Trainees im Test Gockeln um den Job

Wer seine Karriere als Trainee bei einem Großkonzern starten will, muss meist durch die Vorhölle: ein Assessment-Center. Im Interview erzählt Personalerin Alena Heßhaus, wie manch ein Bewerber sich dort zum Affen macht. Und sie warnt: "Wer schauspielert, fliegt auf."

Hahnenkampf: Mit zu aggressivem Gebaren bringen Bewerber sich um ihre Chancen
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UniSPIEGEL: Das Assessment-Center beginnt bei Ihrem Arbeitgeber Haniel mit einem geselligen Abendessen. Ist das schon eine Art Testsituation?

Heßhaus: Uns geht es nicht darum, wie viel Bier oder Wein ein Bewerber trinkt, aber natürlich sollte jeder seine Grenzen kennen. Sinn eines solchen Abends ist es, dass die Bewerber ein bisschen ihre Aufregung ablegen können. Außerdem wissen die Bewerber, dass sie einen harten Tag vor sich haben, und gehen sowieso meist früh schlafen.

UniSPIEGEL: Wie hart wird denn dann der Tag?

Heßhaus: Wir führen mit den Bewerbern Einzelinterviews, aber noch wichtiger ist uns das Verhalten in der Gruppenarbeit. Die Teilnehmer müssen zum Beispiel unter Beobachtung gemeinsam ein Konzept für die fiktive Übernahme einer Firma erarbeiten. Da kann man gut sehen, wie sich die Bewerber in einer Arbeitssituation verhalten.

UniSPIEGEL: In welche Fallen kann man dabei tappen?

Heßhaus: Wir stellen keine Fallen, eher bauen sich manche Bewerber selber eine auf, indem sie eine Rolle spielen wollen, die sie irgendwo als vermeintlich ideale Verhaltensweise aufgeschnappt haben. Das geht meistens nicht gut.

UniSPIEGEL: Vor allem im Internet finden sich Tipps für den perfekten Auftritt beim Assessment-Center...

Heßhaus: ...man sollte sich aber nicht allzu sehr von dem leiten lassen, was in Büchern oder im Internet zu lesen ist. Oft wird der Eindruck vermittelt, es komme gut an, wenn man bei einer Gruppenaufgabe die Leitung übernehme und versuche, seine Meinung durchzusetzen.

UniSPIEGEL: Und was ist daran falsch?

Heßhaus: Es gibt Persönlichkeiten, die können das glaubhaft umsetzen, da sie über ein entsprechendes Charisma verfügen. Leider gibt es aber auch einige, die übernehmen eine Rolle, die absolut nicht zu ihnen passt, so dass es eher unbeholfen wirkt.

UniSPIEGEL: Wie sieht das aus?

Heßhaus: Typisch ist zum Beispiel, dass einer beim Reden den anderen Teilnehmern nicht in die Augen schaut oder aber ständig mit dem Kugelschreiber spielt. Manche sitzen auch so verspannt auf ihrem Stuhl, dass man denkt, sie bräuchten eine Massage. Da passt die Gestik nicht, die Mimik nicht, da passt einfach nichts zusammen, und das fällt uns ganz sicher auf. Ich kann da nur sagen: Versuche nicht, jemand zu sein, der du nicht bist. Sei authentisch. Wer schauspielert, fliegt auf.

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UniSPIEGEL: Verhalten sich Männer anders als Frauen?

Heßhaus: Häufig ja. Männliche Bewerber neigen eher dazu, sich zu überschätzen, Frauen sind meistens eher zurückhaltend, hören dafür aber oft viel besser zu.

UniSPIEGEL: Hätte ich als eher schüchterner Typ denn überhaupt eine Chance?

Heßhaus: Sicher. Lieber wenig sprechen, dann aber das Richtige sagen und Teamfähigkeit beweisen. Bloß kein verbaler Rambo sein, der eigentlich nichts mitzuteilen hat. Jemand, der viel redet, ohne Inhalt, und nicht auf andere eingehen kann, fällt eher negativ auf.

UniSPIEGEL: Ganz ehrlich, setzen sich hübsche Kandidaten eher durch?

Heßhaus: Attraktiven Menschen werden häufiger positive Eigenschaften wie zum Beispiel Intelligenz oder ein guter Charakter zugeschrieben. So kann es natürlich dazu kommen, dass die Beobachter entsprechend geblendet werden. Aber wir steuern bewusst dagegen. Eine der wichtigsten Regeln, die wir unseren Beobachtern mit auf den Weg geben, heißt: Lass dich von der Hülle nicht irritieren! Das klappt auch sehr gut, meiner Meinung nach. Man muss sogar aufpassen, dass es nicht umgekehrt ein Problem wird und man die Attraktivsten der Gruppe besonders kritisch beobachtet.

UniSPIEGEL: Haben sich die Teilnehmer Ihrer Assessment-Center in den vergangenen Jahren verändert?

Heßhaus: Auf jeden Fall. In den vergangenen Jahren ist den Bewerbern eine gesunde Work-Life-Balance viel wichtiger geworden. Das ist unserer Meinung nach eine sehr gute Entwicklung. Letztlich ist das Wohlbefinden der Mitarbeiter ja auch gut für das Unternehmen.



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Olaf 21.10.2011
1. .
Zitat von sysopWer seine Karriere als Trainee bei einem Großkonzern starten will, muss meist durch die Vorhölle: ein Assessment-Center. Im Interview erzählt Personalerin Alena Heßhaus, wie manch ein Bewerber sich dort zum Affen macht. Und sie warnt: "Wer schauspielert, fliegt auf." http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,792751,00.html
Das klingt ja alles ganz toll, was die Frau Heßhaus da so erzählt. Allein, mir fehlt der Glaube, dass dies alles wirklich so umgesetzt wird.
reflexxion 21.10.2011
2. ein heisse Luft Interview
läuft das heute wirklich so? Wohl kaum, das ist nur das was ein Personaler/in nach außen zugeben darf oder will. Ich habe mal so einen Termin für einen simplen Callcenter Job gehabt, da man bei dieser großen deutschen Fluggesellschaft alle über einen Kamm scherte, bekamen wir die selben Tests wie potentielle Piloten und andere höher angesiedelte Fachkräfte. Mir wurde nachher gesagt, ich sei zu intelligent für den Job, was sicher stimmte - was wirklich stimmte war aber, ich war zu kritisch für den Job. Man suchte wohl stärker angepasste und finanziell in Not geratene alleinerziehende Frauen. Ich habe auch in einer auf 15 Minuten begrenzten Aufgabe für 5 Teilnehmer nach 10 Minuten sinnloser ins leere gehender Diskussion die Führung übernommen und nur noch Arbeit verteilt. So konnte die Aufgabe immerhin in den restlichen 5 Minuten gelöst werden - aber genau das mochte man wohl nicht. Aus "Liebe" zu dieser Airline fliege ich heute lieber mit Air Berlin, weil ich mich da noch nie beworben habe.
ohne_sorge 21.10.2011
3. .
Assessment-Center sind eine reine ABM für Personaler, sonst nichts. Ich sehe hin und wieder selber wie Personaler Bewerbungen filtern. Die sortieren fast alles aus was wirklich gute Bewerber wären. Eine Zufallsauswahl wäre sicher besser...
sunstroke, 21.10.2011
4. ...
Am besten ist der letzte Satz des Artikels: ---Zitat von Artikel--- In den vergangenen Jahren ist den Bewerbern eine gesunde Work-Life-Balance viel wichtiger geworden. Das ist unserer Meinung nach eine sehr gute Entwicklung. Letztlich ist das Wohlbefinden der Mitarbeiter ja auch gut für das Unternehmen. ---Zitatende--- Wenn bestimmte Qualifikationen extrem gefragt sind und Leute nicht mal eben schnell ersetzt werden können muss man denen die man hat halt auch was bieten. Anders sieht's da aus wenn Arbeitskräfte ersetzbar sind. Dann wird sehr schnell von "Flexibilität die man einfach erwarten muss" oder "Löhnen die bei der aktuellen Lage einfach nicht drin sind" geredet... Wieder so ein super Interview in der Trainee-Woche auf SpOn...Warum wird die Rubrik KarriereSpiegel eigentlich nicht umbenannt in Public Relations Spiegel?
Quintus, 21.10.2011
5. Schauspielschule
Und wie ist das mit guten Schauspielern? Die Konsequenz ist also erst einmal eine vernueftige Schauspielschule zu besuchen bevor man so naerrisch ist sich hartes Wissen anzueignen.
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