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30. November 2012, 14:11 Uhr

Traumberuf Fußballprofi

"Schon Achtjährige werden als Bayern-Schnösel gedisst"

Von Alexander Linden

Fußballer Mats Hummels schaffte den raketenartigen Aufstieg, bei Timo Heinze zündete die zweite Stufe nicht. Über seine gescheiterte Profikarriere hat er ein Buch geschrieben. Jetzt trafen sich die beiden Ex-Bayern zu einer Diskussion in Köln - und gleich wurde der Hörsaal zur Fankurve.

Da ist dieser Moment, als Mats Hummels nicht mehr an sich halten kann. Minutenlang hört der Dortmunder Meisterspieler dem Sportpsychologen Jens Kleinert zu: wie der Kopf die "Beine langsam machen kann", wenn ein Fußballer zu viel zweifelt, wenn er an Verletzungen herumlaboriert, Geist und Körper nicht im Einklang sind, die Mannschaft einen Rückkehrer nicht richtig integriert - das "motivationale Klima" leide.

Hummels holt tief Luft und lässt es raus: "Das Wichtigste ist die Meinung des Trainers, sie wirkt sich aus, und darauf kommt es an." Natürlich könne ein Trainer die Karriere behindern, und natürlich falle man in ein Leistungsloch, wenn das Vertrauen zu sich selbst weg sei. Aber "motivationales Klima"? Kein Begriff aus der Fußballerwelt, "das klingt steif".

Mittwochabend an der Sporthochschule Köln, Nationalspieler und BVB-Verteidiger Mats Hummels ist Stargast der Veranstaltung "Traumberuf Fußballprofi?". Er sagte sofort zu, als sein alter Weggefährte Timo Heinze die Diskussionsrunde initiierte. Heinzes Buch "Nachspielzeit" sorgt gerade für viel Aufsehen. Der frühere Bayern-Spieler beschreibt darin sein abruptes Scheitern und seinen Weg zurück in den Alltag. Ehemalige Mitspieler wie Thomas Müller, Georg Niedermeier, Michael Rensing und eben Mats Hummels, allesamt in der Bundesliga erfolgreich, reagierten begeistert auf das Buch.

"Den 99 Prozent, die es nicht schaffen, eine Stimme geben"

Timo Heinze studiert jetzt im fünften Semester an der Sporthochschule, für Hummels ist der Hörsaal ungewohntes Terrain. Den beiden sekundiert Sportpsychologe Jens Kleinert von der Initiative MentalGestärkt; es moderiert Sven Voss vom "Aktuellen Sportstudio" des ZDF. Hummels soll erzählen vom vermeintlichen Traumberuf - und Heinze von seinen traumatischen Erlebnissen, vor knapp 700 Zuhörern.

Hier muss Mats Hummels seine Rolle erst finden, die Studenten kleben an seinen Lippen: Sagt er was zum BVB? Plaudert er über Interna? Sven Voss sorgt dafür, dass es zu einer kurzweiligen Diskussionsrunde wird, über den Traum Tausender junger Männer, die meist viel zu früh aufwachen müssen. Denn genau dafür steht Timo Heinze. "Ich wollte den 99 Prozent eine Stimme geben, die es nicht schaffen. Ich wollte zeigen, warum man scheitern kann, wohin das führen und vor allem wie schnell das gehen kann", sagt er über sein Buch.

Emotional und offen erzählt Heinze von seinem tiefen Fall und vom Entschluss aufzuhören, "bevor die Seele noch mehr Schaden nimmt". Vor allem erzählt er von seiner Verletzungsmisere, immer neuen Ärzten ("Sie haben mir wieder und wieder Spritzen in die Narben gerammt"), seiner stillen Traurigkeit, als ihn keiner der Kameraden im Krankenhaus besuchen kam. Aber auch davon, wie schön es war, als er nach mehr als einem Jahr neben Torwart Michael Rensing stand und Bälle schlagen konnte - ohne Schmerzen.

"Mein Vater hat mich gewarnt. Hab ich nie drauf gehört"

Mats Hummels ist ein eher nüchterner Typ. Aber auf dem Podium erzählt er auch, wie er als Achtjähriger mit seinem "4You"-Tornister "als arroganter Bayern-Schnösel gedisst" wurde oder dass er mit alten Freunden aus München oft nur noch "im Gruppenchat" quatschen könne ("Wenn ich eine Einladung zur WG-Party annehme, nimmt mich keiner mehr ernst"). Und dass Borussia Dortmund zwar einen Psychologen habe, aber eben auch einen Trainer, "der gerne viel redet", den immer ansprechbaren Kommunikator Jürgen Klopp.

Und die berühmte "Bayern-Familie", mit dem Übervater Uli Hoeneß und dem langjährigen Jugendtrainer Hermann Gerland (Moderator Sven Voss: "Timo, hättest du gern Gerland zum Psychologen geschickt?")? Tja. Für Timo Heinze hat die "Bayern-Familie" mehr oben im Haus der ersten Mannschaft gewohnt, bei den Amateuren unten sei davon nicht viel zu spüren gewesen. Aber noch heute fiebert Heinze bei jedem Spiel mit den Bayern.

Der Sportpsychologe Jens Kleinert erläutert, dass Mobbing im Fußball selten sei - das gelte aber ebenso für echte Freundschaften. Umso wichtiger sei für Profis ein stabiles privates Umfeld. Auch Mats Hummels beschreibt das Business als oberflächlich und sieht eine zynische Schnelllebigkeit. Nur seien solche Aspekte einem jungen Profi völlig egal. "Mein Vater hat mich auch gewarnt. Hab ich nie drauf gehört", so Hummels. Ob man immer nur einen Verein lieben könne? Ein Mythos, sagt er. Obgleich er dort groß wurde, empfinde er heute nichts mehr für den FC Bayern.

Pappschalen wie auf der Dortmunder Südtribüne

Wie genau man jungen Spielern helfen könnte, mit den Belastungen und auch Scheinheiligkeiten des Gewerbes umzugehen - Timo Heinze spricht's an, es kommt in der Runde aber zu kurz, ebenso wie Fragen nach echten und falschen Freunden oder nach den komplizierten Verbindungen zu Fans.

Das kann grotesk sein, wie sich auch im Hörsaal zeigt: Da werden wie in der Fankurve BVB-Meisterschalen aus Pappe geschwenkt, und in der Fragerunde will gleich der erste Student nichts wissen über die Risiken und Nebenwirkungen des Fußballerberufs. Lieber fragt er nach dem vergeigten Spiel der Nationalelf gegen Schweden.

Heinze bemüht sich um Haltung, Voss dagegen legt demonstrativ entgeistert seinen Kopf auf den Tisch, auch Hummels ist ziemlich fassungslos - zumal er beim Schweden-Spiel gar nicht dabei war. Am Ende der Debatte bedrängen Studenten den Dortmunder Fußballstar wie Vampire, alle Stellwände auf der Bühne kippen um. So bekommt man eine Ahnung, worauf Nachwuchsprofis mit großen Hoffnungen sich einstellen müssen.

Und dann sind da noch die leiseren, wahrhaftigen Augenblicke. Nach der öffentlichen Veranstaltung, als Timo Heinze mit Familie, Freunden und früheren Weggefährten aus München in einem reservierten Raum in der Kölner Innenstadt feiert. Mats Hummels ist da, Torhüter Michael Rensing schaut kurz vorbei. Und es ist, als wären sie nie auseinander gewesen.

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