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Tränen im Job: "Besser nach Feierabend als im Büro"

Foto: Alida Scharf

Emotionen im Büro Tausend Tränen tief

Wer im Job weint, gilt als schwach, nicht belastbar, als Weichkeks. Und wenn tausendmal "authentische" Mitarbeiter und "empathische" Chefs gefeiert werden: Tränen und Professionalität beißen sich.

Plötzlich merkt sie, dass sich etwas in ihr löst. Sie schluckt, atmet, will es niederzwingen. Aber es ist zu spät, ihre Unterlippe zittert schon. Laura fängt an zu weinen. Mitten im Gespräch mit dem Mann ihr gegenüber.

Ihrem Chef.

"Ich konnte es einfach nicht unterdrücken." Laura, 38, zurzeit in einer Umschulung zur Bürokauffrau, erinnert sich an den Moment, als ihr vor dem Boss die Tränen kamen. "So peinlich" war ihr die Situation, dass sie ihren vollen Namen nicht nennen möchte. Sie machte gerade ihr Pflichtpraktikum in einem Handwerksbetrieb mit familiärer Atmosphäre, alle duzen einander. Laura hatte sich den Betrieb nicht ohne Grund ausgesucht: "Der Chef war ein langjähriger Kumpel von mir, wir haben uns immer gegenseitig Sprüche gedrückt. Das erschien mir zunächst wie ein Segen."

Bis Laura spürte, dass der Umgang miteinander kippte. Wohl aus einer "Selbstüberforderung" heraus: "Ich hatte vorher als Produktionsleiterin im Film- und Fernsehbereich gearbeitet, konnte dort keine Grenzen setzen. Meine Tendenz, nie Feierabend zu machen, behielt ich im neuen Beruf bei. Also arbeitete ich viel zu viel." Zudem fühlte sie sich unsicher in der ihr noch unbekannten Handwerksbranche und hatte Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen. "Alles zusammen machte mich immer empfindlicher, bis die Art meines Chefs nicht mehr lustig auf mich wirkte, sondern abwertend. Ich traute mich aber nicht, das offen anzusprechen."

Tränen lügen nicht: Wohin mit den Gefühlen?

Stattdessen bat sie im letzten Herbst um ein paar freie Tage. "Wofür brauchst du denn Urlaub?", frotzelte der Chef. Laura lachte nicht - sie musste weinen. Zuerst ärgerte sie sich "über meine schwache Performance. Aber als ich merkte, was das Weinen auslöste, war ich erleichtert". Ihr Chef habe nämlich "total erschrocken und fürsorglich" reagiert: "Wir hatten zum ersten Mal im Job ein offenes Gespräch. Dann haben wir Codewörter und Handzeichen verabredet. Damit soll ich signalisieren, wenn es zu flapsig wird. Seitdem geht alles viel besser."

Ein guter Ausgang für eine Situation, die auch schwer nach hinten losgehen kann. Und die speziell Frauen nicht unbekannt sein dürfte. Eine Übersichtsarbeit der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) für Augenheilkunde belegt: "Frauen weinen bis zu 64 mal pro Jahr, Männer dagegen nur bis zu 17 mal", sagt Elisabeth Messmer, Professorin und DOG-Präsidiumsmitglied. Bei Frauen seien es oft "emotionale Tränen" vor allem aus leistungsbezogenen Gründen, so Messmer: "Männer weinen eher aus Empathie und wegen persönlicher Belastungen wie einer Trennung, Frauen meist in Konfliktsituationen und beim Gefühl persönlicher Unzulänglichkeit."

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Foto: Matthias Kaufmann

Authentisch, empathisch, spontan, das alles sollen Mitarbeiter sein. Für Vorgesetzte gilt das erst recht als Idealbild - der Manager als Mensch, ein ganz großes Seminarthema. Nur zu menschlich darf man nicht werden im Berufsalltag. Die Authentizität hat Grenzen: Tränen sind tabu, selbst bei privaten Notlagen, beruflichen Rückschlägen oder derben Demütigungen.

Sag mal weinst du / oder ist es der Regen: Gesichtsverlust droht

Claudia Weiler, Führungskräfte-Coach aus Köln, weiß "aus Gesprächen mit Personalern, dass es bei vielen Chefs nicht gut ankommt, wenn ihre Mitarbeiter im Job weinen". Viele zögerten, so einem Mitarbeiter weiter Verantwortung zu übertragen. Weiler rät Angestellten wie auch Führungskräften, "sich zurückzunehmen und besser nach Feierabend vor den Freunden zu weinen als im Büro, sonst verbaut man sich am Ende die Karriere".

In "männlich und analytisch geprägten" Branchen, etwa in der Baubranche oder im Bankwesen, gelten Tränen als besonders verpönt, sagt die Hamburger Karriereberaterin Sabine Dinkel, die auch Jobcoaching für Hochsensible anbietet. Dabei seien solche Situationen eine Chance vor allem für Führungskräfte, "die eigene emotionale Intelligenz weiterzuentwickeln und unter Beweis zu stellen". Der Bonner Arbeitspsychologe Gerhard Blickle fand in mehreren Studien heraus, dass ein Mensch mit "gutem Verständnis für Emotionen auch beruflich weiter vorankommt" als emotionsärmere Kollegen.

Knifflig wird's in Situationen, in denen ein kühler Kopf gefragt ist, sagt Coach Claudia Weiler. Etwa wenn "ein Arzt beim Noteinsatz weint, weil er zu sehr mit den Verletzten mitleidet", oder bei Tränen einer Führungskraft im Büro. "Die Angestellten werden verunsichert, weil sie von ihrem Chef die Botschaft empfangen: ,Ich habe keine Lösung parat' - ohne nachvollziehbaren Grund für das Weinen, etwa einem privaten Schicksalsschlag, droht Gesichtsverlust."

Cry Me a River: Schon gar nicht als Mann

Den befürchtete auch Martin, 52, aus St. Wendel bei Saarbrücken. Keine Führungskraft. Aber ein Mann.

Der Techniker, der an Burnout erkrankte, eine Selbsthilfegruppe besucht und seit Januar Erwerbsunfähigkeitsrente bekommt, nennt ebenfalls nur seinen Vornamen. "Ich habe als Elektroniker in der Casino-Branche gearbeitet und war für die Technik der Geldspielgeräte und Kassen zuständig", erzählt er. "Im Unternehmen fühlte ich mich schwer gemobbt. Immer wenn es Differenzen in der Kasse gab, waren nicht die Kassierer schuld - der Fehler wurde auf das Gerät geschoben, angeblich durch mich falsch gewartet."

Eines Tages hätten 15.000 Euro in der Monatsabrechnung gefehlt. "Da hat es mich förmlich zerrissen", sagt Martin. Er zog die Tür zum Lager hinter sich zu, weinte still für sich. Die Tränen vor Chef und Kollegen zurückzuhalten, war anstrengend; immer öfter ging Martin für "Auszeiten" ins Lager oder weinte erst auf dem Nachhauseweg.

"Lieber wäre ich gestorben, als dass mich einer dabei sieht", sagt Martin. Für ihn ist klar: "Wenn Sie weinen, sind Sie aus Sicht des Arbeitgebers nicht mehr tragbar - schon gar nicht als Mann."

Autorin Almut Steinecke (Jahrgang 1972) ist Online-Redakteurin und freie Journalistin in Köln.

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