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Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Mein Job fühlt sich furchtbar an – weil der Chef so schlecht arbeitet

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Mit ihrem Vorgesetzten hat Monika immer wieder Streit: Er putzt Mitarbeiter herunter und lässt wichtige Aufgaben liegen. Was kann Monika tun? Die Karriereberaterin nennt drei Optionen.
Nicht schon wieder. Wenn immer derselbe Konflikt ausbricht, ist es an der Zeit, einen Schritt zurückzutreten – und die Lage zu bewerten.

Nicht schon wieder. Wenn immer derselbe Konflikt ausbricht, ist es an der Zeit, einen Schritt zurückzutreten – und die Lage zu bewerten.

Foto: JPM / Image Source / Getty Images
Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Monika, 49, fragt: »Mit unserem Geschäftsführer gerate ich als Abteilungsleiterin immer wieder aneinander: Er mischt sich in alles ein, putzt Kollegen in Rundmails herunter und nimmt etliche Aufgaben nicht wahr, die eigentlich er erledigen müsste, sodass andere dann mehr Arbeit haben – denen er dann Ineffizienz vorwirft. Ich bin die Einzige, die ihm wirklich Kontra gibt. Eigentlich mag ich meine Arbeit, aber mittlerweile fühlt es sich nur noch furchtbar an hinzugehen. Was soll ich nur tun?«

Liebe Monika,

Sie klingen sehr unglücklich und ich kann mir gut vorstellen, wie ohnmächtig Sie sich fühlen. Sie stecken mittendrin und die Lage scheint verfahren und unlösbar. Den ersten Schritt raus aus der Situation haben Sie bereits gemacht: Sie haben sich mit der Frage nach außen gewandt. Sie sind aktiv geworden.

Der zweite Schritt, den ich Ihnen empfehlen möchte: Treffen Sie eine Entscheidung! Das Verharren zermürbt und kostet Kraft, die Sie in den Entscheidungsfindungsprozess stecken können. Nehmen Sie sich die Zeit und setzen Sie sich mit der Situation strukturiert und differenziert auseinander, damit Sie Ihre Optionen kennen. Danach können Sie entscheiden. Als Herangehensweise können Sie folgende drei Alternativen nutzen, die Sie unterstützen, konkrete Wege aufzuzeigen: Love it, change it or leave it!

Machen Sie es schriftlich. Sie können sich auch von einer vertrauten Person interviewen lassen, die mitschreibt und als Sparringpartner dient.

Love it (mit der Situation leben können und wollen)

Evaluieren Sie die Situation und überprüfen Sie Ihre Betrachtungsweise anhand dieser Fragen:

  • Deckt sich mein Bild von der Situation mit dem Bild der Kolleginnen und Kollegen?

  • Wenn ich die Situation aus seiner Lage betrachte, was können seine Motive sein und sind die Motive nachvollziehbar (etwa der Wunsch nach Kontrolle, resultierend aus fachlicher oder persönlicher Unsicherheit)?

  • Was kann der Geschäftsführer, und was schätze ich an ihm?

  • Was habe ich davon zu bleiben?

  • Was ist alles gut, und was mag ich an meiner Arbeit?

  • Welche Haltung kann mir helfen, mit der Lage besser umzugehen?

  • Wie kann ich es mir angenehmer machen?

Unterm Strich: Auf einer Skala von 0 bis 10, für wie wahrscheinlich halte ich es, dass ich die Situation akzeptieren und wieder Freude empfinden kann?

Change it (etwas an der Situation ändern wollen und können)

Entwickeln Sie Strategien und Maßnahmen, die Situation zu verändern, anhand folgender Fragen:

  • Wie sähe der Zielzustand aus, den ich mir wünsche? Was müsste passieren, damit ich weiterhin gern zur Arbeit gehe?

  • Was läuft offensichtlich falsch?

  • Was habe ich schon alles versucht, und was war das Ergebnis?

  • Gibt es Personen im Umfeld, die erfolgreich waren, etwas verändern konnten?

  • Wer sind Verbündete?

  • Welchen Anteil habe ich an der Situation, etwa durch meine Art, Kontra zu geben? Kann ich mein Gesprächsverhalten ändern und es ändert etwas an dem Kontakt zum Geschäftsführer? Zum Beispiel weniger anklagend oder provozierend sein, vielmehr fragend und Vorschläge einbringend, ihn wertschätzen, wo es angebracht ist, sich für die Person interessieren…

  • Was passiert, wenn ich nicht diejenige bin, die Kontra gibt, und sich die anderen nicht wegducken können?

  • Was sind meine Optionen, etwas zu verändern?

Hier einige Ansätze:

  • Grundsatzgespräch mit dem Geschäftsführer, eventuell mit Kolleginnen und Kollegen.

  • Strukturiertes Feedback im Führungskreis, möglicherweise nicht nur mit dem Fokus auf den Geschäftsführer, sondern auf die Zusammenarbeit mit jeder Person.

  • Mitarbeiter*innen-Befragung.

  • Workshop im Führungskreis, um Befugnisse, Entscheidungsprozesse und Aufgabengebiete abzustecken.

Unterm Strich: Auf einer Skala von 0 bis 10, für wie wahrscheinlich halte ich es, dass ich etwas ändern kann?

 Leave it (die Konsequenz ziehen und gehen)

Spielen Sie die Szenarien durch und machen Sie sich einen Plan mithilfe folgender Fragen:

  • Gehe oder fliehe ich? Ist es der Situation geschuldet, oder kann es mir woanders ähnlich gehen? (Denn mich selbst nehme ich immer mit.)

  • Welche Risiken birgt der Weggang für mich?

  • Welche beruflichen Möglichkeiten bieten sich mir alternativ?

  • Wie kann der konkrete Plan aussehen – zeitlich und inhaltlich?

Zum Beispiel:

  1. Netzwerk aktivieren

  2. Zeugnis anfordern

  3. Lebenslauf und Musteranschreiben entwerfen

  4. Klärung: Was kann ich gut und mache ich gern…

  5. Jobrecherche

  • Wer kann mich unterstützen, moralisch und/oder fachlich?

Unterm Strich: Auf einer Skala von 0 bis 10, für wie wahrscheinlich halte ich es, dass ich gehen kann?

Wie immer Sie sich entscheiden, liebe Monika, der erste Schritt ist gemacht. Jede Entscheidung hat Konsequenzen und wird Ihnen einiges abverlangen. Es ist möglich, dass Sie sich für die Option »Leave it« erst entscheiden können, wenn Sie versucht haben, etwas zu verändern. Gelingt eine Veränderung, wünsche ich Ihnen den Spaß an der Arbeit in einem guten Umfeld, in das Sie stets gern gehen. Bleiben Ihre Bemühungen wirkungslos, fällt es Ihnen womöglich leichter, den Schritt nach draußen zu wagen. Ihnen alles Gute!