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Jobmesse für Homosexuelle: Kannst ruhig fragen, ob ich schwul bin

Foto: Daniel Kastner

Jobmesse für Homosexuelle Suche Arbeitgeber, die offen sind für alle

Beruf und Schwulsein - das hat nichts miteinander zu tun, eigentlich. Warum gibt es dann die "Sticks and Stones", eine eigene Karrieremesse für Homosexuelle? Wen trifft man da? Große Konzerne. Und überraschend viele Heteros.
Von Daniel Kastner

Marisa Czempiel, 31, ist heterosexuell, also in der Minderheit. Zumindest heute, an diesem Samstagvormittag im Oktober. In einer Menschentraube schiebt sie sich in die lila-weiße Lobby eines Designerhotels in Berlin-Friedrichshain, gleich am Spreeufer, zur Karrieremesse "Sticks and Stones". Die richtet sich an Lesben und Schwule, an Bi- und Transsexuelle, kurz und englisch: an LGBT.

Die Messe richtet sich ausdrücklich auch an Heteros. Deshalb ist Marisa Czempiel hier: Sie sucht nach toleranten Unternehmen, "open minded", wie sie es ausdrückt. Das sind für sie Firmen, die sich für LGBT engagieren "und kein Problem damit haben, das auch zu sagen". Und die nicht nur auf den Lebenslauf eines Bewerbers schauen, sondern auch auf die Persönlichkeit.

Sie selbst wäre gern in den Journalismus oder in die Werbung gegangen, sie hat Literaturwissenschaften und Nordamerikanistik studiert, heute arbeitet sie im Jobcenter Berlin-Mitte. "Die sichere Schiene", sagt sie. "Aber auch eher unkreativ." Deshalb ist sie zwar auch beruflich hier, "aber vielleicht kann ich ja irgendwo quer einsteigen."

"Ich möchte lieber durch meine Arbeit überzeugen"

62 Aussteller sind gekommen, sie bieten Speed-Networking, kostenlose Bewerbungsberatung und kostspielige Bewerbungsfotos an. Auf der Dachterrasse steht eine Hüpfburg, die aussieht wie ein Kassettenrecorder. Leute an Seilwinden rennen die Hotelfassade runter, ein DJ legt Azealia Banks und Clouseau-Remixe auf. Die Allianz ist da, Ikea und BMW, die Werbeagentur Scholz & Friends, die Musikplattform Soundcloud, die deutschen Ableger von Facebook und Groupon, Coca Cola, IBM, Hugo Boss, Anwaltskanzleien, Reiseveranstalter und Pharmaunternehmen. 3000 Besucher haben sich angemeldet, doppelt so viele wie 2012.

Im großen Ausstellungssaal, am Stand von Adidas, wedelt Lars, 38, sich zwischen Spind, Basketball und Stollenschuhen Luft zu. "Die Halle war ab der ersten Minute brechend voll", ruft er über das Stimmengewirr hinweg. Als die Human-Resources-Abteilung Anfang des Jahres fragte, wer das Unternehmen auf der "Sticks and Stones" vertreten möchte, sagte er sofort zu. Nach Schneiderlehre und Bekleidungstechnik-Studium leitet Lars heute bei Adidas die Abteilung "Football Apparel Operations". Die übersetzt die Entwürfe der Designer in technische Schnittmuster, die die Fabrikarbeiter in Asien dann zusammennähen.

In den elf Jahren im Betrieb hat Lars noch nie negative Erfahrungen gemacht. "Ich würde mich und meinen Freund zwar nie verleugnen, aber ich stelle mich auch nicht vor und sage ,Hallo, ich bin Lars, und ich bin schwul.' Ich möchte durch meine Arbeit überzeugen." Deshalb will er hier auch nicht seinen vollen Namen lesen und auf ewig mit der Auto-Ergänzung "schwul" googeln können.

Die Frau sagte: "Bei uns arbeiten leider keine Schwuchteln"

Das Unternehmen plant ein internes LGBT-Netzwerk - ein Grund, warum Adidas hier auftreten darf. "Ich will das Gefühl haben: Die meinen's ernst", sagt Stuart Cameron, 34, halb Bayer, halb Schotte, Diplom-Betriebswirt und Gründer der "Sticks and Stones". Er will überzeugt werden, er hat auch Aussteller abgelehnt, darunter eine Versicherung, eine Bank und ein Werbeunternehmen. Bei einer Firma unterbrach ihn eine Frau am Telefon mit den Worten: "Bei uns arbeiten leider keine Schwuchteln."

Auch deshalb heißt die Messe "Sticks and Stones", nach einem trotzigen Kinderreim, den Cameron von seiner schottischen Oma kennt: "Sticks and stones may break my bones, but names will never hurt me", Schimpfwörter tun mir nicht weh.

Marisa Czempiel fällt auf, dass nicht nur Anzüge zum Dresscode bei den Ausstellern gehören, sondern auch Kapuzenpullis. Das gefällt ihr: "Für mich wäre es ein Alptraum, wenn ich jeden Tag im Kostüm zur Arbeit kommen müsste", sagt sie. Sie war schon auf vielen Jobmessen - die "Sticks and Stones" findet sie "lockerer, entspannter, weniger zugeknöpft".

Nach ihrer sexuellen Orientierung fragt sie übrigens keiner. Nirgends.

Vielleicht ist das der Kern dieser Messe. Zwar fragt niemand seinen Gesprächspartner: Bist du schwul oder hetero? Oder: Stehen Sie zufällig auf Frauen? Aber hier wäre es okay, danach zu fragen. Es ist ein großer Unterschied, ob man die sexuelle Identität totschweigt oder ob man darüber reden kann, aber nicht muss.

Zehn Prozent Arbeitsleistung fürs Versteckspiel

Fünf bis zehn Prozent der Arbeitsleistung gehen fürs Lügen drauf, wenn LGBT-Angestellte ein heterosexuelles Privatleben erfinden, aus Angst vor Mobbing oder beruflichen Nachteilen. Das schätzt der "Völklinger Kreis" (VK), der Bundesverband schwuler Führungskräfte. "Sie sind ständig auf der Hut, überlegen sich genau: Wem habe ich was erzählt? Habe ich beim letzten Mal von einer Freundin oder einer Ehefrau gesprochen?", erzählt VK-Vize René Behr. "Das ist Stress."

Ein Gegenmittel heißt Diversity Management. Das ist keine schwullesbische Extrawurst, sondern ein Konzept, das jeden Mitarbeiter ausdrücklich willkommen heißt. "Diversity Management ist heutzutage ein Überlebensfaktor", sagt ein Aussteller. Geschlecht, Alter, Herkunft, sexuelle Orientierung oder Behinderungen sind dabei nicht egal - sie werden sogar begrüßt, geschätzt und gefördert.

Von den 40 Interessenten, mit denen Lars bis zum Nachmittag gesprochen hat, wollten nur zwei wissen, was Adidas für seine LGBT-Angestellten tut. "Die meisten fragen eher, wo wir Standorte haben oder ob sich eine Blindbewerbung lohnt. Es kommen Studenten, die ein Praktikum suchen, Absolventen, die gerade fertig sind, aber auch Leute Anfang bis Mitte 40, die sich nochmal verändern wollen, Juristen, Kaufleute, Techniker und Sportwissenschaftler." Ein Drittel, schätzt er, ist heterosexuell.

Nachmittags sichtet Marisa Czempiel ihre Ausbeute: drei Taschen, einen Gutschein, eine Finanzberatung, diverse Kugelschreiber, eine Apfelsine und sechs Visitenkarten. Sie hat in der Hüpfburg in Ikea-Bällen gebadet. Und sie wird einen Eignungstest bei einer Werbeagentur machen, hetero hin oder her.

Foto: Sascha Polzin

KarriereSPIEGEL-Autor Daniel Kastner (Jahrgang 1979) ist freier Journalist in Berlin. Er hat in Düsseldorf und Wroclaw/Breslau Geschichte studiert und in Hamburg die Henri-Nannen-Journalistenschule besucht.

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