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19. September 2015, 17:27 Uhr

Job-Stress

"Häufig verwechseln wir Gelassenheit mit Entspannung"

Ein Interview von

Hilft ein Wellness-Wochenende, um im Job gelassener zu werden? Nicht unbedingt, findet Ina Schmidt. Hier verrät die Philosophin, wie man im hektischen Alltag die Ruhe bewahrt.

SPIEGEL WISSEN: Frau Schmidt, in Umfragen gibt weit über die Hälfte der Deutschen an, gestresst zu sein, Frauen sogar häufiger als Männer. Woher kommt es, dass wir unseren Alltag in Beruf und Freizeit nicht gelassen meistern können?

Schmidt: Wir haben einen sehr hohen Anspruch daran, was einen gelungenen Alltag ausmacht. Bilder davon, wie die Dinge idealerweise sein sollten, bestimmen unser Denken und Handeln; wir rackern uns damit ab, diese Vorstellungen zu erfüllen. Dabei passen sie oft gar nicht zu uns. Viel zu selten fragen wir uns: Was wäre für unseren Alltag eigentlich angemessen, damit wir gelassen sein können?

SPIEGEL WISSEN: Sollten wir unsere Ansprüche senken?

Schmidt: Wir sollten uns besser kennenlernen! Auszusteigen und nach Australien zu gehen, das ist gewiss nicht für jeden das Richtige. Stellen wir uns also: Was ist uns wirklich wichtig im Alltag, was wollen und was können wir leisten? Denn natürlich und zu Recht erwarten wir auch Leistung. Aber welche? Und was gibt uns die Kraft, diese Ziele umzusetzen? Momente der Muße sind ganz wichtig, um in hektischen Phasen Gelassenheit zu bewahren.

SPIEGEL WISSEN: Kann es sein, dass viele Menschen ihre Grenzen nicht kennen?

Schmidt: Eigene Grenzen werden zu wenig respektiert. Es geht ja in vielen Werbekampagnen darum, noch einen Schritt schneller, höher, weiter zu gehen. Grenzen zu überwinden wird oft gleichgesetzt mit "über den Tellerrand schauen", also weltoffener zu werden. Nur: Ein äußerer Tellerrand ist nicht dasselbe wie eine individuelle Grenze. Gerade im beruflichen Kontext wird diese Unterscheidung viel zu selten gemacht.

SPIEGEL WISSEN: Sie warnen vor Entspannung und Wellness-Wochenenden auf der Suche nach Gelassenheit. Warum?

Schmidt: Natürlich kann man in der Sauna auftanken. Aber häufig verwechseln wir Gelassenheit mit Entspannung. Am Pool abzuhängen schafft nicht unbedingt Gelassenheit dort, wo sie am meisten gefragt ist: im Alltag. Gelassenheit meint eigentlich, eine andere Form der Aktivität möglich zu machen. In ein Tun zu kommen, das mit einem selbst zu tun hat und das auch den ersten Montag im Büro überdauert.

SPIEGEL WISSEN: In der griechischen Antike galt die Gelassenheit als eine der wichtigsten Tugenden.

Schmidt: Tugend hatte - wie auch im Deutschen - etwas mit Tüchtigkeit zu tun. Es geht um eine Form der Praxis. Praxis meint in dem Zusammenhang ein Tun um seiner selbst willen, keines, das allein einen äußeren Zweck erfüllen soll. Aristoteles unterscheidet zwischen praxis, also der reinen "Tat", und poesis, zu deutsch etwa "Erschaffung".

SPIEGEL WISSEN: Gelassenheit wäre demnach eher eine Tätigkeit denn eine Haltung?

Schmidt: Sie ist eine Haltung, die sich im Tun zeigt. Sie meint eine Praxis, die Menschen brauchen, um in Zeiten von Konflikten, Schwierigkeiten, Stürmen handlungsfähig bleiben zu können. Gelassenheit zeigt sich schon, wenn man etwa morgens im dichten Verkehr an einer Ampel warten muss und dennoch den Tag mit seinen Aufgaben in Ruhe auf sich zukommen lassen kann.

SPIEGEL WISSEN: In einem Essay beschreiben Sie, wie ein Freund des Philosophen Seneca sich bitter darüber beklagt, dass er trotz Meditation und Askese keine Gelassenheit finde.

Schmidt: Seneca gibt diesem Freund, Serenus, einen ausführlichen Rat, 80 Seiten lang. Die Wurzel des Übels erkennt Seneca darin, keinen Gefallen an sich selbst zu haben. Das sei der größte Charakterfehler überhaupt - und der größte Quell von Ruhelosigkeit.

SPIEGEL WISSEN: Was meint der Stoiker Seneca mit "Gefallen an sich selbst"?

Schmidt: Es geht um Selbstakzeptanz innerhalb der eigenen Grenzen. Also keinesfalls ein egoistischer Narzissmus, den ja manche heute als "Selbstoptimierung" sogar als Ideal ansehen. Sondern dass wir uns aller Ecken, Kanten und Unwägbarkeiten so bewusst werden, dass wir trotzdem einen liebevollen Blick entwickeln auf das, was uns ausmacht.

SPIEGEL WISSEN: "Beschäftige dich mit dir selbst", diese Aufforderung hat der französische Philosoph Michel Foucault den "Sokratischen Imperativ" genannt: eine Selbstbeschäftigung, die zu innerer Freiheit führt. Leben wir nicht eher in einer Zeit, in der wir zu viel um uns selbst kreisen?

Schmidt: Die antike griechische Ethik der "Selbstbemeisterung" und des freiheitlichen Handelns stand ganz klar im Kontext der Gemeinschaft. Wir sollen uns nicht um uns selbst bemühen um unseres persönlichen Glücks willen, sondern um damit am besten zur Gemeinschaft beizutragen.

SPIEGEL WISSEN: Gemeinschaft macht ja auch gelassen...

Schmidt: ... genau! Dieses Wissen fehlt uns heute häufig, was sich auch in Floskeln ausdrückt wie: "Wenn man nicht alles selber macht...". Viel zu selten wenden wir uns an jemanden, der uns kompetent unterstützen kann.

SPIEGEL WISSEN: Sie haben vier Bücher geschrieben, halten Vorträge, unterrichten an der "Modern Life School" in Hamburg und erziehen zu Hause drei Kinder. Verraten Sie uns Ihr persönliches Rezept für Gelassenheit?

Schmidt: Die Beschäftigung damit! Das Thema ist auch deshalb eins meiner liebsten, weil ich Bedarf daran habe. Ich würde mich gar nicht als besonders gelassen bezeichnen. Für mich gehört zur Gelassenheit, dass ich mich um meine Unzufriedenheit kümmere, um die Personen, die damit in Zusammenhang stehen, und hin und wieder versuche, mein eigenes Chaos sogar mit Humor zu nehmen. Das allein verändert viel. Es lässt einen milder werden, wenn etwas nicht klappt.

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