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Homeoffice in der Südsee »Wie sollen wir uns je wieder in Deutschland einleben?«

Es sollte nur ein Zwischenstopp sein, bis Australien die Grenzen öffnet. Doch für eine SPIEGEL-Redakteurin wurden aus ein paar Wochen Tahiti acht Monate. Wie es ist, remote auf einer Südseeinsel zu arbeiten.
Charlene Optensteinen arbeitete für den SPIEGEL von Tahiti aus

Charlene Optensteinen arbeitete für den SPIEGEL von Tahiti aus

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privat

Damit die neuesten Nachrichten auch über Nacht auf SPIEGEL.de zu lesen sind, schickt der SPIEGEL seit 2014 Redakteure nach Australien. Mit der Zeitverschiebung arbeiten sie so am Tag, während die Kollegen in Deutschland schlafen. Mit der Hilfe von Nachrichtenagenturen aus aller Welt schreiben sie aktuelle Meldungen, sie redigieren Artikel von Korrespondenten, sorgen dafür, dass die Rezensionen zu Talkshows schnell erscheinen, und gestalten die Homepage – bis um 6 Uhr deutscher Zeit der Chef oder die Chefin vom Dienst in Hamburg übernimmt. Charlene Optensteinen sollte im April 2020 eine Elternzeitvertretung in Australien übernehmen. Doch wegen der Pandemie wurden keine Arbeitsvisa mehr genehmigt. So bekam der SPIEGEL die erste Redaktionsvertretung auf Tahiti.

Es war Mitte März 2020, und alles war im Zeitplan: Das Visum war in der Genehmigungsphase, die Wohnung in Deutschland untervermietet, die Koffer so gut wie gepackt. Anfang April sollte ich für den SPIEGEL für ein Jahr nach Australien gehen, mein Freund hatte seine Stelle als Unternehmensberater gekündigt, um mich zu begleiten. Voller Vorfreude schmiedeten wir Pläne. Dann kam Corona. Plötzlich rückte die Aussicht auf die Bewilligung des Visums in weite Ferne.

Zunächst war die Hoffnung noch groß, dass sich alles nur etwas verzögern sollte. Doch mit den verstreichenden Wochen verging auch der Optimismus. Eine große Auswahl an Alternativen zu Australien gab es nicht. Schließlich musste unser Ziel auf der anderen Erdhalbkugel liegen, damit die Arbeitszeit am Tag in die Nacht in Deutschland fällt. Neuseeland verhängte ähnlich strenge Einreiseregeln wie Australien, auch Länder in Asien machten die Grenzen dicht.

Dann fiel einem Kollegen eine Gruppe aus Inseln, Atollen und Archipelen im südlichen Pazifik ein: Französisch-Polynesien. Das Land ist französisches Überseegebiet, also eine ehemalige französische Kolonie. EU-Bürger müssen kein Visum beantragen, die Erlaubnis für den Aufenthalt ist unbegrenzt. Und die Zeitverschiebung beträgt elf Stunden beziehungsweise zwölf zur deutschen Sommerzeit, eine optimale Zwischenlösung für unser Vorhaben.

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Sonne, Strand und Job

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Ich rief ein Reisebüro an, fragte nach, ob tatsächlich noch Touristen in das Land reisen könnten. Die Antwort: Ja. Ich fragte Freunde, die das Land schon bereist hatten, ob die Internetverbindung auf den Südseeinseln so stabil ist, dass sie auch zum Remote-Arbeiten geeignet ist. Die Antwort: auf der größten und bevölkerungsreichsten Insel Tahiti sicherlich.

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht viel über Französisch-Polynesien. Ich dachte an die vor allem bei US-Amerikanern beliebte Insel Bora Bora, an Südseeperlen, Hulatänze, Blumenketten und den Disney-Film »Vaiana«. Viel Vorbereitungszeit blieb nicht: Wir mussten schnell handeln, da die Corona-Infektionszahlen mit der Zeit wieder anzusteigen und die Grenzen zu schließen drohten.

Der Abflug von Paris wenige Tage später war schnell gebucht. Es war ein mulmiges Gefühl, sich mitten in der Pandemie von Familie und Freunden ins Ungewisse zu verabschieden. Im Flugzeug war das Tragen einer chirurgischen Maske Pflicht. In der Maschine saßen mehr Menschen, als ich erwartet hatte, aber es war noch so viel Platz, dass zwischen Passagieren, die nicht zu einem Haushalt gehörten, mindestens ein Platz frei blieb. Einen Zwischenstopp nach etwa der Hälfte der Flugzeit machten wir in Vancouver. Die Route führt normalerweise über Las Vegas, doch wegen der Pandemie war ein Transit dort nicht möglich.

Sie träumen vom Arbeiten in der Ferne?

Für das Buch »Mittagspause auf dem Mekong«  haben die SPIEGEL-Redakteurinnen Kristin Haug und Verena Töpper mit Menschen gesprochen, die ihr Büro auf ein Segelboot im Mittelmeer verlegt haben, nach Sizilien oder Bali. Wer nun selbst die Koffer packen will, findet darin zahlreiche Tipps für den eigenen Neustart in der Ferne – oder im mobilen Homeoffice.

Nach insgesamt 30 Stunden Anreise dann der atemberaubende Anblick: Grün in allen Farbabstufungen. Die Silhouette des Berges Mount Aorai krönt Tahiti wie ein Diadem. Der Blick führt über die türkisblaue Lagune, die sich entlang der Küste erstreckt. Das seichte Wasser ist dort sehr klar, schon von Weitem kann man die Korallenformationen erkennen, die den Lebensraum für viele Fischarten bilden. Die Wellen brechen weit draußen im Meer, sobald sie auf die ersten Korallen des Riffs treffen. Der Ozean dahinter ist bis zu 2000 Meter tief.

Tahiti ist die größte Insel in Französisch-Polynesien. Für viele Touristen ist sie nur ein Zwischenstopp auf der Reise nach Bora Bora oder auf die Südseeatolle Fakarava und Rangiroa. Doch sucht man die perfekte Kombination zwischen Natur und Infrastruktur als digitaler Nomade, ist man hier genau richtig. Die Hauptstadt Papeete hat alles von Restaurants, Bars, Cafés und kleinen Läden bis hin zu Co-Working-Spaces. Gleichzeitig bietet die Insel naturbelassene Regenwälder und Wasserfälle, Korallenriffe und optimale Surfwellen. Zudem ist die wunderschöne Insel Moorea mit ihren weißen Stränden und kleinen Riffinseln, sogenannten Motus, nur eine 40-minütige Fährfahrt entfernt.

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Kristin Haug, Verena Töpper

Mittagspause auf dem Mekong

Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 256
Für 14,00 € kaufen
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Die ersten Tage verbrachten wir mehr oder weniger damit, einen Jetlag auszukurieren, den wir bis dahin so noch nicht erlebt hatten. Mehrere Tage lang fühlten wir uns schon um 18 Uhr so müde, dass wir uns kaum wachhalten konnten. Trotz Schläfrigkeit versuchten wir dennoch, ein paar Ausflüge zu machen und die Insel etwas zu erkunden. Leider führte unser Zustand auch dazu, dass mein Freund sein Handy versehentlich auf einen Tauchgang auf 20 Meter Tiefe mitnahm. In Tahitis Hauptstadt Papeete konnten wir aber problemlos ein Ersatzgerät kaufen, wenn auch zu deutlich höheren Preisen, als wir es aus Deutschland gewohnt sind.

Die Orientierung auf der Insel ist erstaunlich einfach: Es gibt nur eine große Straße – und die führt einmal fast um die ganze Insel herum. Anstelle von Hausnummern wird angegeben, auf dem wievielten Kilometer man von der Hauptstadt aus gerechnet wohnt. Wir zogen schließlich nach Punaauia, ein Ort im Westen der Insel. Von dort aus hat man einen unvergleichlichen Blick auf Moorea.

Ein Brunch dauert bis in den späten Abend

Nach ein paar freundlichen Gesprächen wurden mein Freund und ich von unseren Vermietern schon zum Feiern eingeladen. Und eine Verabredung zum Brunch ist auf Tahiti nicht, wie von uns zunächst vermutet, nach ein paar Stunden vorüber. Nein, das Zusammensein wird stets bis zum späten Abend ausgedehnt. Kaum etwas ist den Menschen in Französisch-Polynesien wichtiger als die Familie – und unsere Vermieterin behandelte uns, als wären wir ihre Kinder. Sie nahm uns mit zu Konzerten, Restaurantbesuchen oder Wanderungen in der Umgebung, lud uns immer ein, wenn es etwas zu feiern gab. Dabei wurde stets ausgelassen gesungen und getanzt. Wir mussten natürlich mitmachen und bekamen kurzerhand die wichtigsten Bewegungen beigebracht.

Neben einer Menge Punsch gibt es bei solchen Feiern immer auch das Nationalgericht »Poisson cru«. Die Standardvariante ist roher, mit etwas Limette marinierter Thunfisch in Kokosmilch. Verschiedene Gemüsesorten, wie zum Beispiel Tomaten, Gurken, Karotten, Sellerie und Frühlingszwiebeln, werden daruntergemischt. Und für zu Hause gibt es nach einer Feier stets noch Reste vom Buffet – und meist auch Früchte oder Gemüse aus dem Garten des Gastgebers. Wir machten uns deshalb oft bepackt mit Papayas, Mangos, Avocados oder der in Französisch-Polynesien weit verbreiteten Brotfrucht auf den kurzen Heimweg.

Barfuß im Supermarkt

Die Jahresdurchschnittstemperatur auf Tahiti liegt bei 26 Grad. Die Male, an denen mir kalt war und ich eine Jacke angezogen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Meist war das bei Touren ins Inselinnere. Durch die vielen Wolken, die sich an den Bergen entleeren, ist es dort häufig sehr nass und matschig.

In Französisch-Polynesien ist barfuß ein völlig legitimer Dresscode, auch im Supermarkt. Nach einem langen Arbeitstag tragen die Polynesier gern Tücher als Wickelröcke, sogenannte Pareus. Das in anderen Ländern auch als Pareo bekannte Kleidungsstück wird vielseitig eingesetzt – ob als Überwurf am Strand oder als Outfit für den traditionellen Tanz. Ein Pareu ist für die Polynesier zudem wie eine Jogginghose, vor allem für Männer.

Die Einstellung zum Thema Leben und Arbeit ist für viele Polynesier ziemlich eindeutig: Der Arbeitsbeginn ist für die meisten sehr früh am Morgen – der Nachmittag und der frühe Abend sind frei. Bereits der Donnerstagabend wird so angegangen, als wäre der folgende Tag kein Werktag mehr. Wer ein Boot besitzt, macht sich inklusive Grill und gekühltem Bier schon mal auf den Weg zur nächsten Sandbank. Vor allem freitagmittags kam es hin und wieder vor, dass meine telefonische Übergabe an die Kollegen in Hamburg musikalisch mit Ukuleleklängen und Gesang aus der Nachbarschaft untermalt wurde.

Traditionen sind den Einwohnern wichtig, sie werden auch in der Schule unterrichtet. Durch die Christianisierung und das Verbot der tahitianischen Kultur Ende des 18. Jahrhunderts entdecken die Menschen sie erst seit wenigen Generationen wieder. Alles, was nicht trotz des Verbots irgendwie überliefert wurde, ist für immer verloren gegangen.

Die Amtssprache ist Französisch – und es ist für Besucher durchaus von Vorteil, die Sprache zu sprechen. Englisch ist nicht besonders verbreitet. Dafür sprechen viele Menschen außerdem Tahitianisch, die sogenannte Reo Mā'ohi – eine vor allem bildhafte und ausdrucksstarke Sprache. Bei Interesse erklären die Polynesier auch gern Begriffe – was auch zu lustigen Gesprächen führen kann: So heißt Käse »pata-pa'ari«, was übersetzt »Butter« und »hart« bedeutet. Zudem wurde uns erzählt, dass Speiseeis auf Tahitianisch »Pape pa'ari to'eto'e monamona« ist. Die Übersetzung für die einzelnen Wörter ist »Wasser«, »hart«, »kalt« und »süß«. Laptop heißt »Mātini roro uira afa'i fa'i«. Die Wörter beschreiben in etwa »Maschine«, »Gehirn«, »Elektrizität« und »mitnehmen«.

Preis einer Tiefkühlpizza: sechs bis acht Euro

Durch die Lage mitten im Pazifik ist es nicht überraschend, dass alles, was vom Festland geliefert werden muss, sehr lange unterwegs ist – und auch entsprechend teuer. Alles, was nicht auf den Bäumen wächst oder im Meer gefangen werden kann, kostet verhältnismäßig viel. Der Preis einer Tiefkühlpizza liegt beispielsweise bei sechs bis acht Euro.

Auch die medizinische Versorgung gestaltet sich durch Distanzen schwierig. Zwar ist das Gesundheitssystem sehr gut, doch es gibt nur ein einziges Krankenhaus, und das befindet sich auf Tahiti. Das gesamte Land verfügt nur über eine einzige Intensivstation. Deshalb stellte Corona Französisch-Polynesien vor eine Herausforderung. Im April 2020 wurden die Grenzen für Touristen geschlossen, Ende Oktober wurde eine Ausgangssperre verhängt, zunächst galt sie zwischen 21 und 4 Uhr, später wurde sie auf 22 Uhr gelockert.

Die Infektionszahlen stiegen im Oktober und November sehr stark. Doch anstatt wie in Deutschland Klopapier zu horten, machten sich die Menschen auf der Insel eher Sorgen um mögliche Restriktionen für alkoholische Getränke. In Französisch-Polynesien ist der Verkauf an Wochenenden ohnehin schon zeitlich begrenzt. In der Pandemie stand zwischenzeitlich zur Debatte, bei weiter steigenden Infektionszahlen den Verkauf alkoholischer Getränke komplett zu verbieten. Zu diesem Schritt kam es aber letztlich nicht. Seit Ende des vergangenen Jahres geht die Anzahl die Neuinfektionen nach und nach zurück. Mittlerweile sind sie an den meisten Tagen einstellig, die Sieben-Tage-Inzidenz auf zehn gesunken. Im Februar 2021 wurden die Grenzen für Touristen ein zweites Mal geschlossen. Derzeit dürfen nur US-Bürger unter Auflagen einreisen, und niemand weiß, wann das Land wieder komplett für den Tourismus öffnen wird.

Wir hatten uns auf Australien gefreut, stattdessen aber ein Inselleben bekommen, das wir um nichts in der Welt hätten verpassen wollen. Nach acht Monaten sind wir nicht nur um viele Freundschaften reicher, wir kennen nun auch gefühlt Dutzende Arten der Brotfrucht-Zubereitung (die übrigens je nach Reifegrad eher wie eine Frucht oder ein Gemüse schmeckt), wir wissen, wie man Kokosnüsse öffnet und Hüte aus Palmblättern flechtet. Wir haben Tanzunterricht bekommen, polynesische Lieder gesungen und die entsprechenden Akkorde dazu auf der Ukulele gelernt. Mein Freund hat seine Ausbildung zum Tauchlehrer abgeschlossen. Nach dieser intensiven Zeit ist Tahiti für uns ein zweites Zuhause geworden. Wir wissen noch nicht so recht, wie wir uns je wieder in Deutschland einleben sollen.