Akademiker als Taxifahrer Einmal ums Klischee, bitte

3. Teil: Der Theologe: "Verzweifelt war zeitweilig nur meine Mutter"


 Thomas-Dietrich Lehmann , 57, sitzt lieber im Taxi als in der Kirche

Thomas-Dietrich Lehmann, 57, sitzt lieber im Taxi als in der Kirche

"Wie viele Taxifahrer begann ich mit dem Job während der Studienzeit. Ich studierte Theologie und wollte von meinen Eltern unabhängig werden. Sie hätten mich zwar gerne weiterhin unterstützt, aber der Drang nach Freiheit war Mitte der siebziger Jahre groß. Auch meine Freunde fuhren Taxi und ich hatte Spaß am Autofahren. In den achtziger Jahren wurde ich in der Unipolitik und der Hausbesetzerszene aktiv und verlor den Job aus den Augen. Aber ich sah ihn als eine Art Lebensversicherung, auf die ich zurückgreifen könnte und habe darum auch die Lizenz ständig verlängert.

Zurück aufs Taxi kam ich erst Ende der neunziger Jahre. Damals war ich bereits ordinierter Pfarrer und arbeitete für die evangelische Kirche. Irgendwann war meine Skepsis gegenüber der Institution zu groß und ich stieg aus. Noch heute bin ich aber als nicht bezahlter Pfarrer im kirchlichen Dienst tätig, bei Taufen, Hochzeiten, Andachten und Gottesdiensten in der Kirche am Mauerstreifen.

Eine Familie kann man davon kaum ernähren

Ich arbeite für eine Taxigenossenschaft in Kreuzberg. Wir sind zehn Personen mit zwei Autos, nicht wenige von uns haben studiert, sind zum Beispiel Filmemacher oder Archäologen. In den siebziger Jahren verdiente man als Taxifahrer viel besser als heute. Der Stundenlohn war höher, die Kosten für Sprit und Unterhalt des Fahrzeugs niedriger. Eine Familie kann man heute von dem Job kaum noch ernähren.

Ich überlegte also, wie ich das Taxifahren optimieren könnte: In Berlin boomt der Tourismus, so kam ich auf die Idee, individuelle Stadtrundfahren anzubieten. Zusammen mit der Mauergedenkstätte entwickelte ich die Tour 'Auf den Spuren der Mauer'. Sie ist in verschiedenen Reiseführern auch als Insidertipp zu finden. Eine weitere Taxitour führt auf die Spuren Rudi Dutschkes.

'Sie sind aber auch nicht in der Taxe geboren', habe ich schon häufig von Fahrgästen gehört. Dann berichte ich von meiner eigenwilligen Berufskombination. Der eine oder andere hat daraufhin sogar gebeten, einmal zu mir in den Gottesdienst kommen zu dürfen. Meinen bisherigen Lebensweg bereue ich nicht. Ich war nie auf die große Karriere aus oder wollte viel Geld verdienen. Das Taxifahren ist ein flexibler Job und ich bin selbständig. Ein wenig verzweifelt war zeitweilig nur meine Mutter über meine Entscheidung. 'Ihr solltet es doch gut haben', sagte sie oft. Ich finde eigentlich, dass ich es ganz gut getroffen habe."



insgesamt 52 Beiträge
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jamblichos 03.10.2012
1. "Geist"eswissenschaften
Im ersten Absatz wird "Geisteswissenschaftler" als Sammelbegriff benutzt für alle möglichen brotlosen Fächer, wenn ich es richtig verstehe. Eine Geisteswissenschaft ist aber eine Wissenschaft, die sich mit dem Geist beschäftigt, z.B. Mathematik oder Philosophie. Viele Fächer, die gern in dem Zusammenhang genannt werden bzw. gemeint sind, sind aber eigentlich Gesellschafts- oder Sprachwissenschaften.
mainzelmännchen 1 03.10.2012
2. Ein ganz außergewöhnlich einfühlsamer,...
...ehrlicher - wunderbarer Bericht. Mehr, bitte mehr davon!
fagus 03.10.2012
3.
Zitat von sysopdapdSie haben nun, ach! Psychologie, Ingenieurwesen und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühen - und jetzt fahren sie Taxi. Und wollen nicht mehr tauschen. Drei Akademiker erzählen, warum sie gerne hinter dem Steuer sitzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/taxifahrer-mit-uni-abschluss-drei-akademiker-erzaehlen-von-ihrem-beruf-a-856354.html
Taxifahrende Bauingeneure, Zahnärzte und ITler... ich nehme an, der nächste Artikel über den "Fachkräftemangel" kommt in den nächsten Tagen.
doytom 03.10.2012
4. Einer unserer besten deutschen Aussenminister...
Zitat von sysopdapdSie haben nun, ach! Psychologie, Ingenieurwesen und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühen - und jetzt fahren sie Taxi. Und wollen nicht mehr tauschen. Drei Akademiker erzählen, warum sie gerne hinter dem Steuer sitzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/taxifahrer-mit-uni-abschluss-drei-akademiker-erzaehlen-von-ihrem-beruf-a-856354.html
...war auch einmal Taxifahrer!
e-ding 03.10.2012
5. ...
Zitat von doytom...war auch einmal Taxifahrer!
Genscher?.....;)
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