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Frauen in Ingenieurberufen Karriere technisch unmöglich

Lautstark werben Politik und Industrie für mehr Frauen in technischen Berufen - mit Erfolg. Doch Führungspositionen erreichen nur wenige. Den Hauptgrund zeigt eine neue DGB-Studie: Hier regieren klassische Rollenmuster, Unternehmen gelingt es nicht, Mütter zu halten.
Tragende Rolle für Mint-Frauen: Seit 1963 (Foto) wenig Veränderung

Tragende Rolle für Mint-Frauen: Seit 1963 (Foto) wenig Veränderung

Foto: Koll/ picture-alliance/ dpa

In den Bereichen Technik und Informatik, Naturwissenschaften und Mathematik sind Fachkräfte stark gefragt - sonnige Aussichten für Experten und Expertinnen. Das Beschäftigungswachstum in den technischen Berufen kommt vor allem Frauen zugute. Das geht aus einer frisch veröffentlichten Studie des DGB  hervor, die KarriereSPIEGEL vorliegt. So ist seit 2007 die Zahl der angestellten Naturwissenschaftlerinnen um 44 Prozent gewachsen. Auch unter den Ingenieuren gibt es ein Viertel mehr weibliche Beschäftigte.

Dass Politik, Wirtschaftsverbände und Industrie seit Jahren mit vereinten Kräften versuchen, mehr Frauen für Ingenieur- und naturwissenschaftliche Studiengänge zu begeistern, zahlt sich offenbar nach und nach aus. So können Mädchen beim Girls' Day für einen Tag technische Berufe beschnuppern; die Initiative "Komm, mach Mint" des Bundesforschungsministeriums lockt Frauen mit rein weiblichen Studiengängen und einem exklusiven Netzwerk; Unternehmen wie Bosch statten in der Hoffnung auf künftige Ingenieurinnen schon Kitas mit technischem Spielzeug aus. Und wo der Fachkräftemangel grassiert, sind die Einstiegschancen für gutausgebildete Frauen tatsächlich gut.

In der neuen Untersuchung beschreibt der Deutsche Gewerkschaftsbund diese Entwicklung als ausgesprochen erfreulich. Aber das war's dann auch schon an guten Nachrichten aus der Branche. Denn weiterhin bleibt der Frauenanteil in den sogenannten Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) unterdurchschnittlich. Hier ist knapp jeder fünfte Beschäftigte eine Frau (18,7 Prozent). Zum Vergleich: Über alle Berufe hinweg stellen Frauen knapp die Hälfte (45,6 Prozent) aller Beschäftigten.

Doppel-Quiz: Frauen vs. Männer

Die Hauptgründe sehen die Autoren der Studie, die DGB-Arbeitsmarktexperten Wilhelm Adamy und Sabrina Klaus-Schelletter, in der strukturellen Benachteiligung von Frauen - und der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

"Ich hätte gedacht, dass wir ein ganzes Stückchen weiter sind in der betrieblichen Personalpolitik, zumal der Fachkräftemangel seit Jahren diskutiert wird", so Adamy. Die Studie widerlegt die weitverbreitete Annahme, der Fachkräftemangel zwinge Unternehmen, sich langfristig mehr auf die Bedürfnisse von weiblichen Arbeitnehmern einzustellen, etwa durch eine familienfreundlichere Unternehmenskultur und flexiblere Gestaltung der Arbeitszeiten.

Verstimmter Dreiklang: Einkommen, Arbeitszeit, Aufstiegschancen

Mint-Berufe indes scheinen klassischen Rollenmustern besonders stark verhaftet zu sein: Insgesamt zwei Drittel aller berufstätigen Akademikerinnen in diesem Bereich beschreiben Probleme, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Als Hauptgrund geben sie die eigene berufliche Beanspruchung und die des Partners an. Ein Drittel der Frauen hat Schwierigkeiten, einen Betreuungsplatz für den Nachwuchs zu bekommen. Die Frauen, die kein Vereinbarkeitsproblem haben, erreichen das per Teilausstieg: 43 Prozent gaben an, Beruf und Familie durch Teilzeitarbeit gerecht werden zu können.

Aus Sicht der um Fachkräfte barmenden Wirtschaft ist das eine fatale Lösung, weil den Unternehmen somit noch mehr Spezialistinnen verlorengehen. Für die Mint-Väter übrigens kein Thema, hier reduzieren lediglich drei Prozent ihre Arbeitszeit zugunsten der Familie.

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Foto: U.S. Army Photo

Für das Kind-Karriere-Dilemma finden die Männer eine simple Lösung: Jeder zweite gibt an, dass sich die Partnerin um den Nachwuchs kümmert. Umgekehrt können diese Aussage nur sechs Prozent der Frauen treffen. DGB-Arbeitsmarktexperte Adamy spricht von einem "Rückfall in traditionelle Arbeitsformen - das ist erschreckend".

Ein Grund, warum in der Branche primär Frauen zurückstecken, mag auch das Gehaltsgefälle sein: Schon beim Berufseinstieg verdienen Frauen zehn Prozent weniger. Im Laufe des Berufslebens vergrößert sich der Abstand auf knapp 20 Prozent, die Männer bekommen mehr für gleiche Arbeit.

Zu den typischen strukturellen Barrieren wie der Geschlechterkluft bei Einkommen und Arbeitszeit kommen begrenzte Karriereaussichten für Frauen. Laut Hoppenstedt Branchenmonitor 2012 sind sie in den Führungsetagen seltene Exoten. Unter den Top-Managern deutscher IT-Unternehmen sind sieben Prozent weiblich, in der Computerspiele-Branche knapp sechs Prozent. Darüber hinaus kommt branchenübergreifend auf 25 männliche Ingenieurwissenschaftler im Management eine Frau.

"Solange die hochqualifizierten Mint-Frauen nicht im Management, insbesondere im Top-Management ankommen, so lange fällt es schwer, junge Frauen für Mint-Berufe verstärkt zu gewinnen. Wir brauchen Vorbilder - Frauen, die in Mint-Berufen 'ihren Mann' stehen", bilanziert Arbeitsmarktexperte Adamy. "Stattdessen werden die Karriereaussichten für Frauen erschwert durch männlich dominierte Kommunikations- und Arbeitskulturen, starre Arbeitszeiten, männliche Netzwerke und besonders durch die Vereinbarkeitsproblematik von Familie, Beruf und Karriere."

Helene Endres ist Redakteurin beim manager magazin.