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TOEFL-Sprachtest Lesen, hören, sprechen, zahlen bitte

Immer mehr deutsche Unis verlangen ein englisches Sprachzertifikat. Ein Millionengeschäft für ein Institut in den USA, das eigentlich eine Non-Profit-Organisation ist. Ein Student berichtet von seinen TOEFL-Qualen.
Von Silvia Dahlkamp
Büffeln für den TOEFL: Viele Sprachschulen bieten teure Vorbereitungskurse an

Büffeln für den TOEFL: Viele Sprachschulen bieten teure Vorbereitungskurse an

Foto: Silvia Dahlkamp

Hier in diesem nüchternen Konferenzraum entscheidet sich also, wo Jens, 23, künftig studieren wird. In Berlin, München, Köln oder in der Provinz.

Freitagmorgen, 10 Uhr. Jens ist schon seit zwei Stunden unterwegs, als er die "Sicherheitsschleuse" des Amerikazentrums am Hamburger Sandtorkai passiert. Ein Wachmann kontrolliert seinen Personalausweis, fotografiert sein Profil für die Akten, scannt ihn per Metalldetektor. Es piept: Gürtelschnallen-Alarm. Jens muss unterschreiben, dass er nicht betrügen und nichts weitererzählen wird, muss Handy und Rucksack wegschließen. Auch Getränke und Brote bleiben draußen.

Es ist mehr Kontrolle als an einem internationalen Flughafen. Dabei geht es an diesem Morgen nur um einen Englischtest, den TOEFL (Test of English as a Foreign Language).

Früher absolvierten Nicht-Muttersprachler den Sprachtest, wenn sie im Ausland studieren wollten. Jens braucht ihn, weil er sich an einer deutschen Hochschule für den Master bewerben will. "Englisch sehr gut" verlangen immer mehr Fakultäten.

Die Sprachhürde sei ein Mittel der Qualitätssicherung, sagen Professoren. Aussieben nennen das andere und meinen auch ein soziales Aussieben. "Der Test ist teuer, das kann sich nicht jeder leisten", sagt Professorin Susanne Rupp vom Hamburger Institut für Anglistik.

Sprachtest: Can you English?

10.30 Uhr: Jens wartet nervös in der Schlange. 20 Studenten wollen in den Raum. Vier Tischreihen mit je vier bis fünf Boxen, Callcenter-Atmosphäre.

Jens hat sich für den TOEFL entschieden, weil im Amerikazentrum noch ein Platz frei war. Vor vier Wochen hat er sich angemeldet, für den Test ziemlich kurzfristig. Auf der TOEFL-Webseite werden drei bis vier Monate Vorlauf empfohlen. Wer sich erst eine Woche vor der Prüfung registriert, zahlt 40 Dollar - zusätzlich zu den regulären Gebühren von 245 US-Dollar.

Gute Geschäfte mit Kursen

Die meisten Hochschulen erkennen auch andere Sprachtests an, etwa den IELTS und das Cambridge-Zertifikat. Doch da war alles ausgebucht. Nun sitzt Jens in seiner Wabe und wird gleich Fragen lösen, die sich Sprachforscher vom Education Testing Service (ETS) ausgedacht haben. Die Institution in Princeton, südlich von New York, kassiert mit Wissenstests jedes Jahr Hunderte Millionen Dollar, gilt aber als Non-Profit-Organisation. Der frühere ETS-Vorsitzende Gaston Cuperton soll 1,3 Millionen Dollar im Jahr verdient haben - mehr als der Präsident der Harvard-Universität, wie der Finanzdienst Bloomberg 2011 schrieb.

Das Geschäft mit dem Wissen wächst. Zwischen 2000 und 2011 ist die Zahl der Teilnehmer in Deutschland deutlich gestiegen; zudem zahlen TOEFL-Kandidaten heute weit mehr als doppelt so viel wie noch vor acht Jahren. Als Grund nennt das Amerikazentrum einen erhöhten Aufwand für die technische Infrastruktur, für Hard- und Software.

Auch eine riesige Begleitindustrie will ein Stück vom Kuchen: "In acht Wochen fit für den TOEFL-Test" bieten Sprachschulen wie Wall Street English an, ein Schnelltest, Lehrmaterial und Unterricht mit Muttersprachlern - für 990 Euro. Auch Reisebüros mischen mit. Preisbeispiel: vier Wochen TOEFL-Kurs in den USA ab 1208 Euro. Plus Flug, plus Prüfungsgebühr, plus Reiseversicherung, plus, plus, plus.

Jens hat sich mit dem Übungsbuch "Preparation Course for the TOEFL Test" zu Hause vorbereitet - 670 Seiten, 49 Euro. Er hat ein Jahr lang in den USA gelebt, fühlt sich recht sicher im Englischen.

Im Hamburger Amerikazentrum sind heute alle Plätze ausgebucht. Bleistifte werden ausgeteilt. Jeder Kandidat erhält vier Seiten blaues Papier für Notizen. Eins, zwei, drei - die Lautstärke im Headset wird angepasst, der Computer freigeschaltet, dann beginnt der Test. Jens hat für uns aufgeschrieben, wie es ihm erging:

1. Reading, 80 Minuten

Auf dem Bildschirm erscheinen vier Texte: über die Evolution, das Sternensystem, das Brutverhalten von Vögeln, die Gletscherschmelze. Der Bildschirm ist geteilt, links der etwa 700 Wörter lange Text, rechts 14 Multiple-Choice-Fragen. Ich verstehe nicht jedes Wort. Egal. Ich muss die Zusammenhänge kapieren. "Auf welche Person im Satz bezieht sich folgendes Wort?" Zum Glück hab ich geübt. Die letzten Fragen hören sich alle gleich an, was wollen die? Am Computer tickt die Uhr.

2. Listening, 60 Minuten

Keine Pause. Im Video hält ein Lehrer einen Fünf-Minuten-Monolog über den Planeten Venus. Schwierige Vokabeln werden eingeblendet. Ich mache Notizen, die Fragen kommen, ich klicke Kästchen an: richtig, falsch, richtig. Es folgt eine Diskussion Professor contra Student. Beide haben einen Akzent, reden schnell, verhaspeln sich. Vier Hörabschnitte, dann fünf bis sechs Ankreuzfragen. Das Prinzip: erst leicht, dann kompliziert.

Testablauf

Sektion Anzahl der Aufgaben Zeit
Reading 3-5 Texte mit 12-14 Fragen 60-100 Minuten
Listening 4-6 Hörpassagen mit 6 Fragen, 2-3 Dialoge mit 5 Fragen 60-90 Minuten
Pause 10 Minuten
Speaking 6 Aufgaben, davon 2 eigenständig und 4 kombinierte 20 Minuten
Writing 1 eigenständiger Aufsatz, 1 kombinierter Aufsatz 20 Minuten bzw. 30 Minuten
Nur von ETS zertifizierte Testzentren dürfen den TOEFL iBT durchführen. Im Vorfeld eines jeden Textabschnitts werden die Kandidaten mit detaillierten Hinweisen auf Struktur und Fragen vorbereitet.

3. Speaking, 20 Minuten

Nach zehn Minuten Pause geht es weiter: "Dein Freund hat sein Bein gebrochen. Wie kannst du ihn unterstützen?" 15 Sekunden Pause, dann muss ich 45 Sekunden nonstop ins Headset sprechen. Einleitung - Hauptteil - Schluss. Es ist wichtig, dass ich mich an den Aufbau halte. Die zweite Frage: Umweltschutz. Wieder 15 Sekunden denken, 45 Sekunden sprechen. Frage drei wird schwieriger: Zwei Schüler diskutieren. Der Uni-Präsident will alle Tiere auf dem Campus verbieten. Wie finde ich das? 30 Sekunden grübeln, 60 Sekunden reden. Die Konzentration lässt nach, ich bleibe mitten im Satz stecken. Ähmm... Das kostet Punkte. Obwohl ich ein Jahr in Amerika gelebt habe, fühle ich mich gestresst. Und schon die nächste Aufgabe, Schlag auf Schlag, bis die Zeit abgelaufen ist.

4. Writing, 50 Minuten

Wieder ein Text aus der Biologie: Wie verändern Tiere ihr Verhalten, wenn sie unter Menschen leben? Danach diskutieren ein Mann und eine Frau über die Anatomie von Haustieren. Meine Aufgabe: Text und Diskussion zusammenfassen. 300 Wörter, 20 Minuten Zeit. Ich haue in die Tasten, kaum Zeit zum Denken.

Die letzten 30 Minuten: Wissenschaftler diskutieren, wie man Kastanien in der Landwirtschaft nutzen kann. Aufgabe: eine Pro- und Contra-Argumentation schreiben. Farmer? Kastanien, Ernte? Mist, mir fällt nichts ein. Nach 30 Minuten verschwindet der Text einfach vom Bildschirm - das war's, hoffentlich hat es gereicht.

Um 14.45 Uhr ist die Prüfung vorbei. Mindestens 100 von 120 Punkten musste Jens schaffen und ist unsicher. Ein Freund hatte 98 Punkte erreicht - zwei Punkte am Berliner Masterplatz vorbei. Deutsche holen im Schnitt 96 Punkte. Österreicher und Südafrikaner liegen mit 100 Punkten vorn; Schweizer holen 98, Norweger 92 und Türken lediglich 75 Punkte. Aber die elitäre US-Uni Harvard verlangt von ausländischen Bewerbern 105 Punkte Minimum.

15 Tage später: Die Ergebnisse sind da. Jens hat 98 Punkte. Zu wenig für den begehrten Studienplatz. Der Test darf beliebig oft wiederholt werden. Aber wie oft kann Jens 245 Dollar zahlen?

Infos und Anmeldung für verschiedene Sprachkurse im Internet: www.europaeischer-referenzrahmen.de 

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