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Volker Kitz

Schluss mit Prokrastinieren Einfach mal machen

Volker Kitz
Ein Gastbeitrag von Volker Kitz
Zum Jahresbeginn nehmen sich viele Menschen vor, Dinge endlich anzugehen. Mit welchen Tricks sich dem ewigen Aufschieben entkommen lässt – und wann es klüger ist, auch mal was liegenzulassen.
Die Arbeit wartet, aber in der Sofaritze ist es einfach bequemer: Unser Gastautor weiß, wie Sie sich überlisten, endlich aktiv zu werden.

Die Arbeit wartet, aber in der Sofaritze ist es einfach bequemer: Unser Gastautor weiß, wie Sie sich überlisten, endlich aktiv zu werden.

Foto: Sean Marc Lee / Getty Images

Ein paar Meter Weg, zwei Eimer am Rand, beide gefüllt mit Münzen. Jeder wiegt drei Kilogramm. Der erste steht näher am Start, der zweite näher am Ziel. An der Startlinie bekommt ein Student eine Aufgabe: losgehen, unterwegs einen Eimer greifen und ins Ziel tragen – egal, welchen. Wählt er Eimer 1 oder Eimer 2?

Rational wäre, den zweiten Eimer zu nehmen. Er steht näher am Ziel, der Trageweg ist kürzer, der Kraftaufwand geringer. Doch in einem Experiment  des Psychologen David Rosenbaum schleppten die meisten Probanden den ersten Eimer zum Ziel – über eine unnötig lange Strecke. Diese Erkenntnis war ein Zufallsfund, eigentlich untersuchte Rosenbaum die Bewegungsabläufe beim Laufen und Greifen. Die irrationale Entscheidung seiner Probanden überraschte ihn, und er fragte sie nach den Gründen. Fast alle gaben die gleiche Antwort: »Ich wollte die Aufgabe so schnell wie möglich erledigen.« Es schien ihnen lästiger, ein Vorhaben ein paar Meter zu weit im Kopf mit sich zu tragen als den Eimer ein paar Meter zu weit in der Hand.

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Eine Aufgabe lieber früher als später erledigen, selbst wenn das mehr Arbeit kostet: Rosenbaum gab diesem Phänomen den Namen »Präkrastination«. »Cras« ist das lateinische Wort für »morgen«, »prä« steht für »vor«. Es ist das Gegenteil der »Prokrastination«, des Aufschiebens, Vor-sich-her-Schiebens. Präkrastination und Prokrastination sind aber nur auf den ersten Blick ein ungleiches Paar. Sie verfolgen nämlich das gleiche Ziel: einer Aufgabe den Rücken zukehren. Präkrastinierer erreichen das, indem sie die Aufgabe verfrüht erledigen und hinter sich lassen. Prokrastinierer, indem sie sich von der Aufgabe abwenden, ablenken.

Manches erledigt sich gar ganz, wenn man abwartet.

Dabei kann Aufschieben eine sinnvolle Entscheidung sein, zum Beispiel wenn später mehr Informationen oder Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Gerade in der Arbeitswelt ändert sich nicht selten nachträglich die Aufgabenstellung, und wer zu früh angefangen hat, ist der Dumme. Manches erledigt sich gar ganz, wenn man abwartet. Das Entscheidende an der Prokrastination ist daher nicht das Aufschieben – sondern ein Aufschieben aus irrationalen Gründen, das Nachteile bringt: mehr Stress, mehr Arbeit, mehr Unzufriedenheit, mehr Selbstzweifel. Das unterscheidet die Prokrastination von der Präkrastination, die immerhin Befriedigung bietet, etwas rechtzeitig erledigt zu haben.

Um der unangenehmen Aufgabe aus dem Weg zu gehen, nehmen Prokrastinierer dankbar Ablenkungen an, Tätigkeiten wie Putzen, Einkaufen, Surfen im Netz. Der US-amerikanische Humorist Robert Benchley notierte trocken: »Jeder Mensch kann beliebige Mengen Arbeit bewältigen, solange es nicht die Arbeit ist, die er eigentlich machen sollte.« Das war im Jahr 1930. Heute drückt es die Psychologie so aus: Die Aufgabe steht zu Alternativtätigkeiten in »Querkonkurrenz«.

In den bald hundert Jahren seit Benchleys Worten hat niemand ein Wundermittel gegen Prokrastination gefunden. Doch sie ist erforscht. Fast alles hängt von einem magischen Moment ab: der Sekunde, in der sich jemand umdreht. In der er einer Aufgabe nicht mehr den Rücken zuwendet, sondern sich ihr stellt. Dieser Moment gilt als »Schritt über den Rubikon«, der schon für Cäsar im antiken Rom das Zurück verbaute. Er ist so entscheidend, dass nach ihm ein Modell der Motivationspsychologie benannt ist, das »Rubikonmodell der Handlungsphasen« .

Und dieser Moment ist vor allem eine Frage von: Konzentration. Denn der Anfang ist besonders schwer. Es dauert, in Konzentration hineinzufinden. Ein Team um die Psychologinnen Anna Höcker und Margarita Engberding begab sich auf die Suche nach einer Starthilfe. Inspirieren ließen sie sich von einer radikalen Behandlung von Schlafstörungen: Man verbietet Patienten das Schlafen. Hinlegen dürfen sie sich nur ausnahmsweise, während kurzer, festgelegter Zeitfenster. Plötzlich schlafen sie besser. Daraus haben die Forscherinnen die »Arbeitszeitrestriktion«  entwickelt: Arbeiten ist grundsätzlich verboten – nur ausnahmsweise erlaubt, in zwei täglichen Zwanzig-Minuten-Zeitfenstern, deren Anfang und Ende festliegen. Das verringert die sogenannte »Längskonkurrenz«, die Möglichkeit, die Aufgabe später zu erledigen. Erst wenn jemand diese Zeiten voll ausschöpft, keine Minute vertrödelt, darf er das Arbeitspensum nach und nach erhöhen.

Dieser harte, aber einfache Trick verknappt die Arbeitszeit. Sie scheint nicht mehr unendlich, auf einmal kostbar. Das motiviert, die erlaubte Zeit auszuschöpfen, pünktlich anzufangen. Der Konzentration versetzt es einen Kick.

Vielleicht den entscheidenden.

Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch »Konzentration – Warum sie so wertvoll ist und wie wir sie bewahren«.

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