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Investor auf Start-up-Messe: Zwischen Bauchgefühl und Businessplan

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Investor auf Ideensuche Ich habe heute leider keine Visitenkarte für dich

Meist nennt er nur den Vornamen und geht nach ein paar Fragen. Seine Visitenkarte hätten viele junge Gründer gern, denn Patrick Meisberger hat Geld und einen Großkonzern im Rücken. Bei einer Berliner Start-up-Messe prüft er Ideen im Minutentakt - ein Rundgang mit dem Investor.
Von Sarah Tschernigow

Nein, die gute Idee allein ist es nicht. Die gute Idee allein macht die Kasse nicht voll. Das ist die erste bittere Erkenntnis für junge Unternehmer. "Viele Gründer scheitern daran, dass sie ihr Konzept nicht richtig umsetzen, einen Markt adressieren, den es gar nicht gibt, oder schlichtweg als Team nicht funktionieren", erklärt Patrick Meisberger, 42. Er muss es wissen, als Geschäftsführer von T-Ventures, einer Tochterfinanzierungsgesellschaft der Deutschen Telekom: "Wir investieren jedes Jahr 70 Millionen Euro in junge Firmen."

Bei der Berliner "Langen Nacht der Start-ups" sucht der Investor nach neuen Konzepten aus der Kommunikationsbranche. Die Veranstaltung läuft gut. Draußen ist die Schlange lang; die Besucher hangeln sich bei cooler Musik von Stand zu Stand, es gibt viel zu entdecken. Originell sind die Start-ups hier alle. Am Ende werden von den 70 Ausstellern vielleicht zehn Meisbergers Interesse wecken.

Die Firma Blinkist  etwa hat eine App für Menschen entwickelt, die sich für Sachbücher interessieren, aber keine Zeit oder Lust haben, sie zu lesen. Aus den Wälzern werden zehn knackige Thesen für die U-Bahn-Fahrt zusammengefasst. Gleich daneben präsentiert sich Sugafari, ein Onlinehandel für kuriose Süßigkeiten aus aller Welt: grüne Schokoriegel aus Japan, superscharfe Munderfrischer aus Pakistan, mit Schokolade überzogene Marshmellows aus Schweden. Der Probierteller kommt gut an. Andrang auch bei Etagen-Erika : Das Zweiergespann aus Berlin liefert Sets mit Kräutern und Geranien für den Balkon, samt Pflanz- und Pflegeanleitung.

Zwischen Bauchgefühl und Businessplan

Der Investor stürzt sich ins Getümmel, mit Notizblock und Visitenkarten, auf seiner Brust prangt ein "Patrick"-Button. "Mehr brauche ich für meinen Job nicht", sagt er. "Es geht hier viel um Bauchgefühl."

Will er denn keine Businesspläne sehen? Keine Exposés oder Power-Point-Präsentationen? Das kommt später. Meisberger sucht erst mal das lockere Gespräch. "Ich will sehen, ob die Start-ups ihre Idee kurz und knackig auf den Punkt bringen und sie mir attraktiv vermitteln können."

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Einen Kriterienkatalog arbeitet er nicht ab, schaut sich aber das Gründerteam immer genau an: "Sie sollten unterschiedliche Kompetenzen mitbringen. Drei Marketingexperten sind zu viel. Einer muss auch etwas von Finanzen verstehen, der andere technisches Know-how mitbringen." Auch Sympathie spiele eine Rolle. "Ich bin seit neun Jahren dabei und kriege schnell mit, ob etwas funktioniert oder nicht."

Und was macht ihr so?

"Hi, ich bin Patrick. Erzähl mal, was macht ihr?" So startet er ein Gespräch mit Karolina Cyganek, 30. Die Geschäftsführerin von Exploribox  legt enthusiastisch und selbstsicher los: Die Entdeckerschachtel soll Kinder zwischen fünf und zehn Jahren spielerisch an Naturwissenschaften heranführen. Darin befindet sich allerhand Bastelmaterial: Papier, Plastikteilchen, Stifte und Schnüre. Die Kinder lernen, was eine optische Täuschung ist oder wie Licht reflektiert wird.

Solche Boxen gibt's aber doch schon? Meisberger ist skeptisch. Die Antworten der Gründerin kommen wie aus der Pistole geschossen. Exploribox fokussiere sich auf Naturwissenschaften, Eltern müssten kein Abo abschließen. Der Investor hakt nach: Wer ist die Zielgruppe? Was kostet so eine Box? Und wovon lebt ihr, was motiviert euch?

Visitenkarten werden nicht getauscht, dabei ist Meisberger begeistert von Cyganeks Art. "Sie geht da voll drin auf, das ist total wichtig." Allerdings zweifelt er am Erfolg des Produkts: "Ich hätte Bedenken bezüglich der Marktdynamik. Ich kenne mindestens zwei Wettbewerber in Deutschland, die Ähnliches anbieten. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Idee zu wenig."

Der Investor siebt rasch aus, so schnell kriegt keiner sein Geld. Er will sich sicher sein, sein Job bleibt aber ein Risikogeschäft. "Fast jede zweite Geschäftsidee, in die investiert worden ist, scheitert." Auch er habe schon viel Geld verloren. Aber auch einige Start-ups ziemlich groß rausgebracht und gewinnbringend weiterverkauft, zum Beispiel die Flugsuchmaschine Swoodoo.

"Um von uns eine Summe zwischen 50.000 und 150.000 Euro zu bekommen, müssen Unternehmer natürlich mehr tun, als einen guten Eindruck hinterlassen", sagt Meisberger. "Sie müssen sich richtig bewerben und uns Businesspläne vorlegen. Im Idealfall gehen sie mit unserer Hilfe nach sechs, sieben Jahren an die Börse. Dann ist für uns Zahltag."

Sorry, wir brauchen gerade kein Geld

Ein junges Unternehmen konnte Patrick Meisbergers Interesse so stark wecken, dass er sich schon seit zehn Minuten angeregt unterhält: mit den Machern von Edyou , einem sozialen Netzwerk für Schüler und Lehrer, das ähnlich wie Facebook funktioniert.

Christopher Bick vom Marketing führt dem Investor sein Produkt am Notebook vor. Unter strengen Datenschutzrichtlinien können Lehrer hier Lernmaterialien hochladen und Neuigkeiten posten. Akzeptieren die Schüler das? Die finden es doch sicher uncool, mit ihren Lehrern zu chatten? Der Unternehmer argumentiert: Mit der Plattform hätten Schüler alle ihre Kurse im Blick. Fällt etwa Mathe aus, erfahren sie das sofort und können länger schlafen. Der Investor lacht und nickt. Und zückt seine Visitenkarte.

Edyou habe Potential, findet Meisberger. Der Gründer trete überzeugend auf, habe ein schlüssiges Finanzierungskonzept. "Er nimmt einen Euro pro Schüler. Das ist gut durchdacht. Das tut der Schule nicht weh und deckt die Fixkosten. Über Zusatzangebote, wie die Vermittlung von Nachhilfelehrern, kommt dann noch mehr rein." Auch das Branding überzeugt ihn: Edyou setzt sich aus Education und You zusammen. Dazu ein schickes Logo, eine ansprechende Webpräsenz.

Patrick Meisberger wirkt fast etwas enttäuscht, als er erfährt, dass das Unternehmen gar keinen Investor braucht. Sie haben ganz frisch einen Förderer gewinnen können. "Das ist gut für die und macht uns nichts", sagt er. "Wir sprechen uns in ein, zwei Jahren noch mal. Erfahrungsgemäß geht denen dann das Geld aus."

KarriereSPIEGEL-Autorin Sarah J. Tschernigow ist freie Journalistin in Berlin.