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Humanitäre Helfer: Richtig retten

Foto: David Weyand

Training für Helfer Bereit für die nächste Katastrophe

Ob Ebola-Epidemie oder Überschwemmungen: Bei Katastrophen werden internationale Helfer gebraucht. In Schulungen bereiten sie sich für den Ernstfall vor. Doch wie viel Haiti, Philippinen und Nigeria kann man in einer brandenburgischen Kaserne lernen?
Von David Weyand

Eine Flutwelle hat die Stadt überschwemmt, 300 Menschen sind ertrunken, Tausende verletzt. Die Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sind von der Außenwelt abgeschnitten. Zu fünft sitzen sie im Büro und informieren sich: "Wie viele Verletzte gibt es?", fragt einer. "Was haben wir noch an Vorräten?", eine andere. Achselzucken bei den Übrigen, sie wissen nicht einmal, wie viele ihrer lokalen Kollegen einsatzbereit sind. Dann springt die Tür auf: "Helft uns, wir haben Durst und brauchen Zelte!", fleht ein blonder Mann.

Der Unglücksort "Alphaville" ist fiktiv - und befindet sich in Berlin-Lichterfelde. An einem sonnigen Herbsttag üben rund 30 Frauen und Männer in einem Tagungshotel den Ernstfall. Sie bereiten sich im "Impact"-Kurs auf einen Auslandseinsatz für die DRK-Katastrophenhilfe vor. Stefan Schmoldt arbeitet seit Juni für das Rote Kreuz auf den Philippinen. Heute ist er Flutopfer. "Im Planspiel ereignen sich Dinge, die in der Realität niemals auf einmal passieren würden", sagt der 29-Jährige. Stefan hat Politikwissenschaften studiert und war schon für andere Organisationen in Afghanistan, Kenia und Haiti.

Das Umfeld für Menschen wie ihn wird immer gefährlicher. Laut der Aid Worker Security Database gab es vergangenes Jahr weltweit 251 Angriffe, bei denen humanitäre Helfer entführt, verletzt oder getötet wurden. Viermal so viele wie 2003. In Kriegsgebieten operiert auf Basis des Völkerrechts nur das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), dennoch arbeitet auch die deutsche Sektion in über 45 Krisengebieten. Aktuell etwa in Westafrika, wo die Ebola-Epidemie grassiert. Wie viele andere Hilfsorganisationen sucht das DRK dafür dringend ausgebildetes Personal. Damit die Helfer sich nicht mit dem Virus infizieren, ist gute Vorbereitung essenziell.

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Erste Hilfe am Unfallort: Helfen statt filmen

Foto: ACE

Gesucht werden Ärzte, Krankenschwestern, Ingenieure, Logistiker, Handwerker und Projektmanager - Abenteurer sind nicht gefragt.

Wer den aufwendigen Onlinekurs besteht, relevante Auslandserfahrung hat und vom Arzt für tropentauglich befunden wird, hat gute Chancen, zum Vorbereitungskurs eingeladen zu werden. Inhalt: Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, humanitäre Prinzipien, Aufgaben vor Ort sowie Basiswissen zu Konflikten und Naturkatastrophen. Alles auf Englisch.

Nach vier Tagen im Seminarraum geht es auf den Truppenübungsplatz Lehnin bei Potsdam. Inmitten von Kiefernwäldern beginnt das dreitägige Sicherheitstraining "First Aid in the Field". Dabei geht es um mehr als medizinische Soforthilfe. Erster Akt: 600 Sandsäcke füllen und eine Schutzmauer stapeln. Die Sicherheit der eigenen Basis hat oberste Priorität.

Stefan Schmoldt - groß, athletisch, Stoppelbart - wirft ein prall gefülltes Sandpaket in die Arme der zierlichen Engländerin Amna Shaddad. Die 31-Jährige ist seit Juli Delegierte in Haiti, so nennt das rote Kreuz seine in die Welt entsandten Mitarbeiter. "Wer in dem Berufsfeld arbeitet, entscheidet sich nicht für eine bestimmte nationale Organisation, sondern für eine konkrete Aufgabe oder Region", sagt sie.

Die Teilnehmer sind im Schnitt 35 Jahre alt und kommen überwiegend aus Deutschland und Europa. Aber auch ein Kongolese, ein Iraker und eine Philippinerin sind dabei. "Wir schreiben unsere Stellen international aus", sagt Sandy Rosenhauer, Personalreferentin beim DRK. Die Mitarbeiter bekommen meist befristete Verträge, ein Grundgehalt, Auslandszulagen, Unterkunft, medizinische Checks und Versicherungen bezahlt. Der kostenlose Vorbereitungskurs ist für jeden Delegierten Pflicht.

Die Gruppe teilt sich auf vier Übungsstationen auf, Stefan Schmoldt und Amna Shaddad sind in Team drei, weiße Leibchen. An einer Lichtung wartet bereits Conny Kerpa auf sie. Ein Freiwilliger, der seit vielen Jahren in Katastropheneinsätze fährt. Denn neben rund 90 Hauptamtlichen, die fest angestellt im Ausland arbeiten, kann das DRK kurzfristig mehrere hundert ausgebildete Fachkräfte anfragen.

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Ebola: Helfer am Limit

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Fordert eine andere Rotkreuzgesellschaft im Notfall Unterstützung von der deutschen Sektion an, schickt diese ihre Emergency Response Units. Diese speziell ausgebildeten Teams sind innerhalb von 24 bis 36 Stunden vor Ort. Kerpa, der Berufsfeuerwehrmann und Spezialist für Wasseraufbereitung ist, fährt mit, wenn sein Arbeitgeber ihn für mehrere Wochen freistellt. Bislang ging das immer. Dafür übernimmt das DRK die Personalkosten. Zusätzliche Fachkräfte stellt es bei Bedarf auch kurzzeitig an.

Heute schürt Kerpa Feuer. Aus einer Flasche spritzt er Brandbeschleuniger in eine Tonne, Flammen lodern empor. "Habt keine Angst!", ruft er den Helfern zu. Mit Sand und Feuerlöschern dämmen sie den Brand ein. Dann zündet er einen Pullover an einer Metallpuppe an und ruft "Hilfe, Hilfe, ich brenne". Stefan Schmoldt, der nur Turnschuhe, Jeans und Windjacke trägt, rennt auf die Attrappe zu, wirft ihr eine Decke um den Oberkörper, ringt die Figur zu Boden und klopft den Sauerstoff unter dem dampfende Umhang heraus. "Diese Übung finde ich besonders gut", sagt er, "durch Erdbeben oder in überfüllten Flüchtlingslagern bricht schnell mal ein Feuer aus."

Nach Lerneinheiten in Satellitentelefonie und Buchstabierübungen im Funkalphabet wartet zum Schluss noch ein weißer Land Cruiser. In stiefeltiefen Panzerfurchen steht Team drei um die geöffnete Motorhaube des Jeeps. Ein Fahrlehrer erklärt, wie Batterie, Kompressorpumpe und Ölmessstab funktionieren. Schmoldt schaut ungeduldig und will ans Steuer, nach seinem Studium ist er acht Monate mit einem Nissan Terrano von Berlin nach Südafrika gefahren. Er prüft das Allradgetriebe und brettert los: Der Wagen pflügt durch die Panzerspuren, einen Hang hinauf und steil wieder herunter. Amna Shaddad wirbelt trotz Anschnallgurt im Fonds umher. Anschließend ist sie dran.

Die Stimmung ist ausgelassen. Es geht ins Camp zurück, Feierabend. Wenn da nicht ein Funkspruch an alle käme: "Die Sandsäcke liegen falsch, bitte umladen - over". "Och nö", stöhnt es im Chor. Kaum haben sie die Hälfte geschafft, knallt es plötzlich in der Ferne. Die Bundeswehr? Noch einmal knarzt die Handfunke: "Notfall!". Aus dem Planspiel Überflutung wird ein Autounfall im Minenfeld. "Katastrophensituationen sind chaotisch. Und dafür sollen die Leute ein Gespür bekommen", sagt Sandy Rosenhauer vom DRK.

Foto: David Weyand

KarriereSPIEGEL-Autor David Weyand (Jahrgang 1978) lebt als freier Journalist und Fotoreporter in Berlin und berichtet aus verschiedenen Ländern der Welt.

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