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Trainee in der Unternehmensberatung Im Reich der Ranwanzer

Was Blogger Airen im Berliner Partyleben so trieb, weiß man, seit Helene Hegemann Passagen aus seinem Buch stibitzte. Und tagsüber? War er Trainee in einer Unternehmensberatung. Dort erledigte er die Spanisch-Aufgaben seines Chefs, räumte Straßenkegel zur Seite und diente als Türstopper.
Allein unter Pylonen: Blogger Airen (Abbildung ähnlich) musste als Trainee orangefarbene Hütchen vom Parkplatz klauben

Allein unter Pylonen: Blogger Airen (Abbildung ähnlich) musste als Trainee orangefarbene Hütchen vom Parkplatz klauben

Foto: Corbis

Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass ich mit einem ziemlich guten Wirtschaftsdiplom von einer ziemlich guten Universität vor der Deutschlandzentrale einer ziemlich renommierten Unternehmensberatung stand und meinen ersten Schritt ins Berufsleben tat. In Berlin war ich zum Bewerbungsgespräch für eine Trainee-Stelle eingeladen.

Das Vorstellungsgespräch, das erste meines Lebens, lief belanglos ab, viel weniger hart, als ich befürchtet hatte. Wofür die Buchstaben im Firmennamen stünden, wollte man wissen, oder wie die drei Geschäftsbereiche des Unternehmens lauteten. "Wirtschaftsprüfung, Steuern, Beratung", las ich von einem Poster an der Wand ab.

Den Rest des Einstellungsgespräches schwafelte mein zukünftiger Chef von den guten Aussichten der Firma im Allgemeinen und den Aufstiegschancen nach einem Traineeprogramm im Speziellen. Und da ich das Ganze wohl ziemlich eingeschüchtert und kritiklos über mich ergehen ließ, wurde mir zwei Wochen später ein Arbeitsvertrag zugeschickt. Ich war jetzt also ein Trainee, stellte ich nicht ohne Stolz fest, ein "High Potential" in einer angesehenen Unternehmensberatung. Das Tor zum Erfolg stand weit offen.

Spanisch-Hausaufgaben für den Chef

Erst an meinem ersten Arbeitstag wurde mir erklärt, wie das Trainee-Programm eigentlich aussehen sollte: Das erste halbe Jahr sollte ich in der PR-Abteilung verbringen, direkt dem dort zuständigen Manager unterstellt. Für die zweite Hälfte würde ich im Kerngeschäft, der Wirtschaftsprüfung, tätig sein. Ich war wegen meines Studienschwerpunkts im Marketing vor allem auf den PR-Teil gespannt.

Die tägliche Arbeit dort bestand hauptsächlich im Aktualisieren von Listen mit Ansprechpartnern, im Erstellen eines monatlichen Event-Kalenders und darin, die E-Mails meines Chefs auf Rechtschreibfehler zu korrigieren. Etwas Auflockerung boten die Dienstage. Da durfte ich meinem Chef immer die Spanisch-Hausaufgaben machen; gegen Abend verabschiedete er sich dann ins Instituto Cervantes.

In der Tat gab es in der Firma auch interessante Events zu planen - für meinen Manager. Ein Meeting mit der indischen Botschafterin etwa, oder ein Business Breakfast mit Peer Steinbrück: Als Trainee orderte man mich ab, die orangefarbenen Hütchen am Eingang vor der Konzernfiliale zu räumen, sobald der damalige Finanzminister mit Blaulicht vorfährt.

Ein tiefer See aus Speichel

Als in unserer Zentrale eine antike Statue vor reputablem Publikum enthüllt werden sollte, stellte man mich einen ganzen Nachmittag an die Hintertür. Ich sollte aufpassen, dass die Brandschutztür nicht zufällt. Im Grunde hätte jeder Abiturient meine Aufgaben dort problemlos übernehmen können. Die anderen Praktikanten und Trainees nahmen es mit Fassung. Den meisten war klar, dass der Weg nach oben durch einen tiefen See aus Speichel führt, und nutzten die viele überschüssige Zeit zum gnadenlosen Ranwanzen.

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Hart, aber herzlich: Worauf es bei Trainee-Programmen ankommt

Foto: Corbis

Dass man als Trainee durch gute Ergebnisse, saubere Arbeit oder klaren Durchblick punktet, so viel war uns damals allen klar, ist eine Illusion. Und so verbrachten wir die Nächte auf After-Work-Parties, halfen dem Chef beim Umzug oder ließen uns zum Jahrestreffen des Wirtschaftsrats der CDU mitschleppen.

Dabei sein ist alles.

So wie mich der erste Teil meines Trainee-Programms unterforderte, so wurde ich im zweiten Teil ins kalte Wasser geworfen. Zwei Wochen, bevor meine Arbeit in der PR-Abteilung offiziell enden sollte, bestellte man mich übereilt in die Prüfungsabteilung: Bei einem neu gewonnenen Kunden, einem Chemiekonzern, gebe es zeitliche Probleme mit der Wirtschaftsprüfung. Ob ich nicht jetzt schon wechseln wolle, es sei Not am Mann, man würde es mir sehr danken. Da mein Chef keine Einwände hatte, sagte ich zu.

Aus Trainee mach Wirtschaftsprüfer

Tags darauf saß ich mit dem Prüfungsleiter, einem Kollegen Ende zwanzig, in dessen Mercedes-Coupé und fuhr zum Hauptsitz des Kunden. Während der Fahrt klärte er mich über die Grundregeln der Wirtschaftsprüfung auf. Nie gehörte Fremdwörter prasselten auf mich ein. Von Inter-Company-Reconciliation war da die Rede, von einem Roll-up der letzten vier Wochen, der jetzt noch unbedingt gemacht werden müsste, dafür sollte ich die Saldenbestätigungen checken. Alles klar.

Wir näherten uns in rasendem Tempo meinem Einsatzort. Ich sah aus dem Fenster und versuchte, einigermaßen die Haltung zu bewahren und nicht absolut ahnungslos dreinzuschauen.

Verstehen Sie Beratersprech?

Minuten später setzte man mich mit einem Fragebogen neben die Buchhalterinnen des Auslandsgeschäfts und ließ mich loslegen mit dem Prüfen. Dass ich bisher nur einige Monate in der PR gearbeitet hatte, verschwieg ich den Sachbearbeiterinnen lieber. Wenn mir etwas komisch vorkam, ließ ich mich von den Damen gern überzeugen, dass das alles schon seine Richtigkeit habe. Zeit für Einwände hätte im stressgeplagten Prüfungsteam meiner Firma sowieso niemand gehabt. Und so wurde dem Jahreabschluss des Chemiekonzerns letztlich von meiner Firma Unbedenklichkeit bescheinigt - auch von mir.

Trotzdem: Die Zeit in der Prüfungsabteilung war die lehrreichste meines Trainee-Programms. Die Vorgesetzten hatten alle ihren Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater gemacht, also wirklich etwas auf dem Kasten. Endlich eine Abwechslung zum öden Smalltalk der PR!

Netzwerken als Schlüssel zum Erfolg

Die Kollegen arbeiteten mich zunehmend in die Materie ein, ich durfte noch bei ein paar kleineren Prüfungen mitwirken. Nach den Erfahrungen in der PR bekam ich manchmal sogar Lust, mein Examen zum Wirtschaftsprüfer abzulegen und dort einzusteigen.

Dann sah ich aber auch hier wieder die verborgenen Mechanismen der Karriere, das Mit-den-richtigen-Leuten-Reden, das Gut-Auskommen und Kontakte-Knüpfen, letztlich, wie ich es empfand: die ultimative Instrumentalisierung des persönlichen Umgangs. Networking eben. Gerade in der PR und in der Beratung, wo es kaum auf fachliches Wissen ankommt, war das der Schlüssel zum Erfolg.

Eigentlich bestand mein Trainee-Programm aus nicht mehr als zwei nacheinander geschalteten Praktika. Obwohl mir die ganze Firmenkultur nicht behagte und man mir das wohl auch anmerkte, bot man mir eine Stelle an, 3000 Euro Monatsgehalt. Die Arbeitsmarktlage war auch 2007 gut. Eigentlich wurde jeder eingestellt, wenn man ihn nicht irgendwo beim Klauen erwischte. Ich wollte zu dem Zeitpunkt aber nur noch 'raus aus diesem Verein und ging lieber nach Mexiko.

Foto: privat

Airen ist das Pseudonym eines Berliner Bloggers und Buchautors. Er wurde einer großen Öffentlichkeit bekannt, als der Jungliteratin Helene Hegemann 2010 nachgewiesen wurde, in ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill" mehrere Passagen aus Airens "Strobo" abgeschrieben zu haben. Airen lebt heute in Mexiko-City.

Während meiner Zeit als Trainee habe ich meine Tag- und Nachterlebnisse in einem Blog protokolliert. Später wurde daraus ein Buch, dann ein Literaturskandal. Heute bin ich froh, dass ich diese Welt von außen betrachten darf, denn von innen besehen war sie ein enttäuschender Blick in den Abgrund der Banalität.

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