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21. Oktober 2011, 08:55 Uhr

Trainees im Test

Gockeln um den Job

Wer seine Karriere als Trainee bei einem Großkonzern starten will, muss meist durch die Vorhölle: ein Assessment-Center. Im Interview erzählt Personalerin Alena Heßhaus, wie manch ein Bewerber sich dort zum Affen macht. Und sie warnt: "Wer schauspielert, fliegt auf."

UniSPIEGEL: Das Assessment-Center beginnt bei Ihrem Arbeitgeber Haniel mit einem geselligen Abendessen. Ist das schon eine Art Testsituation?

Heßhaus: Uns geht es nicht darum, wie viel Bier oder Wein ein Bewerber trinkt, aber natürlich sollte jeder seine Grenzen kennen. Sinn eines solchen Abends ist es, dass die Bewerber ein bisschen ihre Aufregung ablegen können. Außerdem wissen die Bewerber, dass sie einen harten Tag vor sich haben, und gehen sowieso meist früh schlafen.

UniSPIEGEL: Wie hart wird denn dann der Tag?

Heßhaus: Wir führen mit den Bewerbern Einzelinterviews, aber noch wichtiger ist uns das Verhalten in der Gruppenarbeit. Die Teilnehmer müssen zum Beispiel unter Beobachtung gemeinsam ein Konzept für die fiktive Übernahme einer Firma erarbeiten. Da kann man gut sehen, wie sich die Bewerber in einer Arbeitssituation verhalten.

UniSPIEGEL: In welche Fallen kann man dabei tappen?

Heßhaus: Wir stellen keine Fallen, eher bauen sich manche Bewerber selber eine auf, indem sie eine Rolle spielen wollen, die sie irgendwo als vermeintlich ideale Verhaltensweise aufgeschnappt haben. Das geht meistens nicht gut.

UniSPIEGEL: Vor allem im Internet finden sich Tipps für den perfekten Auftritt beim Assessment-Center...

Heßhaus: ...man sollte sich aber nicht allzu sehr von dem leiten lassen, was in Büchern oder im Internet zu lesen ist. Oft wird der Eindruck vermittelt, es komme gut an, wenn man bei einer Gruppenaufgabe die Leitung übernehme und versuche, seine Meinung durchzusetzen.

UniSPIEGEL: Und was ist daran falsch?

Heßhaus: Es gibt Persönlichkeiten, die können das glaubhaft umsetzen, da sie über ein entsprechendes Charisma verfügen. Leider gibt es aber auch einige, die übernehmen eine Rolle, die absolut nicht zu ihnen passt, so dass es eher unbeholfen wirkt.

UniSPIEGEL: Wie sieht das aus?

Heßhaus: Typisch ist zum Beispiel, dass einer beim Reden den anderen Teilnehmern nicht in die Augen schaut oder aber ständig mit dem Kugelschreiber spielt. Manche sitzen auch so verspannt auf ihrem Stuhl, dass man denkt, sie bräuchten eine Massage. Da passt die Gestik nicht, die Mimik nicht, da passt einfach nichts zusammen, und das fällt uns ganz sicher auf. Ich kann da nur sagen: Versuche nicht, jemand zu sein, der du nicht bist. Sei authentisch. Wer schauspielert, fliegt auf.

UniSPIEGEL: Verhalten sich Männer anders als Frauen?

Heßhaus: Häufig ja. Männliche Bewerber neigen eher dazu, sich zu überschätzen, Frauen sind meistens eher zurückhaltend, hören dafür aber oft viel besser zu.

UniSPIEGEL: Hätte ich als eher schüchterner Typ denn überhaupt eine Chance?

Heßhaus: Sicher. Lieber wenig sprechen, dann aber das Richtige sagen und Teamfähigkeit beweisen. Bloß kein verbaler Rambo sein, der eigentlich nichts mitzuteilen hat. Jemand, der viel redet, ohne Inhalt, und nicht auf andere eingehen kann, fällt eher negativ auf.

UniSPIEGEL: Ganz ehrlich, setzen sich hübsche Kandidaten eher durch?

Heßhaus: Attraktiven Menschen werden häufiger positive Eigenschaften wie zum Beispiel Intelligenz oder ein guter Charakter zugeschrieben. So kann es natürlich dazu kommen, dass die Beobachter entsprechend geblendet werden. Aber wir steuern bewusst dagegen. Eine der wichtigsten Regeln, die wir unseren Beobachtern mit auf den Weg geben, heißt: Lass dich von der Hülle nicht irritieren! Das klappt auch sehr gut, meiner Meinung nach. Man muss sogar aufpassen, dass es nicht umgekehrt ein Problem wird und man die Attraktivsten der Gruppe besonders kritisch beobachtet.

UniSPIEGEL: Haben sich die Teilnehmer Ihrer Assessment-Center in den vergangenen Jahren verändert?

Heßhaus: Auf jeden Fall. In den vergangenen Jahren ist den Bewerbern eine gesunde Work-Life-Balance viel wichtiger geworden. Das ist unserer Meinung nach eine sehr gute Entwicklung. Letztlich ist das Wohlbefinden der Mitarbeiter ja auch gut für das Unternehmen.

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