Truppenbetreuung der Bundeswehr Die Spaßkompanie

Alexander Kleiszmantatis ist Truppenbetreuer bei der Bundeswehr. Er hält die Soldaten bei Laune, stärkt ihre Kampfmoral mit Comedy-Gastspielen und Xavier-Naidoo-Konzerten. Die Prominenten kommen gern - nur auf ihren Lieblingsstar warten die Kämpfer noch.

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Helene Fischer in Afghanistan, das wäre der Coup. Viel Zeit bleibt Alexander Kleiszmantatis, 34, nicht mehr, um sie für den Auftritt zu begeistern. Bis Ende 2014 will die Bundeswehr alle Soldaten vom Hindukusch abgezogen haben. Aber auch im Kosovo oder in der Türkei sehnen sich viele nach der Schlagersängerin. Schick uns doch mal Helene Fischer! Kleiszmantatis weiß nicht mehr, wie oft er diese Bitte schon gehört hat.

Der Offizier leitet bei der Bundeswehr das Sachgebiet "Betreuung im Einsatz". Er organisiert Lesungen und Konzerte für Soldaten in Masar-i-Scharif, schickt DVD-Pakete und Spielekonsolen ans Horn von Afrika, lässt Glasfaserkabel fürs W-Lan in Mali verlegen. Spaßkompanie werden er und seine vier Mitarbeiter gerne mal genannt. Kleiszmantatis kann darüber lachen.

Er weiß, wie es ist, in einem Bundeswehrcamp zu leben. Wie sehr man sich dort plötzlich auf einen Zeichentrickfilm freut, auf einen Spieleabend mit Monopoly, auf ein Konzert mit Peter Maffay. Insgesamt zwölf Monate war er als Zugführer im Kosovo stationiert. "Unterhaltung ist ein wesentlicher Faktor für die Motivation", sagt er.

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Ob Kurt Krömer, Matze Knop oder Xavier Naidoo - Alexander Kleiszmantatis macht aus Prominenten "Betreuungsmaßnahmen". Sie sollen dem Soldatenalltag "vorübergehend ein menschliches, ziviles Antlitz geben - inmitten einer Welt von Brutalität, aber auch nervtötender Langeweile", so formuliert es Historiker Alexander Hirt in einer Studie zum Thema Truppenbetreuung. Das Unterhaltungsprogramm sei ein "psychisches Ventil für die im Kriegsalltag angestauten Probleme". Wer regelmäßig abgelenkt wird, flippt nicht so schnell aus.

Geld bekommen die Besucher nicht für ihre Auftritte, nur die Anreise zum Bundeswehrflughafen in Köln wird ihnen erstattet. Von dort geht es weiter mit Militärmaschinen. "Wir nutzen die bestehenden Flugpläne", erklärt Kleiszmantatis. Entsprechend lange müssen die Gäste dann auch im Camp bleiben. Afghanistan wird zweimal pro Woche angeflogen, Mali nur alle 14 Tage. Aber in Mali sind auch nur 88 Bundeswehrsoldaten stationiert. Und Promis auf Krisengebietstour wollen großes Publikum. In Afghanistan leben noch immer 3917 deutsche Soldaten. Da ist ein volles Haus garantiert- und eine hübsche PR-Geschichte. Kurt Krömer hat über seinen Trip gar ein Buch geschrieben.

Wollt ihr den Mountainbiker oder doch die Blaskapelle?

"Die meisten Künstler melden sich bei uns, wir telefonieren nur ganz selten jemandem hinterher", sagt Kleiszmantatis. "Wir haben so viele Angebote, wir könnten jede Woche zwei Auftritte in Afghanistan organisieren." Zwei pro Monat, mehr sollen es dann doch nicht sein, und so sind Kleiszmantatis und seine Kollegen vor allem mit Absagen beschäftigt. Vom Mountainbiker, der über Panzer fahren will, bis zur Blaskapelle ist alles dabei. Das letzte Wort haben die Soldaten vor Ort. Sie entscheiden, wen sie sehen und hören wollen. Wer Musik zum Mitsingen macht, habe gute Chancen, sagt Kleiszmantatis. Aber auch eine Geigerin und ein Pianist bekamen schon den Zuschlag. Das Klavier wurde extra eingeflogen.

Den meisten Künstlern gehe es wirklich um die Unterstützung der Truppe, ist der Offizier überzeugt: "Die Abenteuerlust spielt sicher auch eine Rolle, aber nur zu Werbezwecken macht das niemand." Schließlich gehören auch kratzige Bettwäsche, Kantinenessen, Gemeinschaftsbad und, wenn es schlecht läuft, Raketenbeschuss zur Reise dazu. Keine guten Argumente, um jemanden wie Helene Fischer zu überzeugen. Kleiszmantatis versucht es trotzdem.

Sie seien Dienstleister der Soldaten, sagt er. "Eine kleine Event-Agentur." Wie klein sie sind, daran erinnert in ihrem Büro ein Din-A4-Blatt mit einem Zitat aus dem SPIEGEL:

"Die Amerikaner haben die United Service Organisation mit weltweit 160 Büros und einem Budget von über 100 Millionen Dollar. Die Deutschen haben für die Unterhaltung von Soldaten im Einsatz ein Büro in Deutschland und in Afghanistan zwei dafür abgestellte Soldaten."

Der Zettel hängt an einem Schlüsselkasten neben der Tür. "Willkommen in diesem Büro", haben Kleiszmantatis und seine Kollegen darunter geschrieben.

Gelobt werden immer die anderen

In dem SPIEGEL-Artikel geht es um den Auftritt des Schauspielers Clemens Schick vor Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Namentlich genannt werden nur die Kollegen vor Ort. "Der Ruhm geht meistens an andere, aber das ist schon in Ordnung so", sagt Kleiszmantatis.

Sie sind die Heinzelmännchen im Hintergrund, die Vermittler zwischen den Wünschen der Soldaten und den Anforderungen des Einsatzes. Die Soldaten wollen skypen? Kleiszmantatis und seine Kollegen suchen einen passenden Internetanbieter. Die Soldaten wollen Schokoladeneis in der Feldkantine kaufen? Sie suchen einen Lieferanten, der die strengen EU-Vorschriften erfüllt. Die Soldaten wollen ein Oktoberfest? Sie geben ihnen Geld, um blau-weiße Girlanden zu kaufen. "Den Rest schaffen sie schon alleine", sagt Kleiszmantatis und lacht.

Im Internet können die Soldaten alles bestellen, was sich an deutsche Adressen liefern lässt, egal, ob sie nun gerade in Dschibuti oder im Senegal stationiert sind. Die Feldpost macht es möglich. Nur die Einfuhrbestimmungen müssen beachtet werden. Auf Pakete mit Bier oder Wurst aus der Heimat müssen die Soldaten deshalb verzichten. Wie schwer das fallen kann, wissen Kleiszmantatis und seine Kollegen. Sie reisen selbst immer wieder an die Einsatzorte.

Kleiszmantatis gehörte zum Erkundungstrupp der Bundeswehr für den Nato-Einsatz in der Türkei. In Kahramanmaras, rund 100 Kilometer nördlich der Grenze zu Syrien, sind mittlerweile 280 deutsche Soldaten stationiert, die den türkischen Streitkräften im Notfall bei der Abwehr syrischer Raketen helfen sollen. Sie sind in einer Kaserne des türkischen Militärs untergebracht, dürfen aber nur einen Teil davon benutzen. "Wir haben eine leere Turnhalle zur Verfügung gestellt bekommen, aber da regnet es rein", erzählt Kleiszmantatis.

Kurzerhand stellte er ein Zelt in der Halle auf, besorgte eine Klimaanlage und Fitnessgeräte. Er suchte eine passende Joggingstrecke, handelte einen Vertrag mit einem Mobilfunkanbieter aus, richtete ein Hörfunkstudio für das Bundeswehrradio "Andernach" ein. Doch wenn die Soldaten jetzt das Programm hören wollen, müssen sie eine CD einschieben. Die Türkei hat der Bundeswehr keine Radiofrequenzen freigegeben. "Wir arbeiten dran", sagt Kleiszmantatis.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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rawe385 09.10.2013
1. Frage
Schönes Stück. Ich würde wirklich gerne wissen, woher der Offizier mit dem klangvollen Namen stammt bzw. seine Vorfahren.
lensenpensen 09.10.2013
2. Also ich kann nur eine Vermutung...
Zitat von rawe385Schönes Stück. Ich würde wirklich gerne wissen, woher der Offizier mit dem klangvollen Namen stammt bzw. seine Vorfahren.
äußern, aber bei der Nachnamenendung würde ich auf Griechenland tippen. Wenn man die griechische Form von Alexander nehmen würde, ergäbe sich "Aléxandros Kleiszmantatis", was griechisch klingen würde. Aber es ist ja auch egal. Der Herr Major macht einen wichtigen Job, mit den ihm gegebenen Mitteln.
heyheymymy 09.10.2013
3. optional
Ich würde wirklich gerne wissen, warum Sie das so brennend interessiert. Ist es nicht völlig egal warum und in welchem Kontext ein Mensch seinen Nachnamen trägt?
gsm900 09.10.2013
4. Aus dem Nordosten
Zitat von rawe385Schönes Stück. Ich würde wirklich gerne wissen, woher der Offizier mit dem klangvollen Namen stammt bzw. seine Vorfahren.
Verteilung des Namens "Kleiszmantatis" in Deutschland - verwandt.de (http://www.verwandt.de/karten/absolut/kleiszmantatis.html) Auf den baltischen Wikipediaseiten ist der Name unbekannt: Otsingu "Kleiszmantatis" tulemused - Vikipeedia, vaba entsüklopeedia (http://et.wikipedia.org/w/index.php?search=Kleiszmantatis&button=&title=Eri%3AOtsimin) Mekl (http://lv.wikipedia.org/w/index.php?search=Kleiszmantatis&button=&title=Special%3ASearch) Paie (http://lt.wikipedia.org/w/index.php?search=Kleiszmantatis+&title=Specialus%3APaie%C5%A1ka) ebenso in Polen Wyniki wyszukiwania (http://pl.wikipedia.org/w/index.php?search=Kleiszmantatis&button=&title=Specjalna%3ASzukaj)
Manitou-01@gmx.de 09.10.2013
5. Internet und Drahtfunk
Keine Frequenzen in der Türkei? Wozu gibt es Internet-Radio, damit könnte man auch Radio Andernach übertragen (ggf. verschlüsselt, Feind soll nicht mithören). Und im Objekt richtet man Drahtfunk ein, sozusagen den Vorgänger des Kabelfernsehens.
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