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Deutscher Auswanderer in Japan »Was mich nervt, ist der Rassismus«

Maurice Jones organisiert Musik-Festivals in Tokio. Hier erzählt er, warum ihn die japanische Hierarchiegläubigkeit nervt, wann seine Nachbarn die Polizei rufen und warum er sich während Corona im Stich gelassen fühlte.

Maurice Jones, 32, in Japan: »Ständig höflich und zurückhaltend sein«

Maurice Jones, 32, in Japan: »Ständig höflich und zurückhaltend sein«

Foto: Privat

Viele Menschen träumen von einem Leben in der Ferne, aber nur wenige setzen diese Träume auch um. Was treibt sie an? Wie schaffen sie den Neustart in der Fremde? Davon handelt das Buch »Mittagspause auf dem Mekong«  der SPIEGEL-Redakteurinnen Kristin Haug und Verena Töpper. Sie haben Geschichten von Deutschen in 28 Ländern auf sechs Kontinenten gesammelt. Dieser Text ist ein aktualisierter Auszug aus ihrem Buch, das im vergangenen Jahr erschienen ist.

2016 fühlte sich alles noch richtig an: Zusammen mit Kollegen hatte ich ein Festival für elektronische Musik in Tokio organisiert. Die Monate davor habe ich kaum geschlafen, ich habe Künstler beauftragt, Workshops und Konferenzen organisiert, Installationen und Performances vorbereitet. Das MUTEK-Festival, das es auch in Montreal, Mexiko-Stadt, Dubai, Barcelona, Buenos Aires und San Francisco gibt, fand zum ersten Mal in Japan statt.

Es fühlte sich wie Aufbruch an, so als würde unsere Arbeit tatsächlich einen Unterschied machen. Wir waren beflügelt, das Publikum begeistert – und obwohl wir ein dickes Minus gemacht haben, war es der absolute Wahnsinn.

Seitdem ist viel passiert.

Maurice Jones bei einer Veranstaltung: »Niemals ein gleichwertiger Teil der japanischen Gesellschaft«

Maurice Jones bei einer Veranstaltung: »Niemals ein gleichwertiger Teil der japanischen Gesellschaft«

Foto: Denisov Denis

Bevor ich nach Japan gekommen bin, habe ich Asienwissenschaft in Bonn studiert. Aus dem Auslandsjahr wurde ein Aufenthalt für länger. Ich musste nur noch einmal zurück, um meine Bachelorarbeit abzugeben. Nach einem befristeten Job bei der deutschen Außenhandelskammer lernte ich einige Veranstalter und Künstler aus der japanischen Klubszene kennen, mit denen ich mich zusammenschloss, um Musikevents in Tokio zu organisieren. Mehr als neun Jahre ist das jetzt schon her. Unser letztes Festival fand gerade erst im Dezember in Tokio statt – da hatte Japan so gut wie keine Covid-Fälle, die Inzidenz lag unter 1 .

Ich spiele Keyboard und Gitarre, schreibe eigene Songs und wollte auch in Japan in die Musikszene einsteigen. Ich dachte zuerst, ich könnte Festivals organisieren, um meine eigene Musik zu verbreiten – aber als Organisator habe ich inzwischen viel zu viel andere Sachen zu tun.

Wir können inzwischen gut von MUTEK leben. Und wir organisieren Events für große Unternehmen. Das sind zum Beispiel Autohersteller, die ihre Kunden mit futuristischen audiovisuellen Installationen beeindrucken wollen, um so eine emotionale Bindung zur Marke aufzubauen.

Unser Ziel ist es, das Nachtleben in Tokio mit unseren Veranstaltungen umzukrempeln. Wir veranstalten experimentelle, futuristische Events, bei denen wir jungen Künstlern eine Plattform geben. In den etablierten Klubs haben sie kaum Chancen, weil sie kaum mit den alten Cliquen verbunden sind.

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Kristin Haug, Verena Töpper

Mittagspause auf dem Mekong

Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 256
Für 14,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

29.01.2023 04.34 Uhr

Keine Gewähr

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Nach fast zehn Jahren in Tokio bin ich im August aber nach Montreal gezogen, um dort einen Doktor zu machen. Von hier aus kümmere ich mich aber weiter um die Festivals. Während der Pandemie konnte ich trotz Visum, Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung neun Monate lang nicht nach Japan zurückkehren. In einem Land, in dem Ausländern in Krisenzeiten, trotz rechtmäßigem Status, fundamentale Rechte verwehrt werden, konnte ich mir auf Dauer keine Zukunft vorstellen.

Ich hatte auch schon vorher oft keine Lust mehr auf Japan und wollte nach Europa zurück. Damals wurde mir klar: Egal, was ich mache, ich werde hier immer ein Ausländer bleiben. Selbst Professoren, die schon seit 30 Jahren in Japan leben, eine japanische Frau haben und fließend die Sprache sprechen, werden immer die Weißnasen sein.

Ich hatte alles gegeben, um mich in Tokio zu integrieren: die Sprache gelernt, mich den Hierarchien und den ungeschriebenen Gesetzen untergeordnet. Und das sind viele: Zum Beispiel soll man in der U-Bahn nicht trinken oder essen, sich in der Öffentlichkeit nicht die Nase putzen. Und niemals laut sein. Die Japaner klingeln nicht an deiner Tür, wenn man auf einer Party zu viel Krach macht, sie rufen gleich die Polizei.

Die Regeln sind an sich nicht so schlimm, doch die Japaner nehmen sie einfach so hin, auch wenn sie sinnlos sind. Das gilt auch für Hierarchien, die selten hinterfragt werden. Ich habe inzwischen akzeptiert, dass ich niemals ein gleichwertiger Teil der japanischen Gesellschaft sein kann.

Nach all den Jahren noch immer keine Kreditkarte in Japan

Besonders schwer fiel es mir, mich unterordnen zu müssen, ständig höflich und zurückhaltend zu sein. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu lernen, wann ich mich als Ausländer Hierarchien fügen sollte und wann ich vielleicht weiterkomme, wenn ich das nicht tue. Das Unterordnen bringt einen ja nicht weiter, wenn man Events organisiert und nicht als gleichwertiger Gesprächspartner angesehen wird. Je mehr ich versucht habe, mich anzupassen, desto deutlicher wurden die Unterschiede.

Das fiel mir auch bei den zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Es dauert sehr lange, bis man in Japan mit jemandem befreundet ist. Die Menschen teilen nicht so gern ihre Gefühle mit, weil sie andere damit nicht belasten wollen. Inzwischen habe ich gute japanische Freunde gefunden, aber das hat Jahre gedauert.

Auf dem Rücken: In Japan musste sich Maurice Jones erst an Hierarchien gewöhnen

Auf dem Rücken: In Japan musste sich Maurice Jones erst an Hierarchien gewöhnen

Foto: Privat

Was mich auch nervt, ist der Rassismus. Die Japaner unterteilen in gute (aus Europa) und schlechte Ausländer (aus Südostasien). Es gibt auch einen alltäglichen Rassismus, zum Beispiel muss man als Ausländer eine Art Zuschlag zahlen, wenn man eine Wohnung mietet. Das nennen die Japaner Ausländerversicherung. Zudem kann ich nach all den Jahren in Japan noch immer keine Kreditkarte beantragen, weil ich als Ausländer ja einfach abhauen könnte. Es hat mich auch mehrere Monate gekostet, einen Handyvertrag zu bekommen – ich habe ihn nur, weil ich eingewilligt habe, mehr zu bezahlen.

Auch die Rolle der Frau ist noch sehr traditionell. Japan ist noch sehr weit von #MeToo entfernt und da brauchen wir gar nicht erst über LGBTQ zu reden.

Die Überarbeitung ist ebenso ein großes Thema, manche Leute arbeiten hier 100 Stunden in der Woche. Karoshi heißt es, wenn jemand stirbt, weil er so viel gearbeitet hat. Überstunden werden hier meist nicht bezahlt, sondern gelten als Geschenk an die Firma, weil man dort einen Job bekommen hat. Ich arbeite zwar auch viel, aber bei Kreativen ist das etwas anderes, sie leben in einer Art Parallelgesellschaft, in der die Grenze zwischen Arbeit und Vergnügen verschwimmt.

Trotz allem ist die Lebensqualität in Japan ziemlich hoch. Das fängt schon beim Essen an. Selbst die günstigsten japanischen Restaurants sind qualitativ sehr hochwertig. Und man kann sich auf die meisten Dinge einfach verlassen: Die Züge fahren pünktlich, die Geschäfte haben rund um die Uhr geöffnet, die Behörden sind sehr penibel, machen dafür aber keine Fehler.

Meinen Job sehe ich inzwischen mit anderen Augen. Wir versuchen jetzt auch, viele japanische Künstler ins Ausland zu vermitteln und Künstler aus anderen Ländern herzuholen. Ich verstehe mich jetzt mehr als Vermittler zwischen den Kulturen. Und seitdem fällt es mir leichter, in Japan zu sein. Ich weiß jetzt auch, wann ein Ja ein Ja-Ja ist, ein Vielleicht-Ja oder ein Nein-Ja.

In Kanada lebt es sich so weit sehr gut. Durch meine Arbeit mit dem MUTEK Festival, das ja ursprünglich aus Montreal stammt, habe ich hier schon ein gutes Netzwerk und einen tollen Freundeskreis gefunden. So habe ich mich ziemlich schnell zu Hause gefühlt. Meine Wohnung kostet ungefähr halb so viel wie die in Tokio und ist dreimal so groß.

Gerade ist es ziemlich kalt – aber das macht mir nichts aus. Ich hatte die vergangenen zehn Jahre keinen wirklichen Winter in Japan. Mir gefällt die Kälte, der Schnee, die frische und klare Luft, der blaue Himmel. Und das Licht schafft eine besonders Atmosphäre.

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