Tag des Zeitungsausträgers "Ich habe ein breites Kreuz"

200 Zeitungen, vier Stunden, 30 Euro: So sehen die Abende des Berliner Zeitungsverkäufers Olaf Forner seit Jahren aus. Zum "International Newspaper Carrier Day" erzählt er von seiner Arbeit - und warum er gerngesehener Gast in Redaktionskonferenzen ist.

Olaf Forner: In Berlin unterwegs mit 60 Kilo Papier

Olaf Forner: In Berlin unterwegs mit 60 Kilo Papier


"Gestern Abend habe ich 20-mal die 'taz', zwölf 'Tagesspiegel', siebenmal die 'Zeit', dreimal den 'Freitag' und je einmal 'Das Magazin', die 'Jungle World', 'Titanic' und 'Eulenspiegel' verkauft. Und zehn Exemplare vom Stadtmagazin 'Zitty'. Wenn ich losfahre, habe ich 150 bis 200 Stück auf dem Fahrrad, verstaut in zwei großen, wasserfesten Gepäcktaschen. Das sind bis zu 60 Kilo, aber das macht mir nichts, ich habe ein breites Kreuz.

Zeitungen waren schon immer mein Ding. Schon als Kind, so mit acht oder neun Jahren, habe ich mir in der Pause nie was Süßes gekauft, sondern Zeitungen, die 'Berliner Zeitung' oder das 'Sportecho'. Ich habe in der DDR noch Elektriker gelernt, nach der Wende war ich Taxifahrer, vor 16 Jahren habe ich als Zeitungsausträger angefangen.

Jeden Abend von Dienstag bis Freitag bin ich unterwegs, von halb neun bis halb eins. In der Zeit verkaufe ich bis zu 120 Zeitungen, damit komme ich auf 25 bis 30 Euro. Zwischen 20 und 85 Prozent des Geldes kann ich behalten, bei der 'Berliner Zeitung' allerdings nur einen Groschen. Es sind etwa noch 70 andere Austräger in der Stadt unterwegs. Aber Konkurrenz habe ich nicht: In meinem Gebiet gib es nur noch einen, und der verkauft Boulevardzeitungen. Ich habe eben Titel, die alle anderen nicht haben, '11 Freunde', das 'Missy Magazine' oder das Kindercomicheft 'Mosaik'.

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Alleine konnte ich immer gut davon leben, aber eine Familie damit zu ernähren, ist schwierig. Deshalb habe ich seit anderthalb Jahren noch einen Vollzeitjob: Tagsüber bin ich Assistent bei den ambulanten Diensten, betreue Menschen mit Körperbehinderung.

Jede verkaufte Zeitung ist auch eine Belohnung dafür, dass ich authentisch bin. Von mir bekommen die Leute auch Hintergrundwissen, ich erkläre ihnen die Zeitung, erzähle etwa, wer Jakob Augstein ist, wann er den 'Freitag' übernommen hat und was sich seither geändert hat. Und wenn jemand erklärt: Die 'taz' lese ich nicht, dem schlage ich einfach vor: Schau sie dir doch mal wieder an. Ich informiere mich natürlich auch immer, höre viel Deutschlandradio Kultur. Und wenn ich abends die Zeitungen abgeholt habe, lese ich sie druckfrisch gleich in der U-Bahn. Mein Verkaufsgebiet hier in Berlin ist Prenzlauer Berg, vom Kollwitzplatz und dem Bötzowviertel bis zur Schönhauser Allee, ich habe ein Netz von etwa 70 Kneipen und Restaurants.

Weltoffene Kundschaft mit Geld

Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich vor 16 Jahren hier meine erste Tour machte. Damals noch für eine Vertriebsfirma, ich verkaufte Titel für den Axel Springer Verlag und den Berliner Verlag. Vor acht Jahren bin ich ausgestiegen und habe mich selbständig gemacht. Sie zahlten immer weniger, und Springer-Zeitungen wollte ich, ehrlich gesagt, auch nicht mehr verkaufen.

Seit anderthalb Jahren wohne ich auch hier im Bezirk. Die erste Station meiner Tour, wenn ich die ganzen Zeitungen abgeholt habe, ist gleich die Kneipe im Nachbarhaus. Das Tolle am Prenzlauer Berg: Dort finde ich eine Kundschaft, die Geld hat und relativ weltoffen ist, man kann die ansprechen. In Mitte geht das nicht. In Mitte sind Leute, damit am nächsten Tag ein Foto von ihnen in der Zeitung ist - in Prenzlauer Berg sind sie, damit kein Foto von ihnen in der Presse ist.

Immer wieder schaue ich auch in den Redaktionen der Zeitungen vorbei, setze mich in die Konferenzen. Ich bin die Stimme von draußen, die Redakteure wollen schließlich wissen: Was denkt eigentlich mein Publikum? Während der Olympischen Spiele war ich mal wieder bei der 'taz' in einer Morgenkonferenz, es ging um die deutschen Reiter, da sagte ich: Leute, diese Pferdegeschichten interessieren keinen, bitte macht das nicht, schon gar nicht auf die Seite eins! Na und was war? Sie haben's dann doch gemacht, auf der Titelseite, keiner hat auf mich gehört.

Sehnsucht nach Nachrichten

Ich merke bei meinem Job: Es gibt eine Sehnsucht nach Nachrichten, das wird sich auch nicht ändern. Und ich denke auch nicht, dass die Zeitung ausstirbt. Es ist einfach etwas Emotionales, dieses Papier in der Hand zu haben. Das ist der Gegenwert für das, was man bezahlt - bei einer virtuellen Nachricht hat man das eben nicht. Deswegen tut es mir auch echt weh, wie Zeitungsverlage Abos verschleudern, so nach dem Motto: Es ist umsonst, und eine Kinokarte gibt's noch obendrauf. Als wäre die Zeitung nichts wert.

Es stimmt schon, die Leute kaufen weniger Zeitungen als noch vor ein paar Jahren, bei mir ist vor allem der 'Tagesspiegel'-Verkauf in den letzten Jahren eingebrochen: Früher habe ich 40 bis 60 am Abend verkauft, heute sind es noch zwischen 15 und 40.

Es gibt keinen tolleren Job, um mit anderen über ernsthafte Themen ins Gespräch zu kommen. Wer kann schon von sich behaupten, berühmte Musiker oder Politiker bei der Arbeit zu treffen, mal eine halbe Stunde mit dem Handballer Stefan Kretzschmar zu quatschen, mit Giovanni di Lorenzo oder Kurt Krömer.

Weggescheucht wie ein Bettler

Das Schlimmste sind Leute, die eine Handbewegung machen, als würden sie einen wegscheuchen. Als wäre man ein Bettler. Diese elitäre Haltung hat zugenommen. Aber ich habe auch viele Stammkunden, die treffe ich jeden Abend woanders. Manche Männer kriege ich mit simplen Statistiken: Ich sage dann, Studien haben gezeigt, dass Frauen gebildete Männer wollen - und Zeitunglesen bildet eben.

Ich selbst komme aus einer Handwerkerfamilie. Mir hat sich über die Zeitungen eine intellektuelle Welt erschlossen. Als ich meine erste 'Monde Diplomatique' gelesen habe, dachte ich noch: Was'n ditte, ich versteh' kein Wort!

Nur eines ist schlecht fürs Geschäft: Wetterwechsel. Da bleibt der Berliner zu Hause. Ich selbst bin gegen Regen und Kälte nach all den Jahren resistent. Eine Grippeattacke dauert bei mir maximal 24 Stunden."

Mehr Informationen zum International Newspaper Carrier Day gibt es hier.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
bau-mann 13.10.2012
1. Meine Hochachtung
Vor Menschen die nicht nur ihren Beruf so lieben und leben sondern auch ihr Produkt mit Begeisterung an den Mann bringen können .... Da können sich Dienstleister aller Couleur mal eine Scheibe abschneiden !
MoorGraf 13.10.2012
2. Trinkgeld?
ich wuensch ihm, dass, die es sich leisten koennen, ihm ein bisschen ueber die knapp 5 Euro Stundenlohn helfen! und Respekt fuer ihn hab ich sowieso!
vitalik 13.10.2012
3. Umwelt
Ich bin bei weitem kein Öko oder ein Grüner aber, was die Leute Tag täglich in die Briefkästen schmeissen ist nicht normal. Ich will nicht alle 2 Tage Werbung vom Netto, Aldi, Penny und Co, genauso will ich keine kostenlose Wochenzeitung. Wenn ich mir nur ankucke, welche Papiermengen das sind.
barmbek1 13.10.2012
4. Respekt!
Von diesem Zeitungsverkäufer können sich die Unternehmensberater aus dem vorangegangenem Artikel mal eine Scheibe abschneiden. Er ist schlau und arbeitet auch noch für sein Geld. Weiterhin viel Glück und Erfolg!
schnitteuk 13.10.2012
5.
Zitat von vitalikIch bin bei weitem kein Öko oder ein Grüner aber, was die Leute Tag täglich in die Briefkästen schmeissen ist nicht normal. Ich will nicht alle 2 Tage Werbung vom Netto, Aldi, Penny und Co, genauso will ich keine kostenlose Wochenzeitung. Wenn ich mir nur ankucke, welche Papiermengen das sind.
Und was hat das mit dem Artikel zu tun? Der Mann verteilt keine kostenlosen Werbeblättchen - er verkauft Zeitungen an Menschen, die dafür bezahlen.
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