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Studie Hochbegabt? Sagen Sie das auf der Arbeit lieber nicht

Wer einen IQ von 130 und mehr hat, gilt als hochbegabt. Im Job eigentlich eine tolle Sache. Doch eine Studie zeigt: Hochbegabte kämpfen gegen das Vorurteil, sozial inkompetent zu sein.
Computersimulation des menschlichen Gehirns

Computersimulation des menschlichen Gehirns

Foto: Corbis

Ein Superhirn müsste man haben - dann wäre der Berufsalltag ein Leichtes. Statt Überstunden zu machen, geht man jeden Tag pünktlich nach Hause. Und der Chef meckert nie über Fehler, weil man als Hochbegabter keine macht. So die Theorie.

Tatsächlich ist das Etikett "hochbegabt" häufig jedoch eher ein Makel. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie, die die Psychologin Tanja Gabriele Baudson von der Universität Duisburg-Essen in Kooperation mit dem Hochbegabtenverein "MinD - Mensa in Deutschland" durchgeführt hat. Ergebnis: Die Mehrheit der Bevölkerung steht Hochbegabten eher negativ gegenüber - und das wirkt sich gerade auch in der Arbeitswelt aus.

Baudson hatte 1029 Erwachsene zu ihren Vorstellungen über Hochbegabte befragt. Sie sollten zum Beispiel angeben, welche Gefühle das Thema Hochbegabung in ihnen hervorruft. Außerdem ging es darum, welche Eigenschaften Hochbegabten zugeschrieben werden. Zur Auswahl standen fünf Aspekte: hohes, intellektuelles Potenzial, hohe Leistungsfähigkeit, generelle Überlegenheit, Schwierigkeiten im sozialen Umgang sowie emotionale Probleme.

Es zeigte sich, dass die Befragten im Mittel Hochbegabten ein hohes Potenzial zuschreiben und sie für sehr leistungsfähig halten. Rund zwei Drittel bescheinigen ihnen aber auch, schwierig im sozialen Umgang zu sein und emotionale Probleme zu haben. Die Studie wurde Ende März in der Fachzeitschrift "Journal in Psychology" veröffentlicht  .

"Rattenschwanz an Vorurteilen"

"Das Klischee, dass Hochbegabte sozial schwierig und emotional labil sind, hält sich hartnäckig", sagt Studienautorin Baudson. Dabei findet sie in wissenschaftlichen Untersuchungen keine Hinweise darauf, dass hohe Intelligenz mit niedrigen sozialen Fähigkeiten einhergeht.

Wer hochbegabt ist, sollte das in der Arbeitswelt trotzdem lieber für sich behalten, rät Baudson - oder zumindest nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, bevor man seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat. "Hochbegabung ist ein ambivalenter Begriff, der oft einen Rattenschwanz an Vorurteilen hinter sich her zieht."

Wer ist überhaupt hochbegabt? Seit etwa 100 Jahren gibt es Begabtenforschung, und in dieser Zeit hat sich der Begriff immer wieder verändert. Ab einem Intelligenzquotienten von 130 geht man derzeit von einer intellektuellen Hochbegabung aus. Gut zwei Prozent einer Altersgruppe zählen zu dieser Gruppe. Zum Vergleich: Die meisten (68,2 Prozent) haben einen IQ zwischen 85 und 115.

Wer mit einer Hochbegabung auf die Welt kommt, hat das Potenzial, im Beruf besonders erfolgreich zu sein, sagt Baudson. Denn wer sehr intelligent ist, lernt schneller, und es fällt ihm leichter, einmal Gelerntes auf neue Sachverhalte zu übertragen. Außerdem sammelt derjenige Wissen schneller an.

Karrierefaktor IQ
Foto: Frauke Thielking/ SPIEGEL JOB
Foto: Frauke Thielking/ SPIEGEL JOB

Hochbegabte müssen deshalb aber nicht automatisch im Job erfolgreicher sein. Denn neben der Veranlagung brauchen sie Förderung - etwa durch das Elternhaus und die Schule. Hochbegabte müssen außerdem die Motivation in sich tragen, etwas leisten zu wollen.

Marc Messer, Sprecher des Hochbegabten-Netzwerks "MinD - Mensa in Deutschland", sagt: "Hochbegabung ist manchmal auch eine Belastung." Es ergeben sich im Alltag und im beruflichen Umfeld immer wieder Missverständnisse, weil Hochbegabte anders denken als die meisten anderen Menschen.

Mit Fällen, bei denen die Hochbegabung Probleme macht, hat Heinz-Detlef Scheer täglich zu tun. Er ist Karriereberater und bietet Coaching für Hochbegabte an. Die Klienten, die ihn aufsuchen, kämpfen häufig damit, dass ihr Verhalten auf andere merkwürdig wirkt.

Scheer nennt einige Beispiele: Wenn ihren schnellen Gedanken niemand folgen kann, wirkt das auf manche arrogant. Andere haben ständig neue Ideen und rennen zum Chef. Die Kollegen fragten sich dann: Wieso darf der dauernd beim Vorgesetzten sitzen? Kriegt der auch mehr Geld?

Mit seiner Besonderheit auseinandersetzen

Andere Kollegen nervt wiederum, dass manche Hochbegabte streng lösungsorientiert sind, erzählt Scheer. Wieder andere Superhirne missachten Hierarchien und der Vorgesetzte hat das Gefühl, derjenige agiere an ihm vorbei.

Die Hochbegabten selbst wiederum sind frustriert: Sie haben Hunderte Ideen, und die Firma setzt sie ihrer Meinung nach viel zu langsam um. Verstehen die Kollegen sie nicht schnell genug, werden sie ungeduldig - wieso müssen sie alles zwei- und dreimal erklären?

Viele Konflikte lassen sich dadurch entschärfen, dass der Hochbegabte um seine Besonderheit weiß und sich damit auseinandersetzt, wie er auf andere wirkt, sagt Scheer. Auch wenn es unwahrscheinlich klingt: Längst nicht jeder weiß, dass er überdurchschnittlich intelligent ist.

Kristin Kruthaup/dpa/lov