Akademiker als Taxifahrer Einmal ums Klischee, bitte

2. Teil: Der Bauingenieur: "Ich hatte keine Lust mehr auf Jobabsagen"


Für Seyed Hossein Jalali , 59, ist Taxi fahren mitlerweile mehr als eine Notlösung
Marie-Charlotte Maas

Für Seyed Hossein Jalali, 59, ist Taxi fahren mitlerweile mehr als eine Notlösung

"Ich bin gebürtiger Iraner. Als ich nach Deutschland kam, war ich 24 Jahre alt. Ein Jahr lang habe ich das Studienkolleg besucht und Deutsch gelernt, dann habe ich in Hamburg und Bremen an der Fachhochschule Bauingenieurwesen studiert. Nach dem Abschluss habe ich mich für Stellen beworben - ohne Erfolg. Ich wurde nur zu drei Vorstellungsgesprächen eingeladen.

Dass ich als Ausländer nicht die gleichen Chancen habe, wurde mir damals sogar vom Arbeitsamt ins Gesicht gesagt. Außerdem habe ich erst mit 36 mein Studium beendet. Ich habe viel nebenher gearbeitet, weil meine Familie mich finanziell nicht unterstützen konnte. Viele Vorgesetzte wollten mich in diesem hohen Alter nicht mehr einarbeiten. Eine Entscheidung, die ich auch irgendwo nachvollziehen kann.

Bei einem Besuch in Köln habe ich meine Frau kennengelernt. Auch hier habe ich ein Jahr lang versucht, einen Job zu bekommen. Irgendwann habe ich mit der Vorstellung abgeschlossen, jemals als Bauingenieur zu arbeiten. Ich habe mich auch in anderen Branchen beworben, zum Beispiel als Straßenbahnfahrer. Dort hieß es, ich sei überqualifiziert. Also wurde ich Taxifahrer.

Kölsch lernen mit Diktiergerät

Anfangs war es schwierig: Der Kölsche Dialekt ist nicht einfach zu verstehen. Also habe ich mir ein Diktiergerät gekauft und die Ansagen aus der Funkzentrale aufgenommen. Wieder und wieder habe ich sie abgespielt und wenn es dann immer noch nicht half, ging ich zu einem anderen Taxifahrer und ließ mir 'übersetzen'.

Mittlerweile verstehe ich Kölsch sehr gut, was für die ein oder andere Überraschung sorgt. Einmal schimpfte zum Beispiel ein Fahrgast in breitestem Kölsch über unfähige ausländische Taxifahrer. Ich bot ihm daraufhin an, mit einem deutschen Kollegen weiterzufahren. Da war er still und hat sich geschämt. Ein anderer fragte mich ganz ernsthaft: 'Wo du herkommen? Was du gelernt?' Das fand ich eher amüsant. Meine Fahrgäste sind in der Regel sehr nett. Sie erzählen mir in zehn Minuten ihr ganzes Leben.

Unter meinen Kollegen gibt es viele Akademiker. Einen Zahnarzt, einen EDV-Fachmann, mein Chef ist Maschinenbauer. Ich kenne auch viele Iraner, die als Taxifahrer arbeiten und studiert haben. Manchmal kommt es vor, dass Fahrgäste mich direkt ansprechen, weil sie den Eindruck haben, dass das nicht mein Hauptberuf ist. Dann sage ich, dass ich eigentlich Bauingenieur bin. Ich kann mir aber gar nicht mehr vorstellen, einen normalen Bürojob auszuüben. Selbst, wenn man mir ein höheres Gehalt anbieten würde, denke ich, dass ich ablehnen würde.

Meine Arbeit macht mir Spaß, ich habe eine gewisse Freiheit und muss mich nur auf mich selber verlassen. Außerdem habe ich Zeit für meine anderen Interessen. Ich lese sehr gerne und engagiere mich politisch. Nachteile hat der Beruf natürlich auch. Der Verdienst ist gering und ich habe keine Sicherheit, keine Rente. Ich habe Glück, dass meine Frau einen Job hat, in dem sie gut verdient."



insgesamt 52 Beiträge
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jamblichos 03.10.2012
1. "Geist"eswissenschaften
Im ersten Absatz wird "Geisteswissenschaftler" als Sammelbegriff benutzt für alle möglichen brotlosen Fächer, wenn ich es richtig verstehe. Eine Geisteswissenschaft ist aber eine Wissenschaft, die sich mit dem Geist beschäftigt, z.B. Mathematik oder Philosophie. Viele Fächer, die gern in dem Zusammenhang genannt werden bzw. gemeint sind, sind aber eigentlich Gesellschafts- oder Sprachwissenschaften.
mainzelmännchen 1 03.10.2012
2. Ein ganz außergewöhnlich einfühlsamer,...
...ehrlicher - wunderbarer Bericht. Mehr, bitte mehr davon!
fagus 03.10.2012
3.
Zitat von sysopdapdSie haben nun, ach! Psychologie, Ingenieurwesen und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühen - und jetzt fahren sie Taxi. Und wollen nicht mehr tauschen. Drei Akademiker erzählen, warum sie gerne hinter dem Steuer sitzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/taxifahrer-mit-uni-abschluss-drei-akademiker-erzaehlen-von-ihrem-beruf-a-856354.html
Taxifahrende Bauingeneure, Zahnärzte und ITler... ich nehme an, der nächste Artikel über den "Fachkräftemangel" kommt in den nächsten Tagen.
doytom 03.10.2012
4. Einer unserer besten deutschen Aussenminister...
Zitat von sysopdapdSie haben nun, ach! Psychologie, Ingenieurwesen und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühen - und jetzt fahren sie Taxi. Und wollen nicht mehr tauschen. Drei Akademiker erzählen, warum sie gerne hinter dem Steuer sitzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/taxifahrer-mit-uni-abschluss-drei-akademiker-erzaehlen-von-ihrem-beruf-a-856354.html
...war auch einmal Taxifahrer!
e-ding 03.10.2012
5. ...
Zitat von doytom...war auch einmal Taxifahrer!
Genscher?.....;)
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