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Job & Karriere

Hessischer Schuhmacher in Sydney »In jungen Jahren wenig Geld zu haben, hat auch was Gutes«

Karl-Heinz Schott sollte eigentlich den Schuhladen seiner Eltern übernehmen. Aber er fertigte seine orthopädischen Schuhe lieber in einer Garage in Sydney. Jetzt ist Russell Crowe einer seiner treuesten Kunden.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Orthopädieschuhtechniker Karl-Heinz Schott (Zweiter von rechts) mit seinem Team in Sydney: »Meine Heimat ist jetzt hier«

Orthopädieschuhtechniker Karl-Heinz Schott (Zweiter von rechts) mit seinem Team in Sydney: »Meine Heimat ist jetzt hier«

Foto: shoetech

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»In Australien kennen mich alle nur als Karl. Eigentlich heiße ich Karl-Heinz, wie mein Vater. Wäre ich in Hessen geblieben, wäre ich wahrscheinlich bis zu meinem 50. Geburtstag noch als Junior angesprochen worden.

Schon mein Urgroßvater war Schuhmacher. Ich sollte das Familienunternehmen in der vierten Generation weiterführen, und dazu hatte ich auch Lust. Die Lehre zum Orthopädieschuhtechniker hatte mir Spaß gemacht, ich hatte 1987 meinen Meister abgeschlossen und war hoch motiviert. Dann sah ich das Stellenangebot in Japan: Gesucht wurde ein Orthopädieschuhtechniker, der dort Kollegen weiterbilden sollte. Ein Job weit weg in einer ganz anderen Umgebung – das fand ich großartig. Zwei Jahre würde mein Vater wohl noch weiterarbeiten, dachte ich damals. So lange hätte ich also Zeit zum Reisen.

Dee Why, ein Vorort von Sydney, ist seit mehr als 30 Jahren der Lebensmittelpunkt von Karl-Heinz Schott.

Dee Why, ein Vorort von Sydney, ist seit mehr als 30 Jahren der Lebensmittelpunkt von Karl-Heinz Schott.

Foto: ai_yoshi / iStockphoto / Getty Images

Japan gefiel mir gut, und das Unterrichten noch besser. Meine freie Zeit nutzte ich, um mir Australien anzusehen. Auf die klassischen Backpackerjobs als Erntehelfer oder Kellner hatte ich keine Lust; ich wollte lieber in meinem Beruf arbeiten. Und so reiste ich zu allen Schuhfabriken im Land, um meine orthopädischen Schuhe vorzustellen.

Damals, Ende der Achtzigerjahre, gab es in Australien noch Schutzzölle auf die Einfuhr von Schuhen, um die heimische Industrie zu stärken. Aber es war klar, dass diese Zölle bald abgeschafft werden würden, und orthopädische Schuhe schienen mir eine Marktlücke zu sein. Viele Einlagen oder Keile passen schlecht in herkömmliche Schuhe, und in Australien gab es kaum Alternativen.

In den Fabriken wurde ich freundlich empfangen, aber so richtig begeistern konnte ich niemanden für die Idee. Immerhin: Ich konnte genügend Schuhe verkaufen, um meine Reise zu finanzieren.

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Nach zwei Jahren in Japan stand ich vor der Entscheidung, wie es nun weitergehen würde. Die japanische Firma wollte mich als Angestellten halten, aber ich hatte den Eindruck, dass man als Einwanderer zwar ein sehr gutes Leben in Japan haben kann, aber für immer der Außenseiter bleiben wird. Außerdem wollte ich ja das Familienunternehmen in Homberg übernehmen.

Aber mein Vater dachte gar nicht ans Aufhören. Ich hatte so viele Ideen, so viel Tatendrang. Zu zweit in der Werkstatt, das wäre nicht lange gut gegangen. Ich wollte mein eigenes Ding machen. Und so handelte ich mit der japanischen Firma einen Deal aus: Ich würde weiter als Berater für sie arbeiten, aber nur monatsweise. Und den Rest des Jahres würde ich in Sydney leben und dort was aufbauen.

Ein australisches Visum zu bekommen, war vor über 30 Jahren viel einfacher als heute. Der erforderliche Englischtest bestand damals nur aus einem kurzen Telefonat. Berufsanfänger in Australien haben es heute überhaupt sehr viel schwerer. Die Bürokratie hat sich verschärft, die Mieten sind unfassbar teuer geworden.

Aber es hat sich auch viel Positives getan: In meinem ersten Jahr hier in Sydney bin ich zum Teetrinker geworden, so schlecht war der Kaffee, der einem serviert wurde. Heute gilt Australien als Paradies für Kaffeeliebhaber. Auch das Lebensmittelangebot hat sich enorm vergrößert und kulturell wird jetzt viel mehr geboten.

Ich habe damals gezielt nach dem für mich perfekten Wohnort gesucht und mich für Dee Why entschieden, einen Vorort im Norden Sydneys. Mit dem Auto ist man in einer halben Stunde am Opernhaus, es gibt zwei malerische Strände, viel Natur. Dort gefällt es mir bis heute.

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Kristin Haug, Verena Töpper

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Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 256
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Preisabfragezeitpunkt

08.02.2023 07.32 Uhr

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In den Anfangsjahren wohnte ich in Wohngemeinschaften, zeitweilig war ich sogar als Couchsurfer unterwegs, um Geld zu sparen. Meine Werkstatt baute ich in einer Garage auf, fünf Minuten vom Strand entfernt. Ein Freund aus Homberg war bei seinem Besuch völlig entsetzt: Das sehe ja aus wie ein Erdloch.

Tatsächlich lagen Welten zwischen meinem alten Leben in Hessen und dem neuen in Australien. In Homberg war ich mit dem BMW zur Meisterschule gefahren, in Sydney war ich froh, ein zehn Jahre altes Schrottauto zu ergattern. Aber sparsam zu leben, machte mir nichts aus. Im Gegenteil: Es hat mir geholfen, mich zu integrieren. In den WGs lernte ich so viele verschiedene Menschen und damit so viele verschiedene Perspektiven kennen. Noch heute bin ich davon überzeugt: In jungen Jahren wenig Geld zu haben, hat auch was Gutes. Wer lernt, mit wenig über die Runden zu kommen, entwickelt sich persönlich enorm weiter.

Das Schöne an meinem Beruf: Man kann die Erfolge spüren

Mir wurde in dieser Zeit klar: Wenn ich in Australien beruflich vorankommen will, muss ich erst mal eine Akzeptanz für meine Branche schaffen. Es gab zwar eine Handvoll Orthopädieschuhmacher in Australien, aber der Beruf war kaum anerkannt. Die Zusammenarbeit mit Krankenkassen oder Ärzten gestaltete sich schwierig, und als Kunden kamen nur die komplizierten Fälle, etwa Menschen, denen schon ein Fuß teilamputiert worden war. Dabei können vernünftige Schuhe vor allem bei Diabetikern das Risiko für Fußamputationen mindern. Aber welcher Arzt will schon einen Patienten zu jemandem schicken, den er gar nicht kennt?

Das Vertrauen der Ärzte und Patienten, aber auch das meiner Kollegen, musste ich mir erst erarbeiten. Das Schöne an meinem Beruf ist allerdings: Man kann die Erfolge der Arbeit spüren. Wer zufrieden ist mit seiner Einlage, kommt wieder und erzählt es anderen weiter.

Einer meiner treuesten Kunden ist der Schauspieler Russell Crowe. Eine Filmproduktionsfirma hatte für ihn bei mir Schuhe bestellt, die er bei einem Dreh tragen sollte. Und offenbar hat ihm meine Arbeit gefallen. Er ist jetzt schon seit 15 Jahren mein Kunde und kauft sogar bei meinem Bruder Markus in Homberg seine maßgefertigten Flipflops – mit in die Sohle integrierter Einlage.

Orthopädische Flipflops als Geschäftsidee

Als mein kleiner Bruder verkündet hatte, den Laden meiner Eltern zu übernehmen, war mir ein Stein vom Herzen gefallen. Zu dem Zeitpunkt, als mein Vater die Firma abgeben wollte, war ich schon fest in Sydney verwurzelt. Ich wollte nicht mehr zurück. Aber das Familienunternehmen zu Grabe zu tragen, das wäre mir auch schwergefallen.

Und dann kam mein Bruder während eines Besuchs bei mir auf die Idee mit den orthopädischen Flipflops. Damals war ein Profisurfer mit Fußproblemen in mein Geschäft gekommen. Ich hatte ihm Einlagen verkaufen wollen, aber er wusste nicht, was er damit machen sollte. Als Surfer trug er ja so gut wie nie feste Schuhe.

Mein kleiner Bruder und ich fingen an zu basteln und das Ergebnis war so überzeugend, dass Markus in Homberg mittlerweile 25 Mitarbeiter beschäftigt, die für Leute aus aller Welt orthopädische Flipflops fertigen . Ich selbst verkaufe allerdings eher wenige davon. Ich bin kein guter Vermarkter, eher der Typ Berufspolitiker.

Der Curl Curl Beach ist nur wenige Gehminuten von Karl-Heinz Schotts Werkstatt entfernt.

Der Curl Curl Beach ist nur wenige Gehminuten von Karl-Heinz Schotts Werkstatt entfernt.

Foto: Cameron Spencer / AsiaPac / Getty Images

Drei Jahre lang war ich Präsident des Internationalen Verbandes der Orthopädieschuhmacher und als dieser auch Abgesandter bei der Weltgesundheitsorganisation. Ich habe dafür gekämpft, dass es für Orthopädieschuhmacher in Australien nun feste Qualifikationsanforderungen gibt und habe zusammen mit der Southern Cross University (SCU) sogar einen eigenen Bachelorstudiengang für unseren Nachwuchs geschaffen. Den Fachinhalt des Studiengangs habe ich selbst geschrieben. Ich unterrichte jetzt nebenberuflich als Hochschullehrer, habe an mehreren wissenschaftlichen Publikationen mitgeschrieben und arbeite in der Forschung mit. Das wäre in Deutschland wohl undenkbar – da würde ich höchstens die Einlagen für die Studien zuliefern.

Auch im Alltag habe ich mittlerweile viel mehr Gestaltungsraum als meine Kollegen in Deutschland: Mediziner schicken mir ihre Patienten, und ich entscheide nach einer Fußuntersuchung selbst, wie wem am besten geholfen werden kann.

»Wenn man etwas verändern will, braucht man Geduld«

Karl-Heinz Schott

Finanziell stehe ich jetzt wahrscheinlich auch nicht schlechter da, als wenn ich in Homberg geblieben wäre. Südlich von Sydney besitze ich eine Macadamia-Farm, die ich verpachtet habe. Nur wenige wissen, dass Macadamianüsse ursprünglich aus dieser Gegend kommen. Das war mir wichtig, ich möchte nichts anbauen, was eigentlich gar nicht hierher gehört.

Auf meiner Farm streiche ich gern zwischen den Bäumen umher. Meine Familie in Hessen hatte auch Landwirtschaft, das hatte mir in Australien gefehlt. Ich träume von einem Biobetrieb, aber bislang ist der Nachbar, dem ich das Land verpachtet habe, noch nicht überzeugt vom Bio-Anbau. Aber das kenne ich ja: Wenn man etwas verändern will, braucht man Geduld und muss behutsam vorgehen.

Bis zum offiziellen Rentenalter von 67 Jahren will ich eigentlich nicht mehr arbeiten, ich schaue mich schon nach möglichen Nachfolgern für mein Geschäft um und habe eine Wohnung an der Gold Coast gekauft, da wollen meine Frau und ich hinziehen, wenn wir in Rente gehen.

Ich könnte mir auch gut vorstellen, mal wieder längere Zeit in Deutschland zu verbringen. Als ich das letzte Mal in Homberg auf dem Marktplatz gesessen habe, war ich ganz verzaubert. Da hatte ich genau dieses magische Gefühl, das ich vor 35 Jahren hatte, als ich zum ersten Mal in Sydney am Curl Curl Beach war. Aber ganz zurückziehen nach Deutschland werde ich sicher nicht. Meine Heimat ist jetzt hier.«

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