Studiosus Jobs Der App-Brecher

Der Karrierestart von Steve Jobs war eine Katastrophe: Schon im ersten Semester schmiss er seine Seminare, lebte von nichts, lernte mal dies, mal das. Der Abbruch sollte ein Thema seines Lebens werden - niemand ist erfolgreicher an seinem Studium gescheitert als er.

AP

Am 12. Juni 2005 hatte die Stanford University Apple-Gründer Steve Jobs eingeladen, um für ihre Absolventen eine Rede zu halten. Da stand er also, mit Jeans und Latschen unter der feierlichen schwarzen Robe, noch gezeichnet von seiner Krebs-Erkrankung, gerade genesen, kaum feierlich. Er sagte: "Näher als in diesem Moment bin ich einem Uni-Abschluss nie gekommen." Gnickern, Lachen, Hüsteln, Zwischenrufe, aber so richtig lustig fanden die frisch examinierten Elite-Absolventen von Stanford das nicht.

Steve Jobs war ein abgebrochener Student - und irgendwie stolz darauf. Er stellte sich vor die Jungakademiker, erzählte aus seinem Leben und schien zu sagen: Seht her, es geht auch ohne die wissenschaftliche Weihe, ohne das Brimborium und ohne eure behämmerten Hüte. Er erzählte, wie er nach dem Ausstieg bei Freunden auf dem Boden schlief, wie er Pfandflaschen einsammelte, um sich das Nötigste leisten zu können, wie er sieben Meilen durch die Stadt zum Krishna-Tempel lief, um ein warmes Abendessen zu bekommen.

Brecht ab, macht keinen Abschluss!

Jobs erzählte von den Apple-Gründungstagen, von seinem Rauswurf, vom Comeback, wie Apple das wurde, was es heute ist. Alles ohne Abschluss. Schaut man den Film heute an, scheint er Steve Jobs Vermächtnis zu sein, das da lautet: Brecht ab, macht keinen Abschluss, an der Uni findet ihr dies, das und jenes, aber nicht Glück und Erfolg. Doch das ist nur die eine Wahrheit.

Jobs brach nicht ab, weil seine Noten zu schlecht gewesen wären, er bei einer Prüfung durchrasselte, ein Jahrzehnt lang an einer Hausarbeit saß oder weil er die Gebühren nicht mehr hätte zahlen können. Er brach ab aus dem einfachsten Grund, den man sich vorstellen kann: Studium, das war nichts für ihn. Zu eng, zu zielgerichtet, zu zweckgebunden. Jobs war schlau genug, das sehr früh zu erkennen.

50.000 bis 70.000 Studenten brechen im Jahr in Deutschland ihr Studium ab, das sind rund zwanzig Prozent eines Jahrgangs, jeder fünfte. Die meisten brauchen länger als Steve Jobs, um zu erkennen, dass sie an der Uni in eine Sackgasse rennen. Jobs ging schon nach ein paar Monaten nicht mehr in seine Seminare. Er studierte aber trotzdem weiter, nur nicht mehr so, wie die Uni das vorgesehen hatte.

Jobs verließ einen Weg, der für ihn vorgezeichnet war, schlimmer noch - einen Weg, für den ihm seine Adoptiv-Eltern das Geld zusammen gespart hatten. Seine leibliche Mutter, erzählte er bei der Rede 2005, wurde mit ihm schwanger, als sie mitten im Studium war. Ihr fehlte das Geld, die Zeit und sie wollte, dass ihr Sohn von Eltern erzogen werde, die ihr Studium schon hinter sich hatten. Sie gab ihren Sohn zur Adoption frei. Nach einer Absage landete Steve schließlich über einen Umweg bei einem Ehepaar ohne akademischen Hintergrund - seine Mutter unterzeichnete die Papiere erst, als sie ihr versprachen, Steve an die Uni zu schicken und ihm ein Studium zu finanzieren.

Kalligraphie ohne Ziel

Und der Sohn? Einmal am Reed College in Portland, brach er nach dem ersten Semester ab, hing rum, setzte sich in irgendwelche Seminare, die ihn interessierten, "Kalligraphie" zum Beispiel, obwohl er keinen blassen Schimmer hatte, was ihm das mal irgendwann bringen könnte. "Das meiste, in das ich so hinein stolperte", sagte Jobs den Absolventen in Stanford, "erwies sich als unbezahlbar."

Seit dem Kalligraphie-Seminar war Jobs verliebt in die Welt der Typographie, in den Zauber der Schnitte, Längen und Drehungen der Buchstaben - und als er zehn Jahre später den ersten Macintosh-Rechner gestaltete, sollte er der erste werden, der vorzeigbare Schriften benutzte und nach etwas mehr aussah als einer Maschine. Auf einem Umweg war alles, was er bei seinem Selbststudium gelernt hatte, in seine Lebenserfindung eingeflossen.

So etwas könne man nicht planen, so Jobs, diese einzelnen Punkte ergaben erst in der Rückschau einen Sinn, ein stimmiges Ganzes: "Wenn ich zurück blicke, sehe ich klar die Verbindung." Man müsse bei all dem vor allem an etwas glauben. An Gott, das Schicksal, das Leben, Karma, was auch immer. "Wenn du daran glaubst, dass die Punkte sich verbinden, irgendwie, wird dir das Vertrauen geben, deinem Herzen zu folgen, auch wenn es dich vom wohlbekannten Weg trägt. Das ist es, was den Unterschied macht."

Steve Jobs bemühte gerne und ohne Rücksicht die Rhetorik des American Dream und seine Lehrsätze heben sich nur unwesentlich von einem Kalender mit Sinnsprüchen ab. Doch sein Leben, sein abgebrochenes Studium, seine Karriere zeigen: Er wurde mitnichten das, was er war, obwohl er sein Studium abbrach - er wurde aber auch nicht das, was er war, weil er sein Studium abbrach. Seine Rede in Stanford 2005 und sein späterer Erfolg können jedoch jedem Studienabbrecher, jedem Bachelor-Genervten, jedem, der die Master-Arbeit doch nicht abgibt und zum dritten Mal durch die Prüfung gerasselt ist, ein Trost sein, dass es ein Leben gibt, auch nach der Exmatrikulation. Dass es die Brüche im Leben sind, die sich zu etwas wirklich Neuem zusammen setzen lassen.

Steve Jobs erzählte den Studenten in Stanford 2005 auch etwas über den Tod: Wenn man jeden Tag so lebe, als wäre es der letzte, sagte er, dann komme der Tag, an dem man recht behalten werde.

An dem man doch noch einen Abschluss macht.

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Newspeak, 07.10.2011
1. ...
Am Ende hat doch jeder seine eigenen Lebensweisheiten. Steve Jobs mag ein gelungenes Beispiel für einen erfolgreichen Studienabrecher sein, aber die Statistik sagt dem gewöhnlichen Studienabrecher mit weniger Glück und Geschick weniger Gutes voraus. Genausogut, wie sein Studium rechtzeitig abzubrechen, ist es aber auch eine Leistung es durchzuziehen. Ein Studium muß auch nicht eng, zu speziell und zu zielgerichtet sein, die meisten Studiengänge kranken daran, daß sie es nicht sind, und das System als Ganzes paradoxerweise daran, daß es das ist, obwohl es anders sein sollte, nämlich weit, universell, zweckfrei (wenn man mal von einem akademischen Abschluß irgendwann absieht, aber der könnte auch einfach im Laufe eines Prozesses verliehen werden, eher wie ein Preis, eine Auszeichnung). Steve Jobs Ratschläge sind also nichts anderes, als die Aussagen, die man hört, wenn jemand nach dem Grund für seinen Erfolg, sein langes Leben etc. gefragt wird. Meistens sind dies Dinge, die man am Ende doch gar nicht allein und unabhängig von anderen Menschen oder äußeren Gegebenheiten beeinflußen kann, obwohl man sich einredet, es wäre so. Der einzige Ratschlag, der universell gilt, ist wohl, daß jeder für sich entscheiden muß, was er machen will und dann den Mut braucht, das auch durchzuziehen.
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