Job-Geständnisse Als ich im Newsroom von SPIEGEL ONLINE Mittagsschlaf hielt

Einen Monat lang hospitierte die chinesische Journalistin Colleen Wang, 27, bei SPIEGEL ONLINE. Hier berichtet sie von großen und kleinen Kulturschocks und gestressten deutschen Kollegen.

SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiterin übt Mittagsschlaf auf dem roten Sofa
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SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiterin übt Mittagsschlaf auf dem roten Sofa


"Hast du schon gesehen? Die chinesische Hospitantin schläft auf dem roten Sofa im Newsroom."
"Waaas?"
"Ja, das macht sie wohl jeden Mittag."
"Krass!"

So ähnlich verliefen in den vergangenen Wochen viele Flurgespräche in unserer Redaktion. Ein kurzer Mittagsschlaf am Arbeitsplatz ist in Deutschland immer noch - obgleich viel gelobt und häufig empfohlen - eine bemerkenswerte Ausnahme. Und noch dazu vor aller Augen!

Doch wie merkwürdig muss die chinesische Kollegin uns erst finden: Anstatt sich kurz aufs Sofa zu legen, gähnen wir uns durch den Nachmittag und kippen einen Kaffee nach dem nächsten. Und wie hat sie uns sonst eigentlich erlebt? Was ist in deutschen Büros anders als in Peking? Colleen Wang hat ihre Beobachtungen für uns aufgeschrieben.

Newsroom von SPIEGEL ONLINE in Hamburg
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Newsroom von SPIEGEL ONLINE in Hamburg

"Was mir als Erstes auffiel, als ich in die Redaktion von SPIEGEL ONLINE kam: Alle Redakteure haben eigene PCs, meistens mit zwei oder sogar drei Bildschirmen. In chinesischen Medienhäusern gibt es höchstens einen Bildschirm pro Person - wenn überhaupt. Viele Journalisten müssen ihre eigenen Laptops oder PCs mitbringen.

Was ich auch nicht kannte: Höhenverstellbare Schreibtische. Das gibt es bei uns leider auch nicht, obwohl viele Kollegen Rückenprobleme vom vielen Sitzen haben. Dafür haben wir eine andere Wunderwaffe, die ich in Deutschland nicht gesehen habe: Sitzkissen. Fast jeder in meiner Redaktion in Peking hat ein eigenes Kissen, das für eine gute Haltung am Schreibtisch sorgen soll.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass in chinesischen Redaktionen die Leute durchschnittlich viel jünger sind als hier. Über 40-Jährige gibt es bei uns so gut wie gar nicht, höchstens im Management oder in Leitungsfunktionen. Journalisten in China sind in der Regel zwischen 20 und 30.

Das hat vor allem drei Gründe: China ist eines der sich am schnellsten entwickelnden Länder der Welt, das gilt auch für unsere Nachrichten - man muss also körperlich und geistig fit sein, um diesen Job zu machen. Junge Mitarbeiter sind daher gefragt. Gleichzeitig verändert sich unsere Medienlandschaft sehr stark, viele ältere Kollegen können da nicht mithalten.

Und last but not least: Junge Journalisten sind häufig besonders motiviert, den Lesern wegbereitenden, interessanten Journalismus zu bieten - solange sich ihre Artikel mit den Vorgaben der Zensurbehörde in Einklang bringen lassen. Das macht diese Arbeit sehr anstrengend, so dass viele nach ein paar Jahren aussteigen.

Unsere Themenkonferenzen sind ähnlich wie die in Deutschland. Das gilt auch für die Arbeitszeiten: Wir arbeiten normalerweise von 9 bis 18 Uhr. Allerdings ist die Stimmung bei uns etwas lockerer, finde ich. Wir verhalten uns eher wie Bekannte als wie Kollegen, quatschen immer mal zwischendurch oder kommentieren die Nachrichten - auch wenn die Bemerkungen nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben.

In Deutschland habe ich die Atmosphäre im Büro als ernsthaft und sehr fokussiert erlebt. Wer aber nur still und konzentriert vor sich hinarbeitet oder morgens gehetzt ins Büro eilt, wirkt auf mich gestresst oder gar deprimiert.

Einige deutsche Kollegen waren so beschäftigt, dass ich eine Woche auf ein gemeinsames Mittagessen warten musste. Das war aber okay für mich - ich verstehe ja, dass es nicht so eine große Sache ist, mit einer Fremden aus einem fernen und so andersartigen Land Mittagessen zu gehen.

Überhaupt: die Mittagspause. Generell ist es in China eher unüblich, dass Firmen kostenlos Kaffee oder andere Getränke bereitstellen. Die Mitarbeiter bringen sich in der Regel selbst mit, was sie trinken möchten: Kaffee, Tee oder Softgetränke - keinen Alkohol natürlich. Einige staatliche Medien haben eigene Cafeterien, wo die Mitarbeiter günstig essen können. In kommerzialisierten Medienhäusern ist das undenkbar - die besseren stellen für die Angestellten vielleicht ein paar Snacks bereit, zum Beispiel Früchte oder Joghurt.

Pause machen wir normalerweise von 12 bis 13.30 Uhr, im Sommer häufig sogar bis 14 Uhr. Mittags gehen viele in ein Restaurant oder holen sich etwas Essen zum Mitnehmen. In den großen Städten gibt es alles: Hamburger, Panini, Steak und natürlich asiatische Küche.

Seit dem vergangenen Jahr ist gerade unter den jüngeren Kollegen in Shanghai und Peking etwas anderes total in: Wir bestellen unser Mittagessen online - und zwei Stunden später wird es an unseren Schreibtisch geliefert.

Einige plaudern in den Pausen vor allem mit den Kollegen, andere gehen noch in ihre Fitnessstudios in der Nähe. Ich lege mich, wann immer es sich einrichten lässt, nach dem Mittagessen für eine halbe bis eine Stunde hin.

Der Mittagsschlaf ist wahrscheinlich der größte Unterschied. In China, vor allem im Norden, werden wir damit groß: Wir schlafen im Kindergarten, in der Schule, in der Uni und, wenn es geht, auch im Büro. Einige bringen sogar ihr eigenes Klappbett mit, wenn es kein Sofa oder Ähnliches gibt. Niemand findet das merkwürdig.

Ich habe mich daher gefreut, dass es bei SPIEGEL ONLINE ein Sofa gab - und dass ich mit niemandem darum konkurrieren musste."

Zur Person
    Colleen Wang, 27, arbeitet als Printjournalistin in Chinas Hauptstadt Peking für das Magazin "Phoenix Weekly". Ihr Schwerpunkt ist internationale Politik, sie arbeitete bereits in New York, Schweden, Iran und Kenia und bereiste viele Länder in Asien und Europa. Im Rahmen eines Austauschprogramms verbrachte sie im Sommer 2016 drei Monate in Deutschland, einen davon bei SPIEGEL ONLINE in Hamburg.

Übersetzung aus dem Englischen: Lena Greiner

insgesamt 20 Beiträge
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fraumarek 11.10.2016
1. Das wichtigste hat sie vergessen
Das wichtigste hat sie vergessen: In Deutschland gibt es eine freie Presse. Da darf man auch hart die Regierung kritisieren, Skandale aufdecken und sogar hohe Regierungsmitglieder vor Gericht zerren oder anklagen. DAS wäre in China völlig undenkbar und die Dame würde dann sehr schnell ihren Job verlieren und im Gefängnis landen.
metalslug 11.10.2016
2. Haha, Ihr alten Säcke, geht nach Hause!
Was, Ihr schreibt immer noch am Artikel? Ab ins Altenheim, aber sofort. Alle Ü30er verlassen bitte auf der Stelle das Gebäude. Jetzt wo ich weiß, dass in China alle Artikel so frisch wie der Morgentau einem noch frischeren Junghirn entspringen, will ich nichts mehr von dem verwelkten, greisenhaften spon Output konsumieren. Oh diese Schwäche und Gebrechlichkeit, ich sollte mich schnell ausloggen und auf einer chinesischen Seit Kraft tanken.
kael 11.10.2016
3. Kulturelle und körperliche Verbesserung
Dass sie auf dem Sofa schlief, ist immerhin eine kulturelle Verbesserung. Denn üblicherweise schlafen Chinesen/innen während ihrer Mittagspausen im Büro mit dem Gesicht auf dem Schreibtisch.
Korken 11.10.2016
4. Mittagsschlaf steigert Leistung und Wohlbefinden
Zu meiner Zeit in Tokyo war es ganz normal, dass man sich Mittags mal kurz erholt und schläft. Schon 20 Minuten machen einen unglaublich fit für den Nachmittag. Zurück in Deutschland wurde man erstmal für diese liebgewonnene Gewohnheit angegangen von wegen Schlafen während der Arbeitszeit. Da half es auch nichts, wenn es zur Mittagspausenzeit geschah. Gegessen wurde dort oftmals am Schreibtisch, gesundes "Fastfood" gab es in den Straßen zuhauf, dass man kurz holen konnte. Das konnte auch während der Arbeitszeit sein. In Deutschland ist man da noch nicht so offen, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass man sich hier weniger mit der Firma identifiziert oder man den Angestellten nicht traut. Man könnte es ja ausnutzen. So what, so lange die Arbeit gemacht wird und es im team funktioniert sollte es doch kein Problem darstellen.
RudiRastlos2 11.10.2016
5.
Als wenig und sehr schlecht schlafer, könnte ich nie im Büro schlafen. Wie sollten Leute wie ich eine Schlafpause nutzen können?
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