Wenn Kristina Drews von ihren Mittagspausen erzählt, reagiert manch einer irritiert. "Und ihr tanzt da wirklich?" Seit die Otto Group für ihre 5000 Mitarbeiter in Hamburg sogenannte kreative Programme zur Mittagszeit anbietet, zappeln rund 200 regelmäßig beim "Lunch Beat" ab.
"Wir haben uns um zwölf Uhr mittags in einem abgedunkelten Loft auf dem Gelände getroffen, es herrschte echte Klub-Atmosphäre", beschreibt die 36-Jährige ihren ersten Besuch. An der Decke hing eine Discokugel, es gab eine Kleinigkeit zu essen und DJ Udo legte auf. "Alle haben getanzt, Hierarchien waren egal. Du lernst die Kollegen auf einmal ganz anders kennen."
Einmal im Monat gibt es bei Otto Tanz statt Kantinenessen, außerdem Konzerte, philosophische Vorträge und Poetry Slams. Dabei ist das Unternehmen längst nicht das einzige, das die Mittagspause mit Kultur, Sport oder Vorträgen füllt: Ob Adidas, Beiersdorf, BMW, Unilever oder Novartis - sie alle wollen mit ähnlichen Programmen die Kollegen fit und leistungsfähig für den Nachmittag machen.
Beim Hamburger Konzern Beiersdorf gibt es wöchentliche Kurse für Rücken, Nacken und Schulter, es gibt Entspannungszirkel mit Igelball-Massage sowie Traum- und Fantasiereisen.
Bei BMW in München lädt man zum Rücken-Lunch im Besprechungsraum, der Pharmakonzern Novartis gibt den Mitarbeitern die Möglichkeit, mit einem Kollegen zu trainieren, der den Ironman-Wettbewerb auf Hawaii besuchte. Die Kollegen essen beim internationalen Stammtisch, plaudern dort auf Spanisch oder Französisch, sie besuchen am Mittag einen Vortrag über die Pubertät oder einen über das Alter.
"Als hätte jemand deinen Resetknopf gedrückt"
Dass bei Adidas in Herzogenaurach vor allem Sport auf dem Plan steht, wundert kaum: Es wird trainiert, was das Zeug hält. Auf Sportplätzen, in Fitnessräumen oder im hauseigenen Stadion. Jeder der 6000 Mitarbeiter habe ein generelles Interesse an Sport und sportlichem Lifestyle, heißt es offiziell. So gibt es kaum eine Sportart, die mittags nicht abgedeckt ist: Badminton, Schwimmen, Yoga, Crossfit oder Laufen. Flexible Arbeitszeiten machen es möglich, sich auch mal zwei Stunden vom Schreibtisch zu entfernen.
"Für mich ist es praktisch, weil ich Sport in meine Mittagspause integrieren kann", sagt Ina Stegmann. Die 28-jährige Mitarbeiterin aus der Marketingabteilung trainiert im Sommer am liebsten im Stadion, im Winter an den Geräten. "Morgens setzt du dich frisch an den Schreibtisch, mittags hast du das erste Tief. Aber wenn du Sport machst, ist es, als hätte jemand deinen Resetknopf gedrückt."
Otto-Mitarbeiterin Kristina Drews denkt ähnlich: "Wenn du dich eine Stunde bewegst, hast du das Gefühl, ein Kurzwochenende hinter dir zu haben. Du hast den Kopf wieder frei."
Tim Hagemann vom Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin sagt, dass eine Mittagspause auch wirklich eine Auszeit sein sollte: "Alles, was dazu führt, Stresshormone abzubauen und mir hilft, meine Gedanken zu lösen, ist grundsätzlich positiv." Dazu könne aber auch schon ein bisschen Bewegung beitragen, wie ein kleiner Spaziergang.
Die Mittagsangebote der Konzerne findet er nicht durchweg gut. Sie sollten unbedingt freiwillig und amüsant sein, so Hagemann: "Einen Fachvortrag sehe ich da kritischer." Wer ganz normal in die Kantine möchte, dürfe zudem nicht schief angeschaut werden. Gruppenzwang könne sich nachteilig auswirken. Aus einer alternativen Pause entstehe so ein weiterer Stressherd.
Manchmal erledigen sich Programme zur Mittagszeit aber auch von selbst, wie die Werbeagentur Scholz & Friends erfahren musste. Die Abteilung Kulturmanagement hatte sich ein "Mittagsbingo" ausgedacht: Fremde Kollegen sollten sich über eine Website zum Essen verabreden. Das Los entschied, man erfuhr erst 30 Minuten vor der Pause, mit wem man in die Kantine geht.
Nach einem Jahr stand fest, dass die Aktion gescheitert war. Immer weniger ließen sich auf ein Überraschungsdate ein. Die Mitarbeiter wollten wieder ganz normal in der Kantine essen gehen - und zwar mit vertrauten Kollegen.
KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Kasten arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.
SPIEGEL+-Zugang wird gerade auf einem anderen Gerät genutzt
SPIEGEL+ kann nur auf einem Gerät zur selben Zeit genutzt werden.
Klicken Sie auf den Button, spielen wir den Hinweis auf dem anderen Gerät aus und Sie können SPIEGEL+ weiter nutzen.
Bewegungsdrang statt Völlegefühl: Bei Otto zappeln rund 200 Mitarbeiter regelmäßig beim "Lunch Beat" ab. So wie die Hamburger bieten immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern in der Mittagspause Kultur, Sport oder Vorträge.
Und alle so Yeah: In einem abgedunkelten Loft auf dem Otto-Betriebsgelände bittet DJ Udo mittags zum Tanz.
Dehnen, strecken, wetzen: Bei Adidas wird - wie sollte es anders sein - in der Pause Sport getrieben. Die 28-jährige Marketingmitarbeiterin Ina Stegmann trainiert im Sommer im Stadion, im Winter an den Geräten.
Hilfsmittel erlaubt: "Wenn du Sport machst, ist es, als hätte jemand deinen Resetknopf gedrückt", sagt Stegmann.
It's Oh So Quiet: Das Almani am Rande der Osnabrücker Altstadt. Schön hier, und provinziell. Daniel Klusmann und Restaurantwirt Marinos Ioannidis wollen hier den Osnabrückern einen Trend nahebringen, der aus Schweden in deutsche Großstädte geschwappt ist: Lunch Beat, eine einstündige Party in der Mittagspause. mehr .
Leader of the Pack: Organisator Klusmann (links) und Wirt Ioannidis. Noch sind sie gut gelaunt, nach der Party aber werden sie leicht enttäuscht sein. Zu wenige Gäste sind gekommen, nur 40.
Die heiße Schlacht am kalten Büffet: Beim Lunch Beat bleibt die Küche kalt, im Almani ist es trotzdem sehr lecker. Und das für sechs Euro Eintritt. Eigentlich ist das Essen nur Begleitprogramm. Doch beim zweiten Osnabrücker Lunch Beat steht es zunächst im Vordergrund.
We Are Dancers: Katharina Opladen (links) und Daniela Barlag arbeiten im Kulturamt der Stadt Osnabrück. Sie haben über Facebook vom Lunch Beat erfahren.
Canned Heat: Zum gleichnamigen Song von Jamiroquai gehen die ersten Gäste auf die Tanzfläche. Lunch Beat heißt eigentlich eine Stunde Tanzen am hellichten Tag - ohne Alkohol und ohne Aufwärmphase.
Shake Shake Shake Your Booty: Schließlich legen die Osnabrücker doch los. Merke: Wenn der Kollege nach der Mittagspause verschwitzt ins Büro kommt, könnte er beim Lunch Beat gewesen sein.
Save the Best for Last: Im letzten Partydrittel steigt die Stimmung, auf der Tanzfläche sind lauter ausgelassene Gäste.
And the Beat Goes On: In Stockholm gibt es Lunch Beat seit rund zwei Jahren. Was mit 14 Stockholmer Partygängern begann, hat sich zu deutlich größeren Events ausgewachsen.
Get the Party Started: "After Work Club" war gestern, in Stockholm legen Büromenschen viel früher los - mittags schon. Aus dem Mittagspausen-Event einiger vergnügungssüchtiger Pioniere ist eine kleine Partybewegung gewachsen. mehr...
Come on, Party People! Viel Zeit lassen kann man sich nicht, um in Wallung zu kommen. Nach einer Stunde ist der Spaß vorbei. So sieht es das Lunch-Beat-Manifest vor.
Dance with Somebody: Die wichtigsten der zehn Gebote stehen gleich am Anfang des Manifests. Sie lauten:
"1. Wenn du das erste Mal dabei bist, musst du tanzen.
2. Wenn du das zweite, dritte oder vierte Mal dabei bist, musst du tanzen.
3. Wenn du zu müde wirst, um beim Lunch Beat zu tanzen, dann geh bitte zum Essen woanders hin."
Strafen in EU-Ländern: Was passiert, wenn Arbeitgeber die Gefährdungsbeurteilung vernachlässigen? Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zeigt die Sanktionen im Überblick.
Stress ist nicht gleich Burn-out: Wie psychische Gesundheit und Arbeitssituation zusammenhängen, zeigt dieses Schaubild.
Wenn nichts mehr geht: Psychische Belastungen sind genauso gefährlich für die Gesundheit wie ein wackeliges Regal oder falsche Arbeitskleidung.
Melden Sie sich an und diskutieren Sie mit
Anmelden