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Innere Kündigung, geringe Mitarbeiterbindung Stresslevel weltweit auf Rekordhoch

Bei Unternehmen sollten die Alarmglocken schrillen: Viele Mitarbeitende sind gedanklich schon halb auf dem Sprung. Deutschland steht aber noch relativ gut da – dank einer Besonderheit des Arbeitsrechts.
Arbeitswelt (Symbolbild): Die Hälfte auf dem Sprung, die Hälfte gestresst

Arbeitswelt (Symbolbild): Die Hälfte auf dem Sprung, die Hälfte gestresst

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Richard Baker / In Pictures / Getty Images

Fragt man Menschen, ob sie am vorherigen Tag Stress bei der Arbeit empfunden haben, sagen vier von zehn in Deutschland »Ja«.

Das wirkt viel, aber damit rangiert die Bundesrepublik noch deutlich hinter anderen Ländern, wie das US-amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup in einer groß angelegten Umfrage herausfand: Weltweit liegt das Stresslevel auf einem Rekordstand von 44 Prozent, in den USA sogar bei 52 Prozent. Für den Bericht »State of the Global Workplace 2022« wurden mehr als 105.000 Arbeitnehmende in 146 Ländern befragt, wie es ihnen im Arbeitsleben geht.

In Europa zeigen sich dabei zwei Trends: Die Leute hier zählen zu den glücklichsten Menschen der Welt, sind aber mit ihren Führungskräften am unzufriedensten.

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Der viele Stress sei vor allem eine Folge der globalen Pandemie, meint Marco Nink, Director of Research & Analytics EMEA bei Gallup. In Deutschland seien die Werte deshalb niedriger als anderswo, weil das Land »von einer Kombination aus weitgehender Arbeitsplatzsicherheit durch das Instrument der Kurzarbeit und einem stabilen Sozial- und Gesundheitssystem« profitiere, sagt er. Und: »Deutsche Beschäftigte brauchen sich um ihre Existenz weniger Sorgen zu machen als die Arbeitnehmenden vieler anderer Länder. Die Homeoffice-Pflicht hat darüber hinaus, zum Beispiel durch Wegfall des täglichen Pendelns, bei vielen den täglichen Stresspegel gesenkt.«

Fast die Hälfte auf dem Sprung

Die Bindung an den Arbeitgeber lässt allerdings trotzdem immer weiter nach. Dieses Phänomen hat sich weltweit unter dem Stichwort »Great Resignation« oder, wenn es nach notorisch gut gelaunten Karriereportalen wie LinkedIn geht, »Great Reshuffle« einen Namen gemacht. In Amerika waren es zunächst Scharen von schlecht bezahlten Dienstleisterinnen und Dienstleistern, die sich ihre Arbeit nicht mehr antun mochten und an anderer Stelle ihr Arbeitsglück suchten. Aber die Aufbruchsstimmung hat längst weite Teile des Arbeitsmarkts erfasst.

In Europa ist die Bindung an den Arbeitgeber besonders schwach geworden; fast die Hälfte der hiesigen Beschäftigten sind latent auf der Suche nach einem neuen Job und glauben, die Zeit sei günstig für einen Wechsel. Von den befragten europäischen Arbeitnehmenden sagen im Schnitt 44 Prozent, das sind 16 Prozent mehr als im Vorjahr, dass es eine gute Zeit sei, einen neuen Job zu suchen. In Deutschland bestätigen dies sogar 53 Prozent.

Methodik

Für den Gallup State of the Global Workplace 2022-Bericht wurden in 146 Ländern insgesamt 105.080 Beschäftigte befragt, wovon 17.679 Interviews in Europa geführt wurden (38 Länder). Die Interviews wurden telefonisch oder persönlich (mündlich) durchgeführt. Die Auswahl der Befragten erfolgte nach einem Zufallsprinzip. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Arbeitnehmerschaft im jeweiligen Land.

Für einen neuen Job umziehen wollen allerdings die wenigsten – dazu ist nur jeder Zehnte bereit. »Hier zeigen sich die Folgen des durch die Coronapandemie veränderten Arbeitslebens besonders stark«, so Marco Nink. »Beschäftigte haben in den vergangenen zwei Jahren gelernt, dass Arbeit nicht notwendigerweise Anwesenheit an einem bestimmten Ort voraussetzt. Sie sind darum weniger denn je bereit, für einen neuen Job persönliche Einbußen in Kauf zu nehmen – und der dynamische Arbeitsmarkt, in dem Fachkräftemangel herrscht und der viele neue Chancen bietet, bestätigt ihre Auffassung. Die Coronapandemie hat die Situation nachhaltig zugunsten der Beschäftigten verändert. Das Homeoffice wird bleiben und ein wichtiger Bestandteil für die Arbeitgeberattraktivität sein.«

Nur 16 Prozent der Mitarbeitenden in Deutschland haben aufgrund der Führung, die sie in der Firma erleben, eine starke emotionale Bindung an ihr Unternehmen. Europa insgesamt hat mit 14 Prozent den weltweit niedrigsten Wert von insgesamt zehn Regionen. Am anhänglichsten sind die Mitarbeitenden in den USA und Kanada, wo ein Drittel sich der Firma verbunden fühlt.

Die Lebenszufriedenheit ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken. In Europa sind mit 47 Prozent nur knapp die Hälfte (minus fünf Prozent) mit ihrer Situation zufrieden (Deutschland: 56 Prozent); weltweit allerdings liegt der Wert nur bei einem Drittel. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass nur ein gutes Fünftel der Befragten weltweit angaben, vom eigenen Einkommen gut leben zu können. In Europa sind es immerhin 42 Prozent.

Die zufriedensten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wohnen in Skandinavien. In Finnland, Dänemark, Island, Schweden und Norwegen liegt die Quote der Zufriedenen bei zwei Dritteln oder mehr. In den Niederlanden sind es sogar drei Viertel. »Zusammenfassend kann man sagen, dass Europa großartig zum Leben ist – aber nicht zum Arbeiten. Während die europäischen Arbeitnehmenden mit ihrem Leben überdurchschnittlich zufrieden sind, sind sie gleichzeitig frustrierter mit der am Arbeitsplatz erlebten Führung und ihrem Arbeitsumfeld als der gesamte Rest der Welt«, so Marco Nink.