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Start-ups: Wie Gründer sich durchsetzen

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Start-ups Goldgräber im Gründerparadies

Daniel Eggert gab einen Job bei Apple auf - weil er die Gründerszene in Berlin spannender findet. Während der Staat seine Hilfen für Selbständige zusammenstreicht, balgen sich private Finanziers und Konzerne um die Start-ups mit den besten Ideen.

Fünf Jahre lang hatte Daniel Eggert das, was in der Generation Smartphone gemeinhin als Traumjob gilt: Im Silicon Valley tüftelte er bei Apple am iOS-Betriebssystem für die Produkte der Kultmarke. Doch seit März dieses Jahres schaut der Informatiker von seinem Schreibtisch nicht mehr auf die sterilen Büroblocks am Infinite Loop in Cupertino. Nun schweift sein Blick über die Promenade am Berliner Landwehrkanal, wo alte Männer Boule spielen, junge Frauen Kinderwagen schieben und T-Shirt-Träger mit Laptop in Liegestühlen chillen.

Statt beim Konzern in Kalifornien programmiert der Technikfan jetzt bei M Cube, einem Inkubator für Geschäftsideen, untergebracht in den renovierten Backsteinhallen des ehemaligen Kreuzberger Umspannwerks.

Gleich drei Start-ups dient der stille Däne als Cheftechnologe. "Hier bin ich nicht mehr einer von Hunderten Entwicklern, die an kleinen Verbesserungen von Modulen feilen, sondern kann etwas völlig Neues aufbauen", begründet er seinen Umzug nach Deutschland.

Aus der berühmten US-Brutstätte für Hightechfirmen ins Glasscherbenviertel der deutschen Hauptstadt - noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Wechsel wohl nur mit unsterblicher Liebe zu erklären gewesen. Heute aber zieht es exzellent ausgebildete Menschen aus aller Welt an die Spree, um Unternehmen zu gründen oder bei Start-ups anzuheuern.

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Zehn Erfolgsgeschichten: Gut gegründet

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Nicht nur Berlin lockt Gründer und Innovatoren. Auch in München, Dresden oder Regensburg entstehen reihenweise Unternehmen in Zukunftsfeldern wie Informationstechnik, Biotechnologie oder Cleantech. 879 Start-ups statteten deutsche Beteiligungsgesellschaften laut ihres Verbands BVK 2011 mit Venture Capital aus.

Damit erreichten die Zahlen zwar nicht das Niveau des Dotcom-Hype. Aber die Daten signalisieren ein erstaunliches Comeback, nachdem die Hightech-Gründungen 2001 in Deutschland quasi zum Erliegen gekommen waren.

Die neue Start-up-Welle ist nicht allein eine Folge des bisherigen deutschen Aufschwungs. Auch die Rahmenbedingungen für junge Hightech-Firmen haben sich in den vergangenen Jahren entscheidend verbessert: Wohl noch nie seit der Zeit des Wirtschaftswunders der fünfziger Jahre hatten es unternehmungslustige Erfinder hierzulande so leicht wie heute, ihre Visionen zu kommerzialisieren.

Konzerne, von denen man es gar nicht denkt, geben Risikokapital

Schließlich hat es sich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft spätestens angesichts der Finanzkrise herumgesprochen, dass der Erfolg der heimischen Industrie vor allem auf deren Innovationskraft beruht. Und da überraschende Ideen nur selten in straff organisierten Großunternehmen gedeihen - auch weil deren alternde Belegschaften gern das Erreichte bewahren -, haben die Entscheider den unschätzbaren Wert junger Firmen erkannt.

"Diese Innovatoren sind die eigentlichen Treiber der Gesellschaft", sagt Susanne Klatten, die den Inkubator UnternehmerTUM an der Technischen Universität München seit Jahren mit Millionen sponsert. Die Geschäftsfrau (BMW, Altana) findet immer mehr Nachahmer für ihr Engagement. Weil Tech-Start-ups wie ein Jungbrunnen für die etablierte Industrie wirken, werden sie inzwischen von Konzernherren, staatlichen Institutionen und erfolgreichen Unternehmern systematisch gefördert - immer in der Hoffnung, von deren Neuerungen selbst profitieren zu können.

Zum Beispiel Karl-Erivan W. Haub: Dessen Tengelmann-Gruppe hat sich bereits an rund 20 Online-Gründungen beteiligt. "Wir lernen völlig neue Geschäftsmodelle kennen und wollen möglichst breit an den Erfolgschancen im Web-Geschäft partizipieren", beschreibt der geschäftsführende Gesellschafter seine Motivation zur Schaffung einer Venture-Abteilung in der Handelsgruppe.

Ob BASF, Deutsche Telekom, Siemens, SAP oder RWE - quer durch die Branchen engagieren sich Konzerne mit Risikokapital. Hightech-Gründerfonds und spezielle öffentliche Geldgeber wie Go-Bio, Go-inno und die Fördergesellschaften der Bundesländer haben ihre Aktivitäten ausgebaut. Das deutsche Venture Capital Panel verzeichnete selbst im Euro-Krisenjahr 2011 einen Anstieg der heimischen Hightech-Finanzierungen um 3 Prozent.

Kapital ist reichlich vorhanden

Trotz Schuldenmalaise: Freie Mittel für Neues sind vorhanden, auch wenn die deutsche Gesetzgebung Risikokapital eher behindert denn fördert. Anders aber als in den hysterischen Dotcom-Jahren der Jahrtausendwende überschütten Investoren die frischen Ideen nicht mehr in blinder Euphorie mit Geld. Großzügig geben sie sich bei der Unterstützung mit Know-how, Kontakten und praktischen Hilfen. Von "Schicken Sie uns hier Ihren Businessplan"-Fenstern auf der Website über voll ausgestattete Büros bis zur Vermittlung von Führungskräften reichen die Offerten von Venture-Firmen und Förderinstituten.

Das Rundum-sorglos-Paket müssen sich Neu-Entrepreneure des Jahrgangs 2012 allerdings hart verdienen. Nie stellten die Aufbauhelfer so hohe Anforderungen an ihre Schützlinge wie heute. Mit diffusen Fantastereien, wie ein neues Angebot Umsätze und Gewinne erzielen soll, kommen die Gründer nicht mehr durch: Neben einer überzeugenden Geschäftsidee mit klarer Umsatz- und Gewinnperspektive müssen sie konkrete Prognosen vorlegen, ihre Fortschritte ständig an Meilensteinen nachweisen, ihre Konzepte permanent dem Markt anpassen und dabei äußerst sparsam haushalten.

"Stark professionalisierte Start-up-Szene"

"Die Start-up-Szene in Deutschland hat sich stark professionalisiert", sagt Christian Thaler-Wolski, Investmentmanager der Venture-Capital-Firma Wellington Partners. "Heute trifft ein funktionierendes Ökosystem aus öffentlich-rechtlichem Anschub und privaten Risikokapitalgebern, Business Angels und Inkubatoren auf realistische und hart arbeitende Jungunternehmer."

Eine Gründer-Infrastruktur ist entstanden, die viele Spieler anzieht. Gewiefte Unternehmer wie Henrich Blase etwa. "Gründerförderung ist sehr wichtig und macht viel Spaß", sagt CEO des Vergleichsportals Check24. "Wir Gründer von Check24 wollten unsere Erfahrung unbedingt an andere weitergeben." Im März eröffnete er mit seinem Vorstandskollegen Jan Dzulko den M Cube. Um Start-ups den Anfang zu erleichtern und die Gewinnchancen bei der Suche nach dem nächsten Facebook zu nutzen.

In dem Inkubator sollen aus Ideen Prototypen reifen - wie "im geschützten Uterus" (Dzulko). Ein Jahr Zeit, zwischen 50.000 und 250.000 Euro Startkapital, ein perfekt ausgestattetes Hightechbüro samt Putzservice, Kaffeeautomat und Zugang zu Buchhaltung, Fachjuristen, Personalern und Marketingexperten stehen den Gründern dort zur Verfügung - gegen eine Beteiligung in dieser "Seed" genannten Frühphase von 15 bis 50 Prozent an der neuen Firma. Vor allem das Wissen und das Netzwerk der Initiatoren soll den Jungunternehmern helfen, tödliche Anfängerfehler zu vermeiden und ihre Entwicklung zu beschleunigen.

Das All-inclusive-Modell - vorgelebt von den Samwer-Brüdern (Oliver, Marc, Alexander) mit dem Inkubator Rocket Internet - hat derzeit Hochkonjunktur. In den verschiedensten Abwandlungen offerieren Business Angels in Gruppen oder als Einzelpersonen umfassende Aufbaudienste für Hightech-Gründer.

Die neue Gründungs-Ära hat gerade erst begonnen

Derzeit drängt das Mentorennetzwerk Startupbootcamp, das bereits erfolgreich in Amsterdam, Dublin und Kopenhagen agiert, auf den deutschen Markt. Das Konzept: In zweitägigen Auswahlseminaren peitschen Experten, alle selbst Entrepreneure oder Topmanager, Bewerberteams durch inquisitorische Fragerunden. Diese Mentoren trainieren die Sieger drei Monate hart. Mit dem einen Ziel: aus vagen Vorstellungen marktgängige Geschäftsmodelle zu destillieren. Am Ende des Programms werden die Aspiranten einigen Hundert Investoren vorgestellt - in der Hoffnung, dass sie dann die hohen Anforderungen der Geldgeber erfüllen.

Ortstermin in Amsterdam, in der örtlichen Vodafone-Zentrale. Den sensationellen Ausblick aus dem achten Stock auf Hafen und Altstadt beachtet hier niemand. In den locker im Großraum verteilten Gesprächskuben herrschen schweißtreibende Temperaturen. Matthijs Rosman, Investor und Berater der lokalen Consultingfirma Boer@Croon, grillt gerade zwei Studenten: "Habt ihr schon Pilotkunden? Wem gehören die Urheberrechte? Woher kommt die Technologie? Was ist daran neu?" Schnell geraten die beiden, die ihre Geschäftsidee einer Video-Bewerbungs-App verteidigen sollen, in Bedrängnis.

Die Quälerei lohnt sich. Als die beiden nach gefühlt tausend Experten-Sessions am Nachmittag ihr Projekt in der Auswahlrunde vorstellen, wirkt ihre Präsentation deutlich ausgereifter und überzeugender als am Morgen. Dennoch zählen sie nicht zu den zehn Gewinnerteams, die zwölf Wochen bei Vodafone residieren und - ausgestattet mit 17.000 Euro Pizzageld - von den Bootcamp-Ausbildern geschliffen werden. Aber egal: Irgendwo findet bald das nächste Jahrhundert-Event statt.

Eine neue Blase, aufgebläht von übermäßigen Erwartungen?

Drei Tage später wieder in Berlin etwa. In der Mediadesign Hochschule an der Lindenstraße läuft das Start-up-Camp, veranstaltet vom Entrepreneurs Club Berlin. Der große Vortragssaal, genannt Shark Tank (Haifischbecken), quillt über, als Christian Weiß von Project A Ventures - finanziert von der Otto Group - die Leistungen seiner 60 Mitarbeiter anpreist. Da geht es im geschliffenen Managementenglisch um "focused execution" und den "complimentary fit" zwischen brillanter Idee und systematischer Umsetzung. Draußen um die Stehtische netzwerken nicht nur Berliner, sondern auch junge Menschen aus Russland, Litauen, Spanien oder der Türkei.

Alex Napetschnig etwa preist mit unverkennbarem Schmäh sein Start-up Klash an, das persönliche Herausforderungen wie die Teilnahme am Marathon oder fünf Kilo Gewichtsverlust unter Freunden via Facebook offerieren will: "Lifestyle-Firmen können als Werbung auf die Challenges Preise aussetzen. " Der Österreicher hat in Barcelona studiert und sich dort mit einem Italiener und einem Türken zum Jungunternehmertrio vereint, das nun in Berlin residiert. Von den Angeboten für Start-ups in Deutschland ist er hemmungslos begeistert: "Ich könnte jeden Tag zu einer anderen Gründerveranstaltung gehen." Schon gibt es Befürchtungen, des Guten werde zu viel getan.

Gibt es womöglich bald mehr Geburtshelfer als Innovatoren, die mit einer Geschäftsidee schwanger gehen? Entsteht gar eine neue Blase, aufgebläht von übermäßigen Erwartungen? Alex Farcet, der die Berliner Dependance von Startupbootcamp aufbaut, reagiert auf solche Fragen verärgert: "Hier haben so viele tolle Leute super Ideen. Die Gründerzeit in Deutschland hat doch gerade erst begonnen." Deshalb sieht er einen riesigen Bedarf an Inkubatoren und Acceleratoren - Spezialisten für einzelne Branchen etwa oder lokale Zweigstellen in anderen Städten.

In München zum Beispiel. Auf dem ehemaligen Siemens-Gelände in Obersendling geht es zwar bedeutend betulicher zu als in den lässigen Berliner Hinterhöfen. Einlass erhält nur, wer den Code für das Drehkreuz kennt. Ein Hausmeister im graublauen Arbeitsmantel weist den Weg.

Nur marktnahe Unternehmen kommen durch

Doch im vierten Stock, hinter einer schweren Metalltür, vibriert der Gründergeist. Orcan Energy heißt die dort residierende Firma, die neuartige Minidampfkraftwerke für die Stromerzeugung aus Abwärme, etwa von Biogasanlagen, konstruiert. Die Seed-Phase hat das Unternehmen mit heute 15 Ingenieuren längst hinter sich gelassen. Statt um ein paar Zehntausend Euro für die Entwicklung einer neuen App ging es bei dem Greentech-Start-up im vergangenen Jahr um die ersten Millionen für die Entwicklung und den Bau von Pilotprodukten.

"Da hilft nur eines: hartnäckig dranbleiben", berichtet Geschäftsführer Andreas Sichert von seiner Erfahrung. Drei Jahre dauerte es, bis der Doktor der Physik sein Start-up "finanzierungsfähig" hatte. Dabei hätten er und seine Mitgründer sehr viel Unterstützung erfahren - vom Exist-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums, der Wissensfabrik, von der Bayerischen Patentallianz, dem Inkubator UnternehmerTUM und den Gründerberatern anderer Universitäten: "Viele haben uns sehr pragmatisch und engagiert zur Seite gestanden."

Selbst Topmanager großer Konzerne und erfolgreiche Gründer hätten ihn bei der Suche nach dem richtigen Weg und einem Investor unterstützt. Bei den Führungskräften gebe es großes Interesse am Unternehmernachwuchs. Seine Erfahrung: "Mit der Bitte 'Können Sie mir helfen?' kommt man erstaunlich weit."

Im Mai 2011 gelang es Sichert mit Wellington Partners und der bekannten US-Venture-Firma Kleiner Perkins, die erste Finanzierungsrunde abzuschließen. Mittlerweile produzieren Pilotanlagen auf bayerischen Bauernhöfen Strom.

Damit hat Orcan Energy die größte Hürde beim Aufbau eines neuen Unternehmens überwunden. Denn während im Seed-Bereich mittlerweile ein großes Spektrum an Fördermöglichkeiten und Geldquellen existiert, tun sich Gründer beim Einwerben der ersten Million weiterhin schwer - besonders in kapitalintensiveren Bereichen wie Biotechnologie oder Cleantech.

Die erste Million ist die schwerste

"In dieser echten Start-up-Phase ist der Markt stark unterfinanziert. Deshalb engagieren sich die Finanziers sehr selektiv", sagt Bernhard Schirmers. Seit 20 Jahren baut er mit seiner SHS Gesellschaft für Beteiligungsmanagement junge Forschungsfirmen im Gesundheitsbereich auf und weiß: "Nur wirklich marktnahe Unternehmen kommen durch."

Solche wie die Regensburger Lipofit Analytic, in die SHS mit Partnern im vergangenen Jahr sieben Millionen Euro investierte. Die Diagnostikfirma kann anhand von Bluttests feststellen, ob ein Patient eine Spenderniere verträgt oder abstößt. Eine Methode, die den Betroffenen die bisher notwendige schmerzhafte Biopsie erspart, schnellere Therapien ermöglicht und zugleich viel Geld spart.

Sind die ersten Hürden genommen, dann geht es um echtes Wachstum - damit ein stattliches Unternehmen heranwachsen kann. Auch das funktioniert in Deutschland. Etwa bei Heliatek. Mitte März hat der Dresdner Hersteller von organischen Solarzellen seine Produktion eingeweiht. Stolz stehen Mitbegründer Martin Pfeiffer und der neue Geschäftsführer Thibaud Le Séguillon vor der grauen, 200 Tonnen schweren Vakuumanlage, Herzstück der Fertigung.

Weltweit einmalige Fabrik

Le Séguillon klopft gegen die grauen Container und sagt: "Da drin steckt eine völlig neue Technologie, die wir jetzt im industriellen Maßstab zum Laufen bringen müssen." Den französischen Manager haben die Heliatek-Gründer in China aufgespürt und für den Pionierjob ins Sächsische gelockt. Der Fertigungsexperte Le Séguillon hält den reibungslosen Betrieb der weltweit einmaligen Fabrik für seine größte Herausforderung.

Nun soll der CEO weitere 60 Millionen Euro an Risikokapital für den Ausbau der Fertigung auf 75 Megawatt Fotovoltaikkapazität pro Jahr beschaffen. Eine Menge Geld, doch der erfahrene Manager sieht ihr gelassen entgegen. Schließlich hätten die bisherigen Investoren, darunter Bosch und die Venture-Abteilungen von BASF und RWE, ihre Absicht erklärt, sich an der Expansion nach Kräften zu beteiligen: "Ich bin optimistisch, dass wir die Runde in diesem Jahr abschließen können."

Eva Müller ist Redakteurin beim manager magazin. Dort erschien dieser Artikel zuerst.