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12. Oktober 2018, 14:58 Uhr

Internationale Studie

Warum nette Menschen eher Geldprobleme haben

Liebenswürdigkeit und Empathie sind positive Eigenschaften - wenn man nicht reich werden will. Eine internationale Studie zeigt: Wer nett ist, hat öfter finanzielle Schwierigkeiten.

Schon die "Prinzen" wussten, worauf es in der modernen Wirtschaftswelt ankommt. "Du musst ein Schwein sein", sangen sie 1995 und hatten damit offensichtlich recht. Wie eine internationale Untersuchung zeigt, laufen freundliche und umgängliche Menschen eher Gefahr, in finanzielle Schieflagen zu geraten, weil Geld für sie eine geringere Bedeutung hat als für weniger nette Menschen.

Zu diesem Ergebnis kommen Sandra Matz von der Columbia Business School und Joe Gladstone vom University College. Sie sind der Frage nachgegangen, welchen Einfluss charakterliche Eigenschaften auf den Kontostand und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit haben.

Unter dem Titel "Nice Guys Finish Last" haben Matz und Gladstone im aktuellen "Journal of Personality and Social Psychology" der American Psychological Association (APA) die Ergebnisse ihrer Analyse vorgelegt. Dafür haben sie sechs verschiedene Studien aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten mit mehr als drei Millionen Datensätzen ausgewertet.

"Wir wollten verstehen, inwiefern eine nette und herzliche Persönlichkeit negative Auswirkungen auf die finanzielle Entwicklung hat", erklärt Matz. Dabei stützten sie sich auf frühere Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen einem zuvorkommenden Wesen und geringerer Kreditwürdigkeit, niedrigerem Einkommen sowie schlechteren Perspektiven fürs Berufsleben nachgewiesen hatten. "Unser Ziel war es, diese Korrelationen zu überprüfen und auf andere finanzielle Bereiche auszuweiten, um zu verstehen, warum nette Menschen oft an letzter Stelle zu stehen scheinen", sagt Matz.

Nette Kinder haben im Erwachsenenalter öfter finanzielle Probleme

Die Grundannahme war, dass ein hohes Maß an Empathie dafür sorge, dass man in Verhandlungen leichter nachgebe und eher schlechtere Ergebnisse akzeptiere. Darüber hinaus zeige die aktuelle Analyse, dass "liebenswürdige Menschen sich einfach weniger aus Geld machen und deswegen zu finanziellem Missmanagement neigen", sagt Gladstone. Wer altruistisch ist, gibt sein Geld leichter aus, um anderen zu helfen - im Zweifel auch über das Maß des eigentlich Machbaren hinaus.

Interessant dabei: Die Grundlagen für die spätere wirtschaftliche Entwicklung werden offensichtlich schon früh gelegt. Laut einer der ausgewerteten Langzeitstudien, bei der Probanden 25 Jahre lang begleitet wurden, haben nette Kinder im Erwachsenenalter häufiger mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen als Gleichaltrige, die weniger freundlich und empathisch sind.

Ist es also nicht Geld, das den Charakter verdirbt, sondern braucht man einen verdorbenen Charakter, um überhaupt Geld zu verdienen? Ganz so einfach ist es nicht. Denn nicht alle netten Menschen leiden unter finanziellen Problemen. Schwierigkeiten haben vor allem freundliche und zuvorkommende Geringverdiener. "Nett und vertrauensvoll zu sein, ist kostspielig", sagt Matz. "Das gilt besonders für diejenigen, die nicht über die wirtschaftlichen Mittel verfügen, ihre Persönlichkeit zu kompensieren."

Soll heißen: Wer einen gutbezahlten Job hat und über ein entsprechend hohes Einkommen verfügt, kann es sich leisten, freundlicher zu sein und weniger auf sein Geld zu achten. Vermehren wird man sein Vermögen durch Nettigkeit aber nicht.

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