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Luxus-Fahrräder: Der richtige Dreh

Foto: David Krenz

Profi-Laufradbauer Er dreht am Rad

Edle Fahrräder sind ein Statussymbol. Wenn Felix Wolf zu Felge, Speiche und Nippel greift, wird es teuer: 1000 oder auch 3500 Euro, nur für zwei Luxus-Laufräder. Mit seinen Kunden teilt der Dresdner Spezialist die Liebe zur Qualität - und einen gewissen Hang zur Selbstinszenierung.
Von David Krenz

Felix Wolf drückt ab. Mit rotem Kopf über die glänzende Felge gebückt, walkt er mit beiden Händen die frisch gespannten Speichen in die Felge. Abdrücken, so heißt dieser letzte Arbeitsschritt. Das Rad ist jetzt "zusammengefädelt", wie Wolf sagt. Ab ins Lager damit, bis der Paketbote kommt.

Wolf, 28 Jahre alt, baut Laufräder fürs Fahrrad. Bis vor ein paar Jahren in seinem WG-Zimmer zwischen Sofa und Schreibtisch, für die Freunde von Freunden. Weil das "Finanzamt auf der Matte stand", zog er mit seinen Werkzeugen in ein Bürogebäude nahe des Dresdner Hauptbahnhofs und meldete sein Geschäft an: "Light-Wolf". Das Maschinenbaustudium schmiss er, "ich wollte einfach nur Laufräder bauen". Marktkenntnis, Startkapital? Hatte er nicht.

Es gab kein Konzept, aber das ging auf. Wolf ist Profiteur einer Bewegung, losgetreten vornehmlich von Großstädtern, die das Zweirad zum Statussymbol erkoren haben. Die Urban Biker kaufen nicht von der Stange, sondern in Geschäften, die wie Galerien aussehen. Sie heißen "Stilrad" oder "Finest Bikes", werben mit Slogans wie "Du bist dein Fahrrad".

Kunde Nummer 60 muss sechs Wochen warten

Natürlich fahren die Salon-Radler auf handgespeichte Edelreifen ab, wie Wolf und eine Handvoll weiterer Laufradbauer sie bieten; ultraleicht, trotzdem robust. Qualität, mit der längst nicht jeder Kunde viel anfangen könne, sagt Wolf: "Zu mir kommen der Arzt oder der Anwalt, die stellen sich zu ihrem Porsche ein achttausend Euro teures Titanrad in die Garage - und bewegen es im Jahr dreimal."

Im Schnitt 1000 Euro kostet ein Laufradsatz bei ihm, manchmal auch über 3000 Euro, wenn mal wieder einer anruft und sagt: "Einmal das Beste, bitte!" Das Telefon steht selten still. Aktuell sind 60 Leute auf der Warteliste, Nummer 60 wird sich sechs Wochen gedulden müssen.

Zwei bis drei Sätze schafft Light-Wolf am Tag. Laufräder bestehen aus einer Felge, einer Nabe, 24 oder 32 Speichen, die mit Nippeln an der Felge verschraubt werden. Dazu steht Wolf am Zentrierständer, einem Arbeitsgerät, das an Marcel Duchamps Bicycle Wheel  erinnert, Fahrradfelge auf Barhocker montiert, echt Dada.

Wolf macht keine Kunst. Er dreht am Rad, bis die Nabe schnurrt, kneift die Augen zusammen, setzt den Nippeldreher an. Alle Speichen müssen die gleiche hohe Spannung aufweisen, damit das Rad rund läuft, sich später beim Fahren kein Nippel lockert. Sonst droht Speichenbruch, mindestens eine fette Acht. Mit dem Tensiometer misst er, wie stark sich jede Speiche biegen lässt. Maximal 0,1 Millimeter, die Strichstärke eines scharf angespitzten Bleistifts, lässt er zu.

Karl Lagerfeld des Laufradbaus

Nicht nur in puncto Präzision liegt die manuelle Fertigung vor der maschinellen. Per Hand lassen sich individuelle Wünsche in die Felge flechten. Der eine will die Keramik-Nabe, der andere Nippel in Orange. Die Kunden zahlen Vorkasse, erst dann bestellt er bei den Herstellern die Teile. Mit der Marge aus Einkaufspreis und Verkaufspreis deckt Wolf die Aufbaukosten. "Klar, es gibt Kunden, die suchen im Internet die einzelnen Materialpreise zusammen, fragen mich dann: 'Warum willst du 200 Euro für den Aufbau? Mein Kumpel im Radladen macht das fünfmal billiger.' Dann sag ich: 'Aber ich bin fünfmal besser'."

Allein die Qualität sprechen zu lassen, wäre nicht Wolfs Ding. In den einschlägigen Bikertreffs im Internet meldet er sich notorisch mit Kommentaren zu Wort, die nicht wenige für besserwisserisch halten. "Ich finde es schade, dass durch seine ständige und meist krawallige Präsenz im Forum die anderen, ebenfalls sehr guten Laufradbauer untergehen", meint einer. Andere nennen ihn ironisch "Karl Lagerfeld des Laufradbaus" oder den GröLaZ ("Größter Laufradbauer aller Zeiten").

"Ich provoziere bewusst, damit ich im Gespräch bleibe", sagt Wolf dazu. "Oft reicht es, dass ich inmitten einer Materialdebatte einwerfe: 'Damit fährst du? Das geht doch besser!'" Darauf folge meist ein Rattenschwanz an Reaktionen, "und ich reibe mir die Hände".

"Die Teile kannst du deinen Enkeln vererben"

Die Masche scheint aufzugehen. "Ich wollte den Felix mal kennenlernen", sagt der Kunde, der gegen Mittag plötzlich in der Werkstatt auftaucht - Anfang 30, rasierte Beine, eigens aus Leipzig angereist. Er hat sich ein Hinterrad mit einer Leistungsmessnabe zusammenbauen lassen, die die Wattleistung auswertet. Wozu das gut ist? Der Kunde grinst: "Wir Männer sind halt so."

"Letztlich ist das Spielzeug", sagt Wolf. "Teures Spielzeug", sagt der Kunde. Allein die Nabe kostet 1200 Euro. "Geschockt war ich nicht über den Preis", sagt er. "Geschockt war ich, als Felix mir schrieb, dass ich vier Wochen warten müsste. Da war ich traurig!" Aller Kummer scheint verflogen, als er sein Rad besieht, die Finger an der Felge entlanggleiten lässt. "Stark!", sagt er. Darauf Wolf: "Die Teile kannst du deinen Enkeln vererben."

Ihm selbst scheint die grenzenlose Begeisterung ein wenig abhanden gekommen. Die viele Arbeit in den ersten Jahren, 70, 80 Stunden pro Woche, hat Kraft gekostet. Darum stellte er dieses Jahr einen Mitarbeiter ein, "der Ronny" nimmt ihm Arbeit ab. "Mein Plan ist jetzt, aus einem Hobby, das zum Beruf geworden ist, wieder mehr ein Hobby zu machen", sagt Wolf.

Angst, dass ihm das aufziehende Krisenklima sein Geschäft verhageln könnte, spüre er nicht: "Der Mensch spart lieber an Lebensnotwendigem als an Statussymbolen." Laut Fahrrad-Branchenverband VSF erzielte der Premium-Fachhandel 2011 ein Plus von knapp zehn Prozent, mit der Aussicht auf mehr im laufenden Jahr. Das liege zwar zum Teil am Erfolg der E-Bikes. Aber auch die kommen ja nicht ohne Räder aus.

KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.

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