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03. Oktober 2012, 19:15 Uhr

Akademiker als Taxifahrer

Einmal ums Klischee, bitte

Protokolle:

Sie haben nun, ach! Psychologie, Ingenieurwesen und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühen - und jetzt fahren sie Taxi. Und wollen nicht mehr tauschen. Drei Akademiker erzählen, warum sie gerne hinter dem Steuer sitzen.

Taxi fahren, das klingt nach Notlösung. Nach klassischem Nebenjob, um die Zeit bis zum Ende des Studiums, der Ausbildung oder der Selbstfindungsphase zu überbrücken. Akademiker, die nach ihrem Abschluss weiter Taxi fahren, werden oft verspottet: die Fallhöhe zwischen einer geistigen Ausbildung und der eher praktischen Arbeit im Auto scheint die Menschen zu überfordern.

Dabei hat das Klischee, dass ein Großteil der Geisteswissenschaftler später einmal Taxi fährt, noch nie gestimmt. Und obwohl es keine klassische Ausbildung zum Taxifahrer gibt, ist eine fundierte Ortskenntnis von Straßen, Hotels und Abkürzungen in einer deutschen Großstadt nicht zu unterschätzen.

Im KarriereSPIEGEL erzählen drei Hochschulabsolventen, warum sie Taxi fahren und weshalb sie lieber auf der Straße unterwegs sind, als hinter dem Schreibtisch zu sitzen.

"Meinen Taxischein habe ich 1982 während meines Psychologiestudiums gemacht. Damit habe ich mir den Auszug von zu Hause finanziert. Nacht acht Jahren absolvierte ich meine Prüfungen, nur meine Diplomarbeit schrieb ich nicht. Mein Studium habe ich 2006 doch noch abgeschlossen. Sogar mit einer eins.

Die ganze Zeit über bin ich Taxi gefahren. Erst als ich mein Studium beendet hatte und eine Stelle als freiberuflicher Psychologe bekam, hörte ich auf - vorerst. Ein halbes Jahr arbeitete ich mit psychisch kranken Arbeitslosen. Ich hatte Spaß, die Bezahlung war auch nicht schlecht. Dann wurde mir eine Leitungsposition angeboten. Ich nahm an, im Nachhinein ein Fehler: Ich urteile ungern über andere und hatte Hemmungen, Diagnosen zu stellen.

Ich war frustriert. Nach einem halben Jahr habe ich gekündigt und bin wieder Taxi gefahren. Das war nicht nur ein finanzieller Einbruch. In meinem Freundeskreis und der Familie gibt es fast nur Akademiker, da entsteht schon eine Art Versagensgefühl, obwohl eigentlich niemand negativ reagiert hat. Anfangs haben Freunde mir noch Stellenanzeigen geschickt. Inzwischen wissen die meisten, dass ich zufrieden bin. Ich habe eine Familie, das gibt mir sehr viel. Und ich mag es, draußen unterwegs zu sein, mag den Kontakt zu den Menschen. Am schönsten ist, dass ich relativ viel Freiraum habe und mein eigener Herr bin.

Psychologie ist mein Hobby

Ich erlebe ja auch spannende Geschichten. Man hat die ganze Welt im Taxi. Günter Jauch, Jogi Löw, Obdachlose und Betrunkene, Wirtschaftsbosse, Chinesen, Inder. Ich führe viele interessante Gespräche, auch wenn es meistens oberflächlich bleibt.

Meine Kollegen wissen, dass ich Psychologe bin. Ein paar von ihnen haben selbst ein abgeschlossenes Studium. Bei den Kunden bin ich dagegen sehr vorsichtig. Es ist ja sowieso ein Phänomen, dass die Leute im Taxi ihre Seele ausbreiten, da würde die Tatsache, dass ich Psychologe bin, nur Öl ins Feuer gießen. Manchmal fragen die Fahrgäste aber auch: 'Sie sind doch nicht hauptberuflich Taxifahrer?' Früher habe ich dann immer gesagt, dass ich eigentlich Diplom-Psychologe bin, heute sage ich, dass ich Taxifahrer bin und Psychologie mein Hobby ist. Ein Fahrgast hat einmal zu mir gesagt, dass ich mich unter meinem Niveau verkaufe. Das hat mich damals sehr getroffen, heute würde ich darüber stehen.

Immer wieder entdecke ich Parallelen zwischen den Berufen: Auch mir erzählen die Leute Privates und oft höre und sehe ich Dinge, die nicht für mich bestimmt sind - das reicht von Geschäftsinterna bis hin zu betrunkenen Prominenten. Die Leute fühlen sich im Taxi irgendwie anonym. Mein psychologisches Wissen hat mir auch schon öfter geholfen: Einmal wurde ich von einem Verrückten mit einer Waffe bedroht, ein anderes Mal habe ich einen Zuhälter im Gefängnis abgeholt. Er wollte seine ehemalige Freundin zur Rechenschaft ziehen. Ich konnte beide beruhigen."

* Name von der Redaktion geändert

Der Bauingenieur: "Ich hatte keine Lust mehr auf Jobabsagen"

"Ich bin gebürtiger Iraner. Als ich nach Deutschland kam, war ich 24 Jahre alt. Ein Jahr lang habe ich das Studienkolleg besucht und Deutsch gelernt, dann habe ich in Hamburg und Bremen an der Fachhochschule Bauingenieurwesen studiert. Nach dem Abschluss habe ich mich für Stellen beworben - ohne Erfolg. Ich wurde nur zu drei Vorstellungsgesprächen eingeladen.

Dass ich als Ausländer nicht die gleichen Chancen habe, wurde mir damals sogar vom Arbeitsamt ins Gesicht gesagt. Außerdem habe ich erst mit 36 mein Studium beendet. Ich habe viel nebenher gearbeitet, weil meine Familie mich finanziell nicht unterstützen konnte. Viele Vorgesetzte wollten mich in diesem hohen Alter nicht mehr einarbeiten. Eine Entscheidung, die ich auch irgendwo nachvollziehen kann.

Bei einem Besuch in Köln habe ich meine Frau kennengelernt. Auch hier habe ich ein Jahr lang versucht, einen Job zu bekommen. Irgendwann habe ich mit der Vorstellung abgeschlossen, jemals als Bauingenieur zu arbeiten. Ich habe mich auch in anderen Branchen beworben, zum Beispiel als Straßenbahnfahrer. Dort hieß es, ich sei überqualifiziert. Also wurde ich Taxifahrer.

Kölsch lernen mit Diktiergerät

Anfangs war es schwierig: Der Kölsche Dialekt ist nicht einfach zu verstehen. Also habe ich mir ein Diktiergerät gekauft und die Ansagen aus der Funkzentrale aufgenommen. Wieder und wieder habe ich sie abgespielt und wenn es dann immer noch nicht half, ging ich zu einem anderen Taxifahrer und ließ mir 'übersetzen'.

Mittlerweile verstehe ich Kölsch sehr gut, was für die ein oder andere Überraschung sorgt. Einmal schimpfte zum Beispiel ein Fahrgast in breitestem Kölsch über unfähige ausländische Taxifahrer. Ich bot ihm daraufhin an, mit einem deutschen Kollegen weiterzufahren. Da war er still und hat sich geschämt. Ein anderer fragte mich ganz ernsthaft: 'Wo du herkommen? Was du gelernt?' Das fand ich eher amüsant. Meine Fahrgäste sind in der Regel sehr nett. Sie erzählen mir in zehn Minuten ihr ganzes Leben.

Unter meinen Kollegen gibt es viele Akademiker. Einen Zahnarzt, einen EDV-Fachmann, mein Chef ist Maschinenbauer. Ich kenne auch viele Iraner, die als Taxifahrer arbeiten und studiert haben. Manchmal kommt es vor, dass Fahrgäste mich direkt ansprechen, weil sie den Eindruck haben, dass das nicht mein Hauptberuf ist. Dann sage ich, dass ich eigentlich Bauingenieur bin. Ich kann mir aber gar nicht mehr vorstellen, einen normalen Bürojob auszuüben. Selbst, wenn man mir ein höheres Gehalt anbieten würde, denke ich, dass ich ablehnen würde.

Meine Arbeit macht mir Spaß, ich habe eine gewisse Freiheit und muss mich nur auf mich selber verlassen. Außerdem habe ich Zeit für meine anderen Interessen. Ich lese sehr gerne und engagiere mich politisch. Nachteile hat der Beruf natürlich auch. Der Verdienst ist gering und ich habe keine Sicherheit, keine Rente. Ich habe Glück, dass meine Frau einen Job hat, in dem sie gut verdient."

Der Theologe: "Verzweifelt war zeitweilig nur meine Mutter"

"Wie viele Taxifahrer begann ich mit dem Job während der Studienzeit. Ich studierte Theologie und wollte von meinen Eltern unabhängig werden. Sie hätten mich zwar gerne weiterhin unterstützt, aber der Drang nach Freiheit war Mitte der siebziger Jahre groß. Auch meine Freunde fuhren Taxi und ich hatte Spaß am Autofahren. In den achtziger Jahren wurde ich in der Unipolitik und der Hausbesetzerszene aktiv und verlor den Job aus den Augen. Aber ich sah ihn als eine Art Lebensversicherung, auf die ich zurückgreifen könnte und habe darum auch die Lizenz ständig verlängert.

Zurück aufs Taxi kam ich erst Ende der neunziger Jahre. Damals war ich bereits ordinierter Pfarrer und arbeitete für die evangelische Kirche. Irgendwann war meine Skepsis gegenüber der Institution zu groß und ich stieg aus. Noch heute bin ich aber als nicht bezahlter Pfarrer im kirchlichen Dienst tätig, bei Taufen, Hochzeiten, Andachten und Gottesdiensten in der Kirche am Mauerstreifen.

Eine Familie kann man davon kaum ernähren

Ich arbeite für eine Taxigenossenschaft in Kreuzberg. Wir sind zehn Personen mit zwei Autos, nicht wenige von uns haben studiert, sind zum Beispiel Filmemacher oder Archäologen. In den siebziger Jahren verdiente man als Taxifahrer viel besser als heute. Der Stundenlohn war höher, die Kosten für Sprit und Unterhalt des Fahrzeugs niedriger. Eine Familie kann man heute von dem Job kaum noch ernähren.

Ich überlegte also, wie ich das Taxifahren optimieren könnte: In Berlin boomt der Tourismus, so kam ich auf die Idee, individuelle Stadtrundfahren anzubieten. Zusammen mit der Mauergedenkstätte entwickelte ich die Tour 'Auf den Spuren der Mauer'. Sie ist in verschiedenen Reiseführern auch als Insidertipp zu finden. Eine weitere Taxitour führt auf die Spuren Rudi Dutschkes.

'Sie sind aber auch nicht in der Taxe geboren', habe ich schon häufig von Fahrgästen gehört. Dann berichte ich von meiner eigenwilligen Berufskombination. Der eine oder andere hat daraufhin sogar gebeten, einmal zu mir in den Gottesdienst kommen zu dürfen. Meinen bisherigen Lebensweg bereue ich nicht. Ich war nie auf die große Karriere aus oder wollte viel Geld verdienen. Das Taxifahren ist ein flexibler Job und ich bin selbständig. Ein wenig verzweifelt war zeitweilig nur meine Mutter über meine Entscheidung. 'Ihr solltet es doch gut haben', sagte sie oft. Ich finde eigentlich, dass ich es ganz gut getroffen habe."

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