die Beine - und bot das an, was sie schon konnte, nur jetzt für die Gegenseite. Anfang 2007 ließ sie in Gera mit der Samstagszeitung Postkarten verteilen, Auflage: 30.000 Stück, Aufschrift in fetten roten Lettern auf schwarzem Grund: "Hartz IV?" und, fein und weiß darunter: "Corinna Unger, Rechtsanwältin". Am Montag darauf stand das Telefon nicht mehr still. "Der Erfolg hat mich selbst überrascht", sagt sie. Es gab natürlich schon einige Kanzleien, die Hartz-IV-Empfänger vertreten haben, "aber niemand hat das so konsequent angeboten wie ich".

Dass sie mit ihrer Erfahrung als ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin werben konnte, hat ihr dabei sicher geholfen, allerdings: "Manche Mandanten hat das auch verunsichert, weil sie nicht wussten, ob sie mir trauen konnten." Auch für sie war der Seitenwechsel nicht ohne. "Es war schon komisch, auf einmal gegen die ehemaligen Kollegen zu arbeiten", sagt Unger.

Das Geld kommt weiterhin vom Staat

Aber natürlich konnte sie sehr von ihrer Erfahrung profitieren: "Ich sehe auf den ersten Blick, wenn etwas falsch ist." Noch während die Mandanten bei ihr sitzen, diktiert sie den Widerspruch oder die Klageschrift für den Fall. "Sobald der Mandant raus ist, wird's geschrieben." Zwei Sekretärinnen arbeiten ihr inzwischen zu - davon können viele Anwälte nur träumen.

Obwohl Hartz-IV-Empfänger eigentlich gar kein Geld für einen Anwalt haben sollen, verdient Unger ganz gut. In Wahrheit bezahlt sie nach wie vor der Staat: Die Mandanten bekommen Beratungshilfe, bei gerichtlichen Auseinandersetzungen meist Prozesskostenhilfe - und wenn sie den Prozess gewinnt, trägt die Kosten ohnehin die Gegenseite, also Jobcenter beziehungsweise ARGE. Auch wenn das einzelne Mandat trotzdem keine Reichtümer bringt, "die Masse der standardisierten Verfahren macht's", sagt Unger.

Jedes zweite Rechtsmittel gegen einen Hartz-IV-Bescheid, so die gängige Formel, hat Erfolg - bei Unger liegt die Quote deutlich darüber. Gut 2100 Fälle hat sie bisher bearbeitet. Selbst heute kommen noch Mandanten mit ihrem Flyer von damals.

Das Verhältnis zu den ehemaligen Kollegen allerdings ist teilweise immer noch angespannt. "Ich versteh's nicht", sagt Unger, "die konnten doch nicht erwarten, dass ich Friseuse werde." Jedenfalls ist sie sich sicher: "Hätten sie mich behalten, hätten sie deutlich weniger Arbeit und Kosten gehabt."

Alex Grundmann: "Wie im Haifischbecken, wenn man eine Kuh reinschmeißt"

Eine Stelle als Anwalt zu suchen kam für Alex Grundmann (Name geändert), 28, nicht in Frage. "Ich wollte selbständig werden, alles andere war nichts für mich", sagt der Überzeugungstäter aus Hannover. Im Mai 2010, unmittelbar nach dem Examen, besorgte er sich die Anwaltszulassung - und einen Account bei 123recht.net. "Ich habe gleich damit angefangen", sagt Grundmann, "schon im ersten Monat habe ich dort 1000 Euro Umsatz erzielt".

Statt eines teuren Büros wie andere Gründer brauchte Grundmann nur einen PC - und schnelle Finger. Wenn ein Nutzer eine Frage stellt, die in einen der von ihm angegebenen fachlichen Schwerpunkte fällt, bekommt er eine Mail - und damit das Recht, darauf zu antworten, wenn er den Auftrag als erster akzeptiert. Manchmal kommt es auf Sekunden an. "Das ist wie im Haifischbecken, wenn man eine Kuh reinschmeißt", sagt Grundmann. "Erst muss man den Capture-Code eingeben", berichtet Grundmann, "dann einen weiteren Code" - und wenn man dann der schnellste war, "dann kann man sich wieder Zeit lassen".

Grundmann hat nur selten das Nachsehen - "weil ich so flink mit der Tastatur bin", sagt er und lacht. Zwei Stunden hat er jetzt Zeit, auf die gestellte Frage zu antworten, manchmal kommt noch eine Nachfrage, das war's. Der User kann den Anwalt bewerten, der bekommt den von Anfang an ausgelobten Arbeitslohn - im Schnitt etwa 35 Euro.

Die Netzantworten ziehen gute Aufträge nach sich

Im ersten Moment hört sich das nach furchtbar wenig an, wenn man bedenkt, dass eine Antwort selten unter einer Stunde zu schaffen ist. Doch auch Kleinvieh macht Mist: Zwar haben die Macher von 123recht.de die Zahl der möglichen Antworten für jeden Anwalt auf 30 pro Monat begrenzt, um einen gewisse Konkurrenz auf der Plattform zu sichern. Doch schon mit diesen 30 Antworten allein kann man durchaus auf 1000 Euro Umsatz kommen - die 17 Euro Teilnahmegebühr fallen dagegen kaum ins Gewicht.

Trotzdem sind die Antworten an sich "eigentlich nicht wirtschaftlich", gibt Grundmann zu - lukrativ wird das Ganze durch Folgemandate: Sei es, dass aus der Frage direkt ein richtiger Anwaltsauftrag entsteht, sei es, dass andere Nutzer die Antwort lesen und so auf den Experten aufmerksam werden. "80 Prozent meiner Mandate kommen daher", sagt Grundmann stolz, "das reißt es dann schon wieder raus."

Deshalb lohnt es sich meist, trotz zunächst vielleicht schlechter Honorierung ruhig etwas ausführlicher zu antworten: Die Beiträge werden direkt von Suchmaschinen erfasst. Mit geschickt gesetzten Begriffen kann man es also schaffen, bei Google relativ weit oben zu landen - bundesweit, und nicht nur in Hannover. "Einmal habe ich etwas zum Panzerfahren in Deutschland geschrieben, bald darauf hat mich jemand genau deswegen kontaktiert."

Stark schwankende Umsätze

Dabei ist diese Art zu arbeiten selbst auf der Plattform offenbar nicht einmal jedermanns Sache: Viele der dort registrierten Anwälte geben nur zwei oder drei Antworten pro Monat, Grundmann hat sein Limit dagegen oft schon nach gerade mal zehn Tagen erreicht, und zählt damit zu den zumindest quantitativ erfolgreichsten Anbietern des Portals. "Für ältere Kollegen ist das sicher nicht das Optimale", sagt Grundmann, "man muss einfach auch die ganze Zeit am Rechner sitzen".

Noch schwanken seine Umsätze stark, zwischen 2000 und 4000 Euro - nach nicht einmal zehn Monaten im Beruf ist das aber mehr als zufriedenstellend. Und die Kosten sind gering, da der Internetanwalt prinzipiell auch von zu Hause arbeiten kann, ohne dass das irgend jemandem auffallen müsste.

Selbst wenn ein Mandant ihn einmal persönlich treffen will, hat Grundmann eine gute Lösung parat: In einer Kanzlei, in der er schon als Referendar arbeitete, hat er für den Bedarfsfall ein Zimmer angemietet - mit Rechner, Software, Fax und Kopierer. Und weil es sich mit der Internet-Tätigkeit so gut vereinbaren lässt, promoviert Grundmann nebenbei auch noch und absolviert ein Fernstudium "Anwaltsberuf und Anwaltspraxis". "Das hat mir schon jetzt was gebracht", sagt er. Und gibt auf Nachfrage zu: "Klar, mancher könnte wahrscheinlich auch von mir etwas lernen."

Frank Weiß: Entscheidung gegen die Anwaltsfabrik

Dank Internet verdienen zahlreiche Kanzleien inzwischen ihr Geld mit Abmahnungen, wegen unzulässigem File-Sharing oder wettbewerbsrechtlichen Verstößen bei geschäftlichen Online-Auftritten. Auch der Esslinger Rechtsanwalt Frank Weiß, 38, gehört dazu.

Allerdings steht er meist auf der Gegenseite. "In 80 bis 90 Prozent der Fälle vertreten wir abgemahnte Parteien", sagt Weiß. Als Abmahn-Abwehr lässt er sich trotzdem ungern titulieren: "Abmahnungen sind an sich ein wichtiges Rechtsinstrument", sagt Weiß, "ohne das gäb's Sodom und Gomorrha."

Dass er sich selbständig machen wollte, "weil man da Freiheiten genießt, die man in einer Anwaltsfabrik nicht hat", war Weiß von Anfang an klar - ebenso wie die Spezialisierung auf Internetrecht und gewerblichen Rechtsschutz. "Ich hatte aber keine Ahnung, wie stark sich das vor allem in eine Richtung entwickeln würde."

Von Anfang an auf eine auffällige Internetpräsenz gesetzt

Gleich nach dem Studium bereitete er die Kanzleigründung vor - zusammen mit seinem Vater, der bis dahin die Patentabteilung eines schwäbischen Autobauers geleitet hatte. "Mandanten hatten wir damit aber erst mal noch nicht", sagt Weiß.

Von Anfang an setzte er auf eine auffällige Internetpräsenz. Er sicherte sich die Adresse Ratgeberrecht.eu, stellte regelmäßig juristische Nachrichten auf die Seite. "Schon im ersten Jahr sind viele mittelständische Firmen auf uns zugekommen", sagt Weiß, "darunter sogar Weltmarktführer, die bisher online nicht so vertreten waren, und rechtliche Beratung für geschäftliche Auftritte und Internet-Shops suchten." Viele Unternehmer kamen auch erst, nachdem sie von Konkurrenten eine Abmahnung kassiert hatten - und suchten nun bei Weiß Rat, wie sie ihr Online-Geschäft rechtssicher machen konnten.

Gleichzeitig bekam Weiß immer öfter Mandate von Privatleuten, die Abmahnungen wegen File-Sharing erhalten hatten. "Das hat sich so gehäuft", sagt Weiß, "dass wir schnell merkten, wir brauchen da mehr Informationen, um genau zu wissen, was da läuft."

So entstand der Weiß'sche "Abmahnwarner", ein "gigantisches Archiv" (Weiß), das inzwischen mehrere Millionen Zugriffe im Jahr zählt: Andere Anwälte berichten Weiß, nach Rücksprache mit ihren Mandanten, über Abmahnungen, die diese erhalten haben - und Weiß stellt diese Informationen anonym auf seiner Seite zur Verfügung. "Das zeigt den Rechtsanwaltskollegen und Händlern, wo die Gefahren lauern", so Weiß.

"Man schafft sich ein tolles Netzwerk"

Der Nutzen ist aber noch weit höher: Denn durch diese Sammlung gelingt es immer wieder, schwarzen Schafen unter den Abmahnanwälten auf die Schliche zu kommen. Wenn es nämlich gar nicht um ein echtes Wettbewerbsinteresse des Mandanten geht, sondern vorwiegend darum, dem Abgemahnten die Rechtsanwaltskosten aufzubürden, "ist eine Abmahnung rechtsmissbräuchlich", so Weiß; wenn der Anwalt dem Abgemahnten Gebühren in Rechnung stellt, die er seinem Mandanten im Innenverhältnis gar nicht berechnet hätte, "kann das ganze sogar strafrechlich relevant sein".

Ein starkes Indiz dafür kann schon die Zahl der Abmahnungen sein: "Wenn ein Anwalt innerhalb kürzester Zeit für einen Mandanten 50 oder noch mehr Abmahnungen rausschickt", so Weiß, "ist das schon ein Grund, gezielte Nachforschungen anzustellen." Etwa, ob der Umsatz des Auftraggebers in einem realistischen Verhältnis zu der Zahl der Abmahnungen steht. "Eine kleine Klitsche jedenfalls kann nicht mal einfach so ein Gebührenrisiko von 50.000 Euro stemmen." In diesem Jahr konnte Weiß so schon mehrere schwarze Schafe unter seinen Kollegen überführen. "An solche Informationen kommt man nur, wenn man die Abmahnungen bündelt."

Damit ist der Abmahnwarner inzwischen auch ein wichtiges Marketing-Instrument. "Man schafft sich so ein tolles Netzwerk mit anderen Anwaltskollegen", sagt Weiß, "und manch' einer sagt dann zu seinem Mandanten: Ich hab' davon keine Ahnung, geh' doch zum Weiß."

Inzwischen schaut Weiß' Vater nur noch gelegentlich beim Filius vorbei, dafür hat Weiß einen weiteren Anwalt als Partner dazugenommen. Das Schielen auf Examensnoten, das die Branche so beherrscht, macht Weiß allerdings nicht mit: "Noten sind zweitrangig", sagt er, "wichtig ist das Verständnis für das Ganze", das "Gefühl für Märkte zu haben und zu erkennen, wohin es läuft".

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