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Teambuilding-Seminare: Die tun nix, die wollen nur spielen

Foto: Udo Geisler/ Domset Live-Kommunikation

Teambuilding für Mitarbeiter Ich geb' dir die Kugel

Stuhlkreis war gestern. Heute werden Teamtrainings wie Kindergeburtstage mit Seifenkistenrennen oder GPS-Rallye aufgezogen. Die Idee ist simpel: Wer mit dem Kollegen im Blaumann gekleckert, auf dem Windrad gezittert und beim Katapultbau geschwitzt hat, wird ihn mit anderen Augen sehen.

Die Klosterkirche ist gut besucht. 150 Frauen und Männer drängen sich im gotischen Mittelschiff, über ihnen leuchten Hunderte Jahre alte Buntglasfenster. Nach Gottesdienst sieht es aber nicht aus: Die Besucher tragen Schildchen mit ihren Vornamen und scharen sich um einen Beamer, der Begriffe wie Technical Skills, Quality und Capacity auf eine Leinwand wirft. Mittendrin prangt das Wort Team. Der Referent begrüßt die Teilnehmer und erklärt die Regeln. Die Aufgabe ist kurios: Wir bauen eine Murmelbahn.

Nach kurzem Stirnrunzeln und Schulterzucken geht es los. Die Teams finden sich dank der Namensschildchen und schwärmen aus. Einst standen Kirchenbänke in der 800 Quadratmeter großen Halle, inzwischen finden hier nur noch Konzerte, Trauungen und Tagungen statt. Und heute das Teambuilding-Event. Auf dem Boden wartet das Baumaterial: Plastikröhren in verschiedenen Längen und Stärken, Becher, Klebeband, buntes Papier.

Mel klebt dünne Röhren zu Dreibein-Stativen zusammen, Jette legt aufgeschnittene, graue Abflussrohre darauf - in diesen Schienen soll die Murmel rollen. Die Bahn wächst, wird zweistöckig, dreistöckig. Trichter, Kurven, Schikanen ergänzen die fragile Konstruktion. Nachdem die Teams ihre Bahnabschnitte verbunden haben, schnappt sich Paul die Kugel: Wie weit wird sie rollen? Schafft sie es ins Ziel, einen großen Becher, der mit "Rapid Eye 2.0" beschriftet ist?

Raus aus dem Alltag

Rapid Eye ist ein deutscher Anbieter von Geoinformationen, der mit eigenen Satelliten Erdbeobachtungsbilder für Unternehmen und Behörden erstellt. Nach der Übernahme durch einen kanadischen Wettbewerber im Jahr 2011 beschloss der neue Geschäftsführer Ryan Johnson, die 140 Mitarbeiter durch ein Teamtraining auf die Zukunft einzuschwören. So kam die Murmel ins Rollen. "Wir sehen diese Veranstaltung als Startpunkt für ein neues Rapid Eye, das wir Rapid Eye 2.0 nennen", sagt Johnson. "Es ist eine Gelegenheit für alle Teams zusammenzuarbeiten, etwas zu erreichen, Spaß zu haben und aktiv zu sein."

Konzipiert wurde das Kugel-Event in der Klosterkirche in Brandenburg an der Havel von der Kölner Agentur Domset  Live-Kommunikation. Sie bietet Teamtrainings in kleinen und großen Gruppen an, für Berufseinsteiger und Führungskräfte, für Controller und Callcenter-Mitarbeiter. Mal üben sich die Teilnehmer als Agenten im "Distance-Spying" mit GPS-Gerät, Kompass und Fernglas; mal bauen sie Katapulte, hantieren mit Lego-Männchen, klettern auf Windkrafträder oder in Seifenkisten.

Man müsse die Leute aus dem Alltag reißen, sagt Domset-Kreativdirektor Oliver Malat. "Mit Standards kommt man kaum weiter." Seine Aufgabe sei es, zu einer bestehenden Herausforderung ein passendes Teamerlebnis zu kreieren. "Dass das Erlebte im Nachhinein reflektiert werden muss, um Gelerntes mit in den Alltag nehmen zu können, ist selbstverständlich."

Erspielte Lösungen für echte Probleme

Wenn es in Teams knirsche, liege das oft daran, dass mehr übereinander als miteinander geredet werde, so Domset-Geschäftsführer Dominik Deubner: "Das Aufeinandertreffen diverser Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Temperamenten ist oft ein Problemherd in der Teamarbeit." Glattbügeln dürfe man solche Unterschiede aber nicht: "Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen gehören zum Job. Sie helfen, Teamkollegen besser zu verstehen und einzelne Stärken gezielter zu nutzen."

Wie Domset bieten auch zahlreiche andere Anbieter spektakuläre Trainingsevents an, um ihre Kunden aus der Reserve zu locken: Die Agentur Hirschfeld  aus Erfurt lässt es bei der Biathlon-Fun-Challenge richtig knallen, Nord Event  aus Hamburg vergießt Kunstblut beim Krimiabend. Und wenn Manager, Buchhalter oder Fließbandarbeiter zum mobilen Zirkus Toussini  kommen, lernen sie jonglieren, trommeln oder Clown-Nummern. Künstlerin Etelka Kovacs-Koller  aus Bayern steckt Manager in Blaumänner und lässt sie beim Action-Painting-Workshop mit Farben werfen. Der Landauer Psychologe Jens Richter  übt mit seinen Schützlingen Lassowerfen, Carreraautofahren und Bogenschießen.

Manche Teambuilding-Anbieter, etwa die Berliner Wunderwerkstatt, bieten parallel auch Kindergeburtstage und Junggesellenabschiede an. Das nährt Zweifel: Ist eine Teambuilding-Veranstaltung wirklich mehr als eine Angestelltenbespaßung, mit der Veranstalter einen schnellen Euro machen können? Oft folgen auf einen tollen Tag, an dem sich alle prima verstehen, Wochen, Monate, Jahre der Büro-Routine und des zermürbenden Kleinkriegs zwischen den Kollegen.

Auf die Pauke hauen allein reicht deshalb nicht aus. "Achten muss man vor allem darauf, dass es nicht nur um Unterhaltung geht, sondern auch der Transfer ins Berufsleben bearbeitet wird", mahnt der Münchner Wirtschaftspsychologe und Unternehmensberater Bernhard Hauser. Action Learning klinge nach postmodernem Krawall, bezeichne jedoch eine über 50 Jahre alte, wissenschaftlich abgesicherte Methode des erfahrungsbasierten Lernens: "Bei diesem Ansatz arbeiten kleine Teams von vier bis acht Personen unkonventionell zusammen, um ein echtes Problem des Unternehmens zu lösen", so der Professor für Change Management und Action Learning an der Fachhochschule für angewandtes Management in Erding.

Schäfchen hüten, mal wörtlich genommen

Die Idee des Action Learning findet sich auch in einem Teamtraining wie dem Murmelbahnbau wieder: Das Problem lautet hier natürlich nicht, dass das Unternehmen seine Produktion auf Spielzeug umstellen will - vielmehr geht es darum, die Schnittstellenkommunikation zu verbessern.

Die Universität Köln hat gemeinsam mit der Kölner Consulting-Firma Meta Five ein Forschungsprojekt zur Innovations- und Veränderungsfähigkeit von Teams gestartet. Untersucht wird auch, welchen Nutzen verschiedene Trainingsansätze haben. Noch liegen keine Ergebnisse vor.

Marlene Busch, Wirtschaftspsychologin und Beraterin bei Meta Five, schätzt am Outdoor-Training, dass Kollegen, die teilweise seit Jahren das Büro teilen, sich in einer neuen Umgebung kennenlernen. "Dieser Kontext ist aber auch die große Herausforderung von Outdoor-Elementen: Da sie wenig Bezug zum Alltag haben, ist ein Transfer der Lernerfahrungen eher unwahrscheinlich", sagt Busch.

Foto: Kerstin Krüger

KarriereSPIEGEL-Autor Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden.

Es klingt logisch: Je näher das Seminar an der Praxis ist, desto einfacher kann das Gelernte später angewendet werden. Letztlich muss wohl die Mischung stimmen. Konkrete Aufgaben, Prozessbegleitung durch einen erfahrenen Trainer, gern auch ein Schuss Abenteuer und frische Luft. So wie bei einem Domset-Workshop für Manager in der Nähe von Köln: In Kleingruppen finden die Teilnehmer per GPS zum Treffpunkt, wo eine Führungsaufgabe auf sie wartet. Und was für eine: Eine Herde von 1000 Schafen sucht neue Weidegründe und will wissen, wo es lang geht. Ganz wie im richtigen Business-Leben.

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