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Frag die Karriereberaterin Ich möchte mit 40 noch mal studieren - ist das verrückt?

Anne, 40, hat einen sicheren Beruf, doch der macht sie nicht glücklich. Wie sie einen Job findet, der ihr mehr liegt - und warum sie nicht auf Warnungen von Freunden hören sollte.
Studenten im Hörsaal

Studenten im Hörsaal

Foto: MYCHELE DANIAU/ AFP

Anne ist Lehrerin. In den Beruf ist sie eher reingerutscht - eine Familienprägung, wie sie schreibt. Sie schätzt die finanzielle Sicherheit, hat aber auch früh gemerkt, dass sie eher introvertiert ist und Unterrichten für sie sehr anstrengend. Jetzt überlegt sie, ein Weiterbildungsstudium im Bereich Therapie oder Beratung zu absolvieren. Und fragt: Ist das verrückt, in dem Alter?


Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Ein Schritt in eine andere Richtung ist nicht verrückt, wenn er durchdacht ist. Er bringt neue Impulse, Gedanken, Kontakte. Und Menschen, die sich nicht bewegen, entwickeln sich auch nicht mehr; anfängliche Unzufriedenheit schlägt irgendwann um in Hoffnungslosigkeit….

Mir wurde das sehr deutlich, als mein Sohn von seinem Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei berichtete. Die Hälfte der Anwälte war demotiviert, sie jammerten ihm vor, dass sie doch lieber etwas anderes studiert oder gelernt hätten.

Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

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Egal, wo man hinschaut, es ist überall dasselbe: Gerade Jobs, die vermeintliche Sicherheit versprechen, ziehen unverhältnismäßige viele Menschen an, die Vernunftentscheidungen getroffen haben und in einem anderen Feld oder einer anderen Umgebung besser aufgehoben wären. Und die schlicht nicht mutig genug waren oder sind, sich in unbekanntes, neues Gebiet zu begeben wie Anne.

Es kann aber auch sein, dass sich die Prioritäten ändern. Menschen reifen, durchlaufen eine Persönlichkeitsentwicklung und verändern dadurch auch ihre Sicht auf den ursprünglich gewählten Beruf. Ich erlebe es häufig, dass dann nicht die Tätigkeit an sich, sondern grundsätzliche Annahmen in Frage gestellt werden: Der Marketing-Mitarbeiter möchte keine Konsumenten mehr manipulieren, der Ingenieur will mit Menschen statt Maschinen zu tun haben.

Arbeit sollte nicht nur Pflichterfüllung oder Existenzsicherung sein, sondern auch Spaß machen. Stehen Sie morgens auf und freuen sich auf die Arbeit? Diese Frage sollten sich viele öfter einmal stellen. Glück, das wissen Vertreter der positiven Psychologie, entsteht übrigens auch im Vergleich zu anderen. "Wie stehe ich da?" Es macht mich unglücklicher, wenn Kollegen morgens fröhlich in die Schulklasse oder Anwaltskanzlei gehen und ich mich quäle.

Aber auch der finanzielle Vergleich zählt - stehe ich schlechter da als meine Peergroup, geht es mir auch schlechter. Deshalb sind, so meine Erfahrung, radikale Brüche ab einem bestimmten Alter und vor allem ab einer bestimmten Dauer in einem Job selten. Meist geht es um sanfte Übergänge. Der offene Stellenmarkt ist für Quereinsteiger sowieso fast nicht zu gebrauchen. Deshalb geht es bei einer Veränderung im Alter von 40, 50 Jahren oft auch um den Aufbau neuer Netzwerke.

Grundsätzlich passen die von Anne angestrebten Themen gut zur zweiten Lebenshälfte. Ich rate ihr aber dazu, ihr Feld zunächst noch weiter einzugrenzen, am besten durch Gespräche mit Menschen, die in den entsprechenden Jobs bereits tätig sind.

Anschließend bietet sich für Anne ein berufsbegleitender Weiterbildungsmaster an. So kann sie sich neue Themen erschließen, auf ihre bisherige Erfahrung aufbauen und sich spezialisieren. Diese Studiengänge sind für erfahrene Arbeitnehmer ideal, die behutsam in den neuen Beruf wechseln möchten.

Häufig bekommen Menschen wie Anne übrigens erheblichen Gegenwind aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sowie der Familie. Das hat jedoch nur mit den Ängsten der anderen vor Veränderung zu tun. Anne sollte sich davon nicht abschrecken lassen.