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Trauer in Unternehmen Was tun, wenn der Chef stirbt?

Eine Todesanzeige ist nicht genug. Für Steve Jobs legten die Apple-Mitarbeiter Blumen, Kerzen, Äpfel nieder. Aber wie reagieren Beschäftigte in Deutschland, wenn ihr langjähriger Chef stirbt? Professionelle Trauerbegleiter bieten Hilfe an - sie lassen Trompeter antreten, kreieren gar einen Firmenaltar.
Von Maria Zeitler und Verena Töpper
Lippenstift auf Glasscheibe: Abschied der Apple-Mitarbeiter von ihrem Ex-Chef

Lippenstift auf Glasscheibe: Abschied der Apple-Mitarbeiter von ihrem Ex-Chef

Foto: Jae C. Hong/ AP

Wenn Heike von der Fecht bei Apple etwas zu sagen hätte, würde sie den Schreibtisch von Steve Jobs erhalten, wie er ist. "Zeit für Trauer ist eine gute Investition", sagt sie. Wer die Mitarbeiter zum Weitermachen zwinge, als wäre nichts geschehen, müsse sich nicht wundern, wenn sie später krank würden.

Heike von der Fecht ist Trauerbegleiterin, spezialisiert auf Todesfälle in Unternehmen. Im April hat sie sich mit der Trauerakademie Berlin-Brandenburg selbständig gemacht. Sie ist keine Bestatterin, sie bietet nur Begleitung und Gespräche an. "Heute gibt es keinen Platz mehr für die Auseinandersetzung mit dem Tod, gerade in der Firma", sagt sie. Das Geschäft läuft gut, immer weniger Menschen wissen, wie sie mit ihrer Trauer umgehen sollen. Für Gruppengespräche verlangt Fecht 100 Euro für 90 Minuten.

Auch Mechthild Herberhold steht Firmen in Trauerfällen zur Seite: Vor sechs Jahren hat sie "Ethik konkret" gegründet. "Wichtig ist, dass die Trauer im Unternehmen einen Platz bekommt", sagt sie.

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Stilles Gedenken: Wie Apple-Mitarbeiter trauern

Foto: Kevork Djansezian/ Getty Images

Vom Tod ihres Partners erfuhren Stefan Füchtner und Roman Müller-Albrecht, Gründer der Personalberatung Gemini, auf dem Weg zu einer Kundenveranstaltung, zu der sich auch der bayerische Ministerpräsident angekündigt hatte. Robert Loer sollte mit dem ICE aus Köln anreisen. Er starb im Zug an einem Herzinfarkt.

In den eineinhalb Wochen zwischen dem Tod des 55-Jährigen und seiner Beisetzung setzten sich Füchtner und Müller-Albrecht mit allen Mitarbeitern jeden Morgen 20 Minuten lang zusammen. "Wir haben Nachrufe und Kondolenzschreiben vorgelesen, die Pläne zur Beisetzung erläutert, zusammen getrauert", sagt Füchtner. An jedem Standort stellten sie ein Foto von Robert Loer auf, in Bad Homburg stand auch eine Kerze daneben. "Man konnte sich hinsetzen, innehalten, eine Minute bei ihm sein", so der Gemini-Mitgründer.

Ein freier Tag für die Beerdigung des Chefs

Ein gutes Beispiel für gelungene Trauerarbeit. "Ein Abschiedsritual oder ein Kondolenzbuch kann den Mitarbeitern helfen, ihre Trauer auszudrücken", sagt Ethik-Beraterin Herberhold. "Oder man setzt sich zusammen, schaut Fotos und Videos von Betriebsfeiern an und tauscht Erinnerungen an den verstorbenen Chef aus." Laut Heike von der Fecht könnten die Mitarbeiter zum Geburtstag des Toten trotzdem einen Blumenstrauß kaufen und zusammen feiern. Auch eine Zeitlang Schwarz zu tragen, kann helfen.

Ein großes Foto mit Trauerbinde, Kerze und Kondolenzbuch im Foyer - so gedachte die Freiburger Firma Solar-Fabrik ihres Chefs. Viele Mitarbeiter gingen zur Trauerfeier. Bei der Personalberatung Gemini kamen mehr als die Hälfte aller 130 Beschäftigten zur Beerdigung. Die Kosten für Anreise und Arbeitsausfall trug das Unternehmen.

Die Beschäftigten der Uhrenfabrik Junghans gestalteten sogar einen eigenen Gedenkgottesdienst für den verstorbenen Leiter Werner Wicklein. Für Trauerberaterin Fecht eines der besten Beispiele, wie man mit dem Tod des Chefs umgehen sollte. Sie erzählt von einem anderen Unternehmen, in dem die Mitarbeiter für einen Trompeter bei der Trauerfeier zusammengelegt hatten: "Blumen verwelken, Musik hat man noch Jahre im Ohr."

Auch Grabbeigaben wie Briefe könnten Mitarbeiter organisieren. Heike von der Fecht schlägt Ungewöhnliches vor: "Wenn der Tote gern Wein getrunken hat, kann man eine Flasche Wein in den Sarg legen. Auch bei Urnen geht das: Hat der Verstorbene für sein Leben gern geraucht, kann man neben der Aschekapsel Zigaretten hineinlegen."

Für Kevin Schütt war der Verlust des Firmengründers besonders schwer: Der Chef von Schütt Optik war sein eigener Vater, er verunglückte nachts bei einem Autounfall. "Ich habe die Mitarbeiter persönlich informiert, das war schon ein harter Brocken, ich hatte ja selbst erst wenige Stunden zuvor von der Polizei die Nachricht bekommen", sagt Schütt.

"Nach dem Tod darf kein Schweigen einsetzen"

In jeder der Filialen in Köln, Düsseldorf und Hamburg setzte sich der Junior-Chef mit den Mitarbeitern zusammen. Sie organisierten Trauerkarten und Kränze, die engsten Vertrauten kamen zur Beerdigung. Ganz offen war die Kommunikation trotzdem nicht: "Ich merkte, dass die Mitarbeiter manchmal verlegen waren, aus Mitgefühl mir gegenüber."

Laut Heike von der Fecht darf hier kein Schweigen einsetzen. Denn bei aller Betroffenheit - das Geschäft muss weiterlaufen: "Es geht nicht zuletzt um einen möglichen wirtschaftlichen Schaden. Wer kann sich schon einen Mitarbeiter leisten, der wegen Depressionen monatelang krank ist?"

Schon am Tag nach dem Tod von Firmenmitgründer Robert Loer schickten seine beiden Kompagnons Füchtner und Müller-Albrecht einen langjährigen Kollegen in Loers Kölner Büro, der versuchte, den Menschen dort den Boden unter den Füßen wiederzugeben. "Seine 30 direkten Mitarbeiter hat sein Tod besonders getroffen, für viele war er eine Vaterfigur", sagt Füchtner.

Gerade wenn der Chef die Linie des Unternehmens geprägt habe, müsse man sich ganz bewusst fragen, was übernommen werden soll, sagt Trauerberaterin Herberhold.

Optiker-Erbe Kevin Schütt stand mit 29 Jahren plötzlich an der Spitze eines 60-Mann-Unternehmens. "Alle fragten sich: Wie geht's weiter? Geht's überhaupt weiter?", erinnert er sich. Obwohl klar war, dass er der Nachfolger werden würde, gab es genug Probleme zu klären: "Es war 2004, es war Krise, es standen Kündigungen an. Da gab es dann schon Kompetenzgerangel."

Auch bei der Personalberatung Gemini mussten organisatorische Probleme gelöst werden. Robert Loer war nicht nur Mitgründer und Leiter des Kölner Büros, er verwaltete auch die Finanzen und das Personal, war Geschäftsführer und Gesellschafter. Dass seine Anteile im Unternehmen blieben, war nicht selbstverständlich. "So unerwartet und erschütternd Robert Loers plötzlicher Tod auch war, er hat unseren Zusammenhalt gestärkt und uns näher zusammenrücken lassen. Dieser Effekt hält bis heute an", sagt Füchtner.