Als erste Frau bei der Hamburger Müllabfuhr "Plötzlich sind Ratten aus dem Container gesprungen"

Dutt, Overall, Stahlkappenschuhe: Michaela Fuhrmann, 36, ist die erste Frau bei der Hamburger Müllabfuhr. Die Mutter von drei Kindern hat 900 männliche Kollegen und keine Angst vor Ekel-Tieren.

Kann anpacken: Michaela Fuhrmann ist die erste Müll-Frau in Hamburg
Stadtreinigung Hamburg

Kann anpacken: Michaela Fuhrmann ist die erste Müll-Frau in Hamburg

Ein Interview von Silvia Dahlkamp


KarriereSPIEGEL: Andere Frauen lackieren ihre Nägel, drehen die Haare auf, tippeln auf High Heels zur Arbeit. Sie schlüpfen jeden Morgen in eine orangefarbene Kluft, tragen Stahlkappenschuhe. Nicht gerade ein Traumjob für eine Frau, oder?

Fuhrmann: Doch. Das hat Familientradition. Schon mein Großvater war Müllmann, auch mein Onkel und Cousin arbeiten bei der Stadtreinigung.

KarriereSPIEGEL: Trotzdem ungewöhnlich. Sie sind die einzige Frau unter 900 Müllmännern in Hamburg. Wie kam es dazu?

Fuhrmann: Vorher habe ich in einem Second-Hand-Kaufhaus der Stadt gearbeitet. Auf der Weihnachtsfeier hat mein Chef von dem Projekt "Frauen bei der Müllabfuhr" erzählt. Das fand ich toll. Ich bin sofort aufgesprungen und habe mich für ein Praktikum beworben.

KarriereSPIEGEL: Da hatten Sie wohl schon einen Punsch zu viel getrunken?

Fuhrmann: Das dachten meine Kolleginnen auch. Die unkten: "Das hältst du keine zwei Wochen durch."

KarriereSPIEGEL: Aber da lagen sie daneben. Jetzt sind Sie schließlich schon 14 Tage dabei.

Fuhrmann: Nein, drei Wochen. Aber ich muss zugeben: Abends bin ich total kaputt. Spätestens um 20 Uhr liege ich im Bett.

KarriereSPIEGEL: Sie müssen ja auch jeden Morgen um 4 Uhr aus den Federn.

Fuhrmann: Die Schicht beginnt um 6 Uhr. Ein ganz schöner Knochenjob: Acht Stunden Tonnen schieben, Container rücken und einhängen, das merkt man in den Armen, Schultern und Beinen. In der vergangenen Woche konnte ich mich vor lauter Muskelkater kaum bewegen. Und dann hatten wir auch noch zwei Tage lang ein altes Auto, mussten die Abfallbehälter per Hebel hochhieven. Abends war ich völlig hinüber. Aber daran werde ich mich wohl noch gewöhnen. Das lernt man wie Fahrradfahren.

KarriereSPIEGEL: Und was ist mit dem Gestank?

Fuhrmann: Halb so wild. Vielleicht ist es im Sommer anders, wenn Maden aus den Tonnen kriechen. Letzte Woche sind zwei Ratten aus einem Container gesprungen. Da hab' ich ganz schön blöd geguckt.

KarriereSPIEGEL: Iiiihhh, das ist doch ekelig.

Fuhrmann: Augen zu und durch, ich bin hart im Nehmen. Schließlich trage ich Handschuhe und habe auch sonst jede Menge Wechselklamotten: Fünf T-Shirts, drei Hosen, zwei Winter- und drei Sommerjacken, zwei Pullover, drei Warnwesten. Jeden Mittwoch schmeiße ich die Waschmaschine an.

KarriereSPIEGEL: Gibt es blöde Sprüche von Kollegen?

Fuhrmann: Klar fällt in der Kolonne mal ein derber Witz. Aber das kann ich ab, weiß manchmal sogar einen besseren. Es gibt auch Kerle, die mich loben: "Du stellst dich besser an als manch ein Mann." Ich weiß, ich muss noch viel lernen, aber darüber freue ich mich natürlich.

KarriereSPIEGEL: Drei Monate Praktikum, geht es danach weiter?

Fuhrmann: Wenn die Jungs mich wollen. Auf jeden Fall stell' ich mich erst mal auf die Waage. Vielleicht habe ich abgenommen und eine Traumfigur. Dann verlängere ich auf jeden Fall.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967). Sie arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.



insgesamt 31 Beiträge
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Khaled 24.04.2015
1. Meine absolute Hochachtung
gilt jedem, der diesen harten, fordernden und für das Gemeinwohl unverzichtbaren Beruf ausübt.
wolfgangsedlak 24.04.2015
2.
Ja, auch ich habe Hochachtung vor dieser Frau, aber das es eine schwere Arbeit ist kann ich so nicht glauben, da ich diese Arbeit auch selbst schon ausgeführt habe u. zwar habe ich in der DDR in einem kommunalem Betrieb als Maler gearbeitet. Dort wurden noch fast sämtliche Haushalte mit Kohle beheizt u. im Winter waren die Mülltonnen sauschwer u. zum anderem mußten die noch angehoben werden damit sie entleert werden konnten. Zur Müllabfuhr mußten wir laut Arbeitsgesetzbuch zwangsweise meistens im Januar weil Arbeitskräfte knapp waren u. viele Müllwerker krank waren. Warum schreibe ich dieses. Bei den Müllwerkern ist das Jammern in Hamburg meist auf hohem Niveau. Ich weiß es deshalb weil ich 11 Jahre als Hausmeister in Hamburg gearbeitet habe. Z.B. bekommen sie wenn sie zur Mittagszeit nicht in Betrieb fahren eine Überstunde gut geschrieben, aber diese Stunde nehmen sie trotzdem war um ihr Mittag beim Bäcker zu nehmen. Außerdem waren es früher Metalltonnen u. heute federleichte Plastiktonnen u. Dann auch noch mit Räder.
Monsieurlapadite 24.04.2015
3. Das nenne ich ehrliche Emanzipation
Ganz anders als das was wir in den letzten Dekaden gesehen haben und jetzt mit Schwesig und der Frauenquote auf die Spitze getrieben wird. Michaela Fuhrmann soll doch bitte die Schweisg ersetzen. Ein bisschen Ehrlichkeit könnte dieser Regierung nicht schaden.
Astir01 24.04.2015
4. Wann fordert die erste Politikerin
die 40 %- Frauenquote bei der Müllabfuhr?
ANDIEFUZZICH 25.04.2015
5. Resy
Die Ratte heisst Resy, oder aber Desy... Sie springt schon mal bei der Kübelleerung dem Müllwerker über die Schulter, alles kein Grund zur Panik.
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