Start-up in Berlin Kondome, Tampons, Narrenfreiheit

Wie können Chefs ihre Mitarbeiter motivieren? In Berlin gehen die Gründer des Start-ups Einhorn einen radikalen Weg: Sie geben nichts mehr vor - nicht das Gehalt, nicht die Zahl der Urlaubstage. Kann das funktionieren?

Heike Klovert / SPIEGEL ONLINE

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Der, der das Berliner Start-up Einhorn aufgebaut hat und mal so etwas wie sein Chef war, trägt Jeans mit Löchern auf den Knien, ein verwaschenes "I Love NY"- Shirt und eine schwarze Wollmütze. Philip Siefer, 35, zelebriert mit seinem Outfit das Image des Anti-Chefs. Und auch innerlich scheint er mit dem abgeschlossen zu haben, was Führungskräfte in traditionellen Firmen üblicherweise ausmacht.

Siefer und sein Partner Waldemar Zeiler gründeten Einhorn vor vier Jahren, um vegane, in bunte Chipstüten verpackte Kondome und später auch Tampons aus Biobaumwolle zu vertreiben.

Damit sind sie inzwischen bundesweit bekannt, auch weil sie in ihrem Hinterhofbüro in Kreuzberg einen neuen Ansatz des Miteinanders am Arbeitsplatz verfolgen: Sie legen ihren Mitarbeitern keine Strategie vor, sie legen die Gehälter und Arbeitszeiten nicht fest und auch nicht die Zahl der Urlaubstage.

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Start-up Einhorn: Wo Mitarbeiter frei und Chefs überflüssig sind

Das Konzept ist radikal, lässt sich unter dem Schlagwort New Work zusammenfassen und findet zunehmend Anhänger. Es basiert auf dem Gedanken, dass Unternehmen lebendige Organismen sind, die nicht zentral gesteuert werden müssen, um zu funktionieren.

"Ohne eine starre Machtverteilung bilden sich informelle Hierarchien heraus", sagte New-Work-Experte Frédéric Laloux dem SPIEGEL. "Es werden dann die Leute gefragt, die sich am besten mit einem Thema auskennen und nicht die, die auf der Leiter weiter oben stehen."

Dass jemand im Team diese Freiheiten ausnutzen könnte, fürchten die Nicht-mehr-Chefs von Einhorn offenbar nicht. "Kein Mensch ist faul", sagt Siefer. Man müsse Menschen nur das machen lassen, was sie selbst gerne machen wollten.

"An den Rand der Verzweiflung"

Vor zwei Jahren fuhren Siefer und Zeiler mit der Belegschaft, damals rund 15 Kollegen, nach Malaysia, um eine Kondomfabrik zu besuchen. Auf dieser Dienstreise erklärten die beiden Geschäftsführer, künftig nichts mehr entscheiden zu wollen. Wer ein Problem hat, muss es seither selbst lösen oder mithilfe seiner Kollegen. An Zeiler oder Siefer soll sich damit bitte niemand mehr reflexhaft wenden.

Doch wie funktioniert das in der Praxis und was verlangt es Menschen ab, die sich darauf einlassen?

Cordelia Röders-Arnold sitzt zwischen Kartons voller Kondomtüten in einem Großraumbüro an ihrem Schreibtisch. "Der Orgasmus bleibt hier", steht auf einem Plakat, das an der Rückseite eines Regals daneben hängt.

Röders-Arnold arbeitet seit anderthalb Jahren für Einhorn. Sie hat dort eine neue Produktlinie mitaufgebaut: Tampons, Menstruationstassen, Binden. Alles so hinzubekommen, dass die Produkte pünktlich zum 1. März in bundesweiten Drogeriemärkten ausliegen konnten, habe sie "an den Rand der Verzweiflung getrieben", erzählt die 31-Jährige.

Die inzwischen rund 20 Mitarbeiter von Einhorn arbeiten in verschiedenen Teams, die sich ums Design der Verpackungen, um Nachhaltigkeit oder andere Themen kümmern. Und wenn das Design-Team nicht fertig ist, ist es nicht fertig. "Hier kannst du nichts erzwingen", sagt Röders-Arnold. "Ich habe gelernt, mit dem Flow zu gehen."

Dass die Produkte trotzdem rechtzeitig fertig wurden, liegt wohl vor allem daran, dass alle letztlich das Interesse teilen, dass es der Firma gut geht. Jeder kann alle Zahlen - auch alle Gehälter - jederzeit einsehen. Anfangs konnte auch jeder selbst entscheiden, wie viel er verdienen wollte.

Weil das allerdings zu Neid und Frust führte, gibt es nun einen dreiköpfigen Gehaltsrat, den die Mitarbeiter wählen. Der Rat hat festgelegt, dass zu einem Grundgehalt von 1630 Euro netto, das in Berlin zum Leben grundsätzlich reichen sollte, bestimmte Zulagen kommen. Für jedes Kind gibt es zum Beispiel 400 Euro im Monat netto extra. Und die Bestbezahlten dürfen höchstens dreimal so viel verdienen wie die Geringverdiener.

"Wir wollen aushebeln, dass die, die am lautesten schreien, am meisten bekommen", sagt Jördis Brankatschk, 34, die im Gehaltsrat sitzt. "Doch das Thema ist immer noch superemotional. Wenn wir sagen, dass wir übers Gehalt reden wollen, herrscht sofort schlechte Stimmung."

Keine Einarbeitung, kein fester Feierabend

Vor einigen Monaten trugen alle zusammen, was sonst noch nervt: Besprechungen dauern lang und laufen chaotisch ab, auch weil nicht klar ist, wer überhaupt mitreden und wer schließlich entscheiden darf. Wenn sich das Designteam zum Beispiel bunte Plastikverpackungen wünscht und das Nachhaltigkeitsteam für Papiertüten plädiert, gibt es niemanden auf einer Hierarchiestufe darüber, der die Pattsituation auflösen könnte.

Die Gründer Seifer und Zeiler tun das absichtlich nicht. Denn: "Teams müssen lernen, über die Ideen ihrer Führungskräfte hinauszuwachsen", sagt Seifer.

Seit anderthalb Jahren kümmert sich Brankatschk um Einhorns Finanzen, und sie erinnert sich noch gut an ihren ersten Tag. Sie bekam ihren Platz gezeigt, eine Einarbeitung fand nicht statt. "Ich musste mich komplett auf mich selbst verlassen", sagt sie. "Das war eine große Umstellung."

Inzwischen möchte Brankatschk nirgendwo anders arbeiten. Sie kann früh anfangen, ihre Tochter von der Schule abholen, sich danach noch einmal an den Schreibtisch setzen. Manchmal macht sie Homeoffice. Wie sie sich das einteilt, steht ihr völlig frei.

Markus Wörner, 38, ist fürs Marketing zuständig und auch an seinen freien Tagen für Kollegen erreichbar. "Früher war ich sauer, wenn mich jemand aus dem Büro im Urlaub angerufen hat", sagt er. Jetzt stört es ihn nicht mehr, weil er es selbst so will.

Wörner arbeitet vormittags von zu Hause aus, "in Jogginghose", fährt nachmittags oft ins Büro und arbeitet dort bis spät. "Ich habe nicht das Gefühl, dass die anderen weniger machen als ich", sagt er. "Die meisten sind präsent, auch wenn sie nicht hier sitzen."

Tränen in Konferenzen

Einmal im Monat sind sogenannte "Clear the Air Meetings" angesetzt, die ein Coach für gewaltfreie Kommunikation moderiert und die Konflikte ausräumen sollen. Dabei fließen dann auch schon mal Tränen.

Linda Preil, 27, hat sich bei einem dieser Treffen von der Seele geredet, dass sie sich nicht wertgeschätzt fühlte, als sie im vergangenen Herbst für zwei Monate in Thailand war. Sie erkundete für Einhorn die Möglichkeit, nachhaltiges Kautschuk aus Thailand zu beziehen. Sie schickte regelmäßig Berichte ins Büro. Doch kaum ein Kollege schrieb zurück. "Ich hatte das Gefühl, ich existiere für Einhorn nicht, weil ich keine coolen Instagram-Posts absetze", sagt Preil.

Jung, cool, im Netz präsent und vor allem authentisch sein - das gehört zur Marketingstrategie von Einhorn dazu. Und auch wenn es oft anstrengend und mühsam ist, ohne Ansagen von oben zu arbeiten: Erfolgreich sind die Einhörner allemal. In vier Jahren ist das Start-up stark gewachsen, seit zwei Jahren ist es profitabel. Im vergangenen Jahr hat es netto 1,7 Millionen Euro Umsatz und rund 300.000 Euro Gewinn gemacht.

Und dabei geht es nicht nur um Kondome und Tampons. Bei Einhorn verkauft sich vor allem das Image, längst ist das Start-up zum Aushängeschild der New-Work-Szene aufgestiegen. Siefer, Zeiler und einige andere Mitarbeiter werden regelmäßig gebucht für Vorträge über moderne Unternehmensführung. 2018 nahmen sie 50.000 Euro netto Honorare ein.

Wer ist "einhorny"?

"Wir bekommen krass viele Bewerbungen", sagt Siefer. Einhorn wäre nicht Einhorn, wenn Zeiler und Siefer inzwischen nicht auch das Einstellungsverfahren aus der Hand gegeben hätten: Die jeweiligen Teams suchen sich ihre künftigen Kollegen selbst aus.

Wenn sie jemanden gefunden haben, der "einhorny" genug ist, müssen sie sich in der zweiten Runde Feedback von einem Einhorn außerhalb ihres Teams einholen - egal ob von Zeiler, Siefer oder von jemandem aus der Logistik.

Markus Wörner vom Marketing wurde vor vier Jahren noch auf traditionellere Weise eingestellt: Die Gründer ließen ihn ein selbst entworfenes Kreuzworträtsel mit Fantasiebegriffen lösen. "Ich kannte Einhorn nicht, aber mich hatte der Ehrgeiz gepackt", sagt er. Er brauchte zwei Tage. Das Lösungswort? "Orgasmus-Dendrat".

insgesamt 20 Beiträge
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dr.joe.66 01.04.2019
1. Cool - und toll, dass es funktioniert!
Cooler Ansatz für mündige und erwachsene Mitarbeiter. Ich bin gespannt, wie das sich weiter entwickelt wenn die größer werden. Könnte man einen großen Konzern so führen? Vielleicht... Und das mit dem Gehalt ist erstens ein Hygienefaktor, niemand wird durch mehr Geld glücklich aber viele bei zu wenig schnell genervt. Zweitens ist das ein typisch deutsches Problem. In anderen Ländern wird viel offener und entspannter damit umgegangen. Aber das kriegen die auch noch hin! Überhaupt, der ganze Ansatz was wäre doch mal was für den Bundestag. Nix mehr Pöstchen-Verteilung. Nix mehr Fraktionszwang. Nix mehr Parteilinie. Nix mehr Mutti entscheidet alles. Nix mehr Horsti beißt die anderen weg. Sondern es kümmern sich die besten Experten um ihre Themen. Und bei Diskussionen geht es nicht mehr um die eigene Macht, sondern darum was das beste für die Firma, also das Land, ist. Vielleicht sollte man mal einen Staat-Up gründen...
postmaterialist2011 01.04.2019
2. Das ist die Zukunft !
Ich arbeite in einem Unternehmen, wo man auch ungemein viel Entscheidungsfreiheit hat(te). Leider wachsen wir gerade so rasant, dass einige meinen man müsse traditionelle Hierarchien, Meetings, Zeitverschwendersessions , die eigentlich nur dem Ego dienen einführen. Ich bin oft 10 Tage am Stück im Ausland und entscheide dort dann frei wenn ich treffe, welche Kongresse ich besuche etc. Ich handle obwohl Angestellter immer im Sinne des Unternehmers, sprich ich versetze mich in die Lage "wie würde ich entscheiden wenn mir die Firma gehören würde" und fahre damit jedes Jahr neue Umsatzrekorde ein. Lasst guten Mitarbeitern fast grenzenlose Freiheiten und sie werden sie nicht missbrauchen. Wenn jemand dies ausnutzt war er halt nicht der richtige Mitarbeiter und muss bei einer konventionellen Firma sein Heil suchen.
sunshine422 01.04.2019
3. Darf doch nicht jeder
wie er will. Die Überschrift suggeriert jeder kann dort sein Gehalt bestimmen, was aber letztlich nicht funktioniert hat. Neid und Missgunst ist eben oft ein Problem. Letztlich kämpfen sie mit den selben Problemen, wie jedes "normale" Unternehmen. Und dass das bei 20 Leuten oder vielleicht noch bei 40 funktioniert, kann ich mir vorstellen. Aber wie sieht es dann bei 500 aus ? Moderne Unternehmen arbeiten ja schon lange in ähnliche Richtungen, aber wohl nicht so radikal. Ich will den Grundgedanken nicht schlecht machen, ganz im Gegenteil. Nur lese ich heraus, das wohl länger und mehr gearbeitet wird als der Tarifvertrag angibt. Rsp das Unternehmen untersteht wohl keinem Tarifvertrag. Mitarbeiter sind in Ferien oder freien Tagen erreichbar, weil sie es freiwillig so wollen. Nun ja, warten wir mal ab, wie es nach 10 Jahren aussieht
Archie69 01.04.2019
4. Hört sich alles revolutionär an, gibte es aber
schon in vielen Groß-Konzernen. Sogenannte Selbstorganisierte Teams, in denen alle Mitglieder eine Rolle mit definierten Verantwortungsbereichen haben, in welchen sie in einem gewissen Rahmen selber entscheiden dürfen bzw. müssen. Gesteuert wird das dann über Unternehmensziele, die auf die Teams runtergebrochen werden, Zielgehältern mit variablen Anteil (Bonus), die sich nach der Zielerreichung richten, die in einem Zielerreichungsgespräch mit dem Team oder Abteilungsleiter verhandelt werden . Natürlich ist es auch möglich mehr Gehalt zu bekommen als das Zielgehalt, wenn die Ziele übererfüllt wurden, endet aber meist in einem Gehalts bzw. Bonusabschlag. Natürlich will jeder sein Zielgehalt erreichen und haut auch abends, nachts und am Wochenende rein.
romeov 01.04.2019
5. Schlussendlich sind wir Menschen
...und wie die Funktionieren, wissen wir ja. Viele werden sich übervorteilt fühlen, manche werden sich hohe Gehälter auszahlen lassen, die wiederum andere demotivieren, dazu kommen Neid und Missgunst. Das ganze klappt so lange, bis die Start-Investitionen verpulvert sind, dann ist Schluss. Es ist halt wieder mal sie ein hippes Youngster-Wohlfühlthema, das wahrscheinlich mal für BENTO vorgesehen war.
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