Streit im Büro Wie man Kollegen und Bomben entschärft

In jedem Unternehmen gibt es Mitarbeiter, die Kollegen piesacken, Intrigen spinnen, Feindschaften pflegen. So machen sie anderen den Job zur Hölle - aber sich selbst ebenso. Martin Wehrle warnt: Auch wer sein Magengeschwür auf den Namen des Büronachbarn tauft, hat den Ärger trotzdem ganz allein.

Gute Laune, schlechte Laune im Büro: Jeder beeinflusst das Klima selbst
Corbis

Gute Laune, schlechte Laune im Büro: Jeder beeinflusst das Klima selbst


"Erkennen Sie die Fehler" - dieses Spiel bieten einige Zeitschriften ihren Lesern an. Zwei Gemälde, ein Original und eine Fälschung, werden zusammen abgedruckt. Die Herausforderung besteht darin, in der Fälschung alle Abweichungen zu erkennen. Zum Beispiel einen winzigen Pickel auf der Stirn der Mona Lisa.

Probieren Sie es aus, auf den ersten Blick werden Ihnen Fälschung und Original identisch erscheinen. Nur wenn Sie die Fälschung Zentimeter für Zentimeter durchgehen, erspähen Sie die winzigen Abweichungen. Doch sobald Sie einen Fehler gefunden haben, scheint die ganze Mona Lisa nur noch aus ihrem Pickel zu bestehen.

Dieses Phänomen nennt man selektive Wahrnehmung. Wir registrieren das, worauf wir achten. Sobald ein Fehler gesichtet ist, bläst ihn die Wahrnehmung auf. Dasselbe geschieht im Umgang mit den Kollegen. Denken Sie an Ihren Lieblingsfeind und an die Zeit, als Ihr Verhältnis noch besser war. Schien er Ihnen damals schon so unausstehlich wie heute? Seien Sie ehrlich: Die "Fehler im Gemälde" sind Ihnen früher kaum aufgefallen. Aber was geschah, als Sie sich mit ihm überwarfen? Da haben Sie zur Lupe gegriffen - und der ganze Kollege war ein einziger Pickel.

Oft erfüllen Prophezeiungen sich selbst

Dass Ihnen ein anderer Mensch nicht behagt, liegt immer auch an Ihrer Sichtweise. Die menschliche Wahrnehmung ist kein Spiegel, der die Welt eins zu eins abbildet, sie ist eine Lupe, die sich bestimmte Details herauspickt. Und unser Gehirn, eine Etikettiermaschine, drückt diesen Beobachtungen eine Deutung auf.

Stellen Sie sich vor, Ihre Lieblingskollegin schneit um 15 Uhr in Ihr Büro und sagt: "Du, ich muss ganz dringend nach Hause - kannst du für mich diesen Vorgang bis heute Abend noch abschließen?" Wollen wir wetten, dass Sie ihr glauben und ohne Zögern mit "Ja" antworten? Diesmal haben Sie sich für einen Blick auf die schönen Pinselstriche entschieden.

Aber nun malen Sie sich dieselbe Situation aus, nur mit einem winzigen Unterschied: Es ist Ihr Lieblingsfeind, der Sie um den Gefallen bittet. Sagen Sie immer noch ja? Gehen Sie immer noch davon aus, dass die "dringenden Gründe" gegeben sind? Oder werten Sie sein Verhalten als Unverschämtheit, als Abwälzen von Arbeit, als erneuten Beweis für seine Dreistheit? Wer Fehler sucht, wird Fehler (er)finden! Obwohl es sein kann, dass Ihr Kollege nicht in böser Absicht, sondern reinen Herzens zu Ihnen kam.

Sicher: Es wird auch Situationen geben, da schürt er Ihren Ärger offensichtlich, da ist der Pickel einfach nicht zu übersehen. Aber auch dann sollten Sie sich fragen: "Wie sieht mein Anteil aus?" Denn es gibt eine Wechselwirkung zwischen Ihrer Erwartung und dem Verhalten des Kollegen. Vielleicht wird er dem Bild, das Sie sich von ihm machen, mit jedem Tag ähnlicher. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wenn Sie Ihren Kollegen als Feind betrachten (und auch so behandeln), wird er sich eines Tages wie ein Feind verhalten. Weil er merkt, dass er bei Ihnen keinen Fuß auf die Erde bekommt, tritt er nach Ihnen. Das hat auch mit Trotz, mit Hilflosigkeit zu tun.

Verhalten Sie sich fair, offen, ohne Hinterhalt

In dieser Erkenntnis steckt eine enorme Chance: Sie können Ihren Lieblingsfeind und damit die Wetterlage an Ihrem Arbeitsplatz beeinflussen. Versuchen Sie, Ihren "Gegner" mit Respekt und Hochachtung zu behandeln, als wäre er ein Freund. Versuchen Sie's einfach! Gut möglich, dass er auf Ihr Wohlwollen zunächst skeptisch reagiert. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. Verhalten Sie sich genau so, wie Sie es sich von ihm wünschen: fair, offen, ohne Hinterhalt.

Ich wette, es dauert keinen Monat, dann verkrampft sich Ihr Magen nicht mehr, wenn Sie Ihren Kollegen sehen. Warum auch? Wer dem anderen die Hand reicht, muss nicht ständig mit Angriffen rechnen. "Kanonen sehen im Frieden immer ein bisschen plump aus", schrieb Kurt Tucholsky.

Ihr positives Vorbild färbt auf Ihren Lieblingsfeind ab, weil er die kognitive Dissonanz, den Widerspruch zwischen Ihrem und seinem Verhalten, nicht lange aushalten wird. Er begegnet Ihnen anders, freundlicher und kooperativer.

Muss er jetzt Ihr bester Freund werden? Nein, es geht um zivilisierten Umgang, um Miteinander statt Gegeneinander. Davon können Sie beide profitieren: durch mehr Glücksgefühl und weniger Ärger am Arbeitsplatz.



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