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10. Januar 2014, 08:43 Uhr

Start-ups in Berlin

Zwischen Hype und Realität

Magnet Berlin: Mehr als 100.000 neue Jobs werden Start-ups in den kommenden Jahren in der Hauptstadt schaffen, orakelt McKinsey. Für billige und hochqualifizierte Arbeitskräfte ziehen Firmen sogar aus Singapur her. Restlos begeistert sind nicht alle.

Döner oder Fischkopfcurry, Gänseblümchen oder Orchideen? Berlin hat's nicht leicht im Wettkampf mit Singapur. Wer will schon im Nieselregen angeschnauzt werden, wenn es auch höflich mit Verbeugung im Sonnenschein geht? Das Start-up Foodpanda ist trotzdem von der asiatischen Metropole in die deutsche Hauptstadt gezogen - obwohl Deutschland gar nicht zu den 28 Ländern gehört, in denen der Online-Lieferservice seine Dienste anbietet.

Berlin ist zu einem der Lieblingsstandorte junger Online-Unternehmen in Europa avanciert. Viele Firmen, die mit E-Commerce, Browserspielen oder sozialen Netzwerken durchstarten wollen, zieht es hierher. Allein im Jahr 2012 zählten die Berliner Statistiker 1063 Gewerbeanmeldungen von Unternehmen, die "Dienstleistungen der Informationstechnologie" anbieten wollen. McKinsey geht davon aus, dass Start-ups bis zum Jahr 2020 mehr als 100.000 neue Jobs in Berlin schaffen werden. Davon sollen 40.000 bei den Internet-Unternehmen selbst entstehen, der Rest durch "Multiplikatoreneffekte" in anderen Firmen, heißt es in einer Langzeitprognose der Unternehmensberatung.

"In Singapur gibt es nicht diese Vielfalt", erklärt Ralf Wenzel, Geschäftsführer und Mitgründer von Foodpanda, den Umzug seines Unternehmens, das weltweit schon mehr als 800 Menschen beschäftigt. Programmierer, Designer, Produktentwickler oder Marketing-Experten - in Berlin gebe es einen riesigen Pool an jungen Talenten aus aller Welt. "Hochqualifizierte, mehr oder weniger ungebundene Leute, die sich auf ein vielleicht kurzlebiges Projekt mit unterdurchschnittlicher Bezahlung einlassen", so formuliert es Jochen Steinbicker, Soziologe der Berliner Humboldt-Universität Berlin: "Start-ups brauchen, vereinfacht gesagt, Ideen und Personal."

289 Jobangebote von Berliner Start-ups fand die Online-Jobsuchmaschine Adzuna im November. 162 Stellen boten allein die vier Start-ups Zalando, Glossybox, ad2games und Home24 an. Was die Suchmaschine nicht offenbarte: Beim Kosmetikhersteller Glossybox ist die Zahl der Mitarbeiter insgesamt geschrumpft, rund 150 Stellen wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren gestrichen.

Besonders gefragt sind weiterhin Software-Entwickler und Marketingexperten. "Es versteht sich von selbst, dass Start-ups in der Regel nicht die gleichen Gehälter wie große Unternehmen zahlen können", sagt Adzuna-Manager Matthias Lissner. Dafür böten sie aber ein dynamisches Arbeitsumfeld, Jobs mit viel Verantwortung und häufig auch Aktien-Optionen.

Berliner Start-ups wie Soundcloud, Wooga oder 6Wunderkinder haben sich mittlerweile auch international einen Namen gemacht. Für Ausländer ist es deutlich einfacher, hier anzuheuern als im Silicon Valley, wo die Visums-Kontingente chronisch ausgeschöpft sind. Doch spektakuläre Verkäufe oder Börsengänge in Millionenhöhe konnte die Hauptstadt erst wenige vermelden. Facebook oder Twitter spielen in einer anderen Liga.

In Berlin fehlten größere Büroflächen, die sich zu flexiblen Konditionen mieten lassen, bemängeln die Unternehmensberater von McKinsey. Auch die vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen könnten aktiver sein.

Konstantin Guericke, Gründer von LinkedIn, hat die Geduld mit der Hauptstadt schon verloren. Sein Fazit im "Handelsblatt": "Alle sollten im Silicon Valley launchen." Man brauche sich nur zwei gleich gute Teams vorzustellen mit einem gleich guten Produkt, eins in Berlin, eins im Silicon Valley. "Nach einem Jahr hat das deutsche Start-up vielleicht 100.000 Kunden. Das amerikanische hat eine Million."

vet/dpa

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