In Kooperation mit

Job & Karriere

Fotostrecke

Trainees in der Tourismusbranche: Trainieren statt studieren

Foto: Robinson Club

Trainees in der Tourismusbranche Gute Laune auf dem Lehrplan

In der Tourismusbranche zählt ein Lächeln mehr als ein MBA. Viele Hotels verzichten auf Akademiker und züchten sich den Nachwuchs lieber selbst heran. Bis es soweit ist, müssen die Manager von morgen aber erst mal die Betten machen - und ihren Frust im Kühlhaus verstecken.

Lars Kretschmer, 34, ist ein Robin. Das ist nicht etwa sein zweiter Vorname. Es ist seine Berufsbezeichnung - und seine Lebenseinstellung. Das Wort hat sein Arbeitgeber erfunden: der Robinson Club. Kretschmer ist Management Trainee, er arbeitet im beliebten türkischen Urlaubsort Side nahe Antalya. 23 Monate dauert das Programm, gerade macht er Station in der Assistenz des Clubdirektors.

Der Chef hat heute frei, Kretschmer übernimmt seine Aufgaben. Dazu gehört fast alles: morgens Teller abräumen, Kaffee nachschenken und sich die Sorgen der Gäste anhören. Dann E-Mails beantworten, Organisationskram erledigen. Und am Abend auf der Showbühne das Programm ankündigen. In Notfällen klingelt auch nachts sein Telefon. "Wir arbeiten häufig mehr als acht Stunden am Tag", sagt Kretschmer. "Ich bin einfach gerne Gastgeber. Wenn das nicht die Leidenschaft ist, hat man in dem Beruf keine Chance."

Insgesamt 25 Robinson Clubs betreibt der Tourismuskonzern Tui. Günstig ist der Urlaub in den Rundum-Wohlfühl-Ressorts nicht. Das Publikum ist jung und meistens erfolgreich. Diesen Eindruck sollen auch die Clubmitarbeiter vermitteln. Wer wissen will, ob er mithalten kann, klickt sich auf der Internetseite durch den Jobtest "Wie Robin bist du?" . Bist du bereit, dir mit einem Kollegen ein Zimmer zu teilen und sechs Tage am Stück zu arbeiten? Nein? Dann: "Hoppla. Vielleicht passen wir nicht so gut zusammen."

Fotostrecke

Trainees berichten: Von A wie Ausbeutung bis Z wie Zeitverschwendung

Foto: Corbis

Kretschmer ist ziemlich Robin, er hat den Sprung in das begehrte Trainee-Programm geschafft. In Portugal hat er im Club "Quinte da Ria" gearbeitet, war dort als Food & Beverage Manager für die gesamte Gastronomie zuständig. Sein Chef empfahl ihn für höhere Aufgaben - eine Voraussetzung, um in das Programm zu kommen. Bevor der gelernte Hotelfachmann Trainee werden durfte, musste er aber erst noch ein Assessment-Center in der Firmenzentrale in Hannover überstehen. Gefragt war bei den sechs Teilnehmern vor allem Management-Wissen aus dem Hotelfach. Kretschmer überzeugte die Personaler und bekam einen der beiden Jobs.

Nun hat er eine Führungsposition sicher: Mit dem Trainee-Vertrag unterschreiben Robins eine Anschlussvereinbarung als stellvertretende Clubdirektoren. Das Programm zimmern die Personaler gemeinsam mit den Trainees individuell zusammen - abhängig von ihren Erfahrungen. Bis zu 15 Stationen aus allen Jobbereichen müssen die Nachwuchsmanager in drei bis vier Clubs absolvieren. In Kretschmers Fall sind es nur zehn Bausteine zum Chefsessel. Er verfügt bereits über viel Erfahrung, war Animateur und hat im Kempinski auf Sansibar gearbeitet.

Hochschulabsolventen fehlt die Praxis

Ein Robin soll alles können. Deshalb musste Kretschmer mit den Zimmermädchen im Housekeeping die Betten machen. "Die können das natürlich besser als ich. Trotzdem stehe ich als Trainee im Fokus und werde von allen beurteilt. Gleichzeitig muss ich aber mit allen zurechtkommen. Vom IT-Fachmann über den Koch bis zum Hausmeister - und natürlich auch mit den Zimmermädchen."

Martina Beier, Personalleiterin bei den Robinson Clubs, sucht vor allem Menschen, die sich in das System einfügen können: "Wer bei uns erfolgreich sein will, sollte sich auch mit der Unternehmensphilosophie identifizieren können. Ein Clubdirektor muss auch menschlich überzeugen, die Gäste nah an sich heranlassen und ihnen das Gefühl vermitteln, zur Familie zu gehören. Das liegt nicht jedem. In der klassischen Hotellerie wird das häufig ganz anders gelebt."

Seit knapp 15 Jahren arbeiten die Clubhotels mit Trainee-Programmen. Die Erfahrungen sind positiv, Hochschulabsolventen fehle oft die Praxis. "Für die Trainee-Programme suchen wir Leute aus, die gezeigt haben, dass sie führen können. Das Thema Führung lernt man nur in der Praxis", sagt Baier.

Mischa Lietzke, 27, Corporate Leadership Trainee im Hyatt Hotel in Hamburg, sieht ähnliche Gründe, die für die Programme sprechen. Für die Häuser sei es ein großer Aufwand, die Mitarbeiter in die vielen Standards einer Hotelkette einzuführen. "Das geht einfacher, wenn sich die Hotels den Nachwuchs selbst heranzüchten", sagt er.

Lietzke hat sich für das Programm entschieden, weil er "einen Weg gesucht hat, um schnell nach oben zu kommen". Sein Architekturstudium hat er nach drei Semestern geschmissen. Nach einer Hotelfachausbildung wollte er dann nicht zurück an die Uni. "Dort würde mir der Praxisbezug fehlen." Zwar sei ein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Hotelfachbezug sicher auch viel wert, aber die Alltagserfahrung könne das nicht ersetzen, glaubt er.

Zum Abreagieren ins Kühlhaus

Während der 18 Monate seines Trainee-Programms arbeitet Lietzke in sieben verschiedenen Abteilungen, darunter im Personalbüro, dem Spa-Bereich und dem Housekeeping. Selbst mit anpacken muss er aber nicht, er kontrolliert höchstens die Arbeit der Zimmermädchen. Auch er konnte die Stationen seiner Ausbildung mitgestalten. Außerdem nimmt er an Schulungen und Fortbildungen teil - von der Mitarbeiterförderung über Bewerbungsgespräche. Auch ein Kurs über Whiskeysorten ist mal dabei.

Derzeit arbeitet Lietzke am Empfang, hier wird er insgesamt fünf Monate eingesetzt. "Nach dem Trainee-Programm möchte ich langfristig Front Office Manager werden", sagt er. Berufsanfänger und Hochschulabsolventen könnten das nicht direkt erreichen.

Die Schichtarbeit stört ihn dabei nicht. "Meine Arbeitszeitbelastung ist immer im Rahmen" sagt er. Zwar bleibe er auch mal eine halbe Stunde länger. Aber das sei nie das Ziel. Einen Job wie den von Lars Kretschmer kann sich Lietzke nicht vorstellen: "Ich möchte auch mal Feierabend haben und hier nicht schlafen oder frühstücken müssen."

Im türkischen Side hat es vor zwei Tagen geregnet, das erste Mal seit März. Davon darf sich Kretschmer nicht beeindrucken lassen. Schlechte Laune ist für Robins nicht vorgesehen. Immer lachen zu können, das ist für Kretschmer Professionalität, die habe er erst lernen müssen: "Wir bringen für den Gast eine Leistung. Da ist es wichtig, sich im Team gegenseitig zu motivieren. Zur Not muss ich eben ins Kühlhaus gehen, wo ich allein bin, laut sein und mich abkühlen kann."

Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.